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Wir basteln uns eine Autokrise

Ein Automobil ist ein Fahrzeug, das selbst fährt. Demnach ist eine Autokriseetwas, was selbst gemacht ist. Für Italien trifft dies weitgehend zu. Die Politik hat den Bogen einfach überspannt.

Robert Weißensteiner von Robert Weißensteiner
18. Januar 2013
in Gesellschaft
Lesezeit: 3 mins read

Im vergangenen Jahr wurden in Italien nur mehr 1,4 Millionen Pkw neu zugelassen, das sind 20 Prozent weniger als 2011 – als noch 1,75 Millionen Neuwagen abgesetzt werden konnten – und eine Million (!) weniger als in den besten Zeiten, etwa in den 1990er-Jahren oder zuletzt 2007. Die Verkaufszahlen sind damit auf den Stand von 1979 gesunken.

Wir stellen fest: Die Wirtschaftskrise ist auch eine Autokrise. Die Unsicherheiten und die steigende Belastung durch Steuern und Abgaben veranlassen die Italiener, ihr altes Auto länger zu fahren als früher oder auch ganz auf ein Auto bzw. ein Zweitauto zu verzichten. Wertverlust und Betriebskosten summieren sich nämlich zu Beträgen, die manche Haushalte nur noch schwer aufbringen können.

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Oder aufbringen wollen! Die Krise am italienischen Automarkt ist auch deshalb besonders ausgeprägt, weil Italien ein Land mit einer sehr hohen Pkw-Dichte ist (es zirkulieren 36 Millionen Autos, das sind etwa 600 je 1.000 Einwohner), sodass der Markt seit Jahren nicht mehr wachsen kann. Dazu kommt aber noch ein Faktor, der schwer wiegt: Der Staat hat den Italienern ihre Freude am Fahren, ihren Wunsch nach individuell gestaltbarer Mobilität nach und nach vergällt, indem er Rahmenbedingungen schuf, die die Lust aufs Auto stark einbremsen. Die Treibstoffpreise gehören hierzulande zu den höchsten in Europa, während die Durchschnittseinkommen hinter jenen der am stärksten entwickelten Volkswirtschaften zurückliegen. Laut einer Aufstellung des Automobilclubs von Deutschland kostete Diesel Ende 2012 in Italien im Schnitt 1,70 Euro (teurer war er nur in Norwegen und Großbritannien), während er im Schnitt der EU-Staaten für 1,41 Euro zu haben war, in Frankreich für 1,35, in Deutschland für 1,41 und in Österreich für 1,38 Euro. Auch beim Preis für Superbenzin liegt Italien an die 30 Cent über dem EU-Schnitt und an zweiter Stelle in Europa. In den letzten gut drei Jahrzehnten haben die Regierungen jeder Couleur Finanzprobleme immer wieder auch mit einer Anhebung der sogenannten Akzisen auf Benzin und Diesel bekämpft. Zuletzt wurde die Treibstoffsteuer angehoben, um den Wiederaufbau nach dem Erdbeben in der Emilia-Romagna zu finanzieren. Die knapp zwei Cent pro Liter werden wir wohl in 20 Jahren auch noch zahlen.

Damit aber nicht genug. Die Verkehrssteuer, die in Italien eine Autobesitzsteuer ist, gehört nicht zu den bescheidensten in Europa, für die Benutzung aller Autobahnen (außer jener südlich von Salerno) muss Maut bezahlt werden, die Kfz-Versicherungsprämien sind deutlich höher als jene im benachbarten Ausland und die Abschreibung von Firmenwagen wurden immer stärker eingeschränkt. Obendrein erhebt der Staat unverschämt hohe Verkehrsstrafen, die in extremen Fällen existenzbedrohend sind. Dazu kommt, dass Autofahrer in vielen Städten regelrecht drangsaliert werden: Es gibt immer weniger kostenlose öffentliche Parkplätze, in den gebührenpflichtigen Gebieten langen die Städte und Gemeinden ordentlich zu, und bei Tempo 30 in den Ortszentren sind die Autofahrer langsamer als ein guter 100-Meter-Läufer.

Über Jahre haben Politik und Verwaltung den Teilnehmern am Individualverkehr immer mehr Lasten aufgehalst, wohl vermutend, dass sie ob ihrer Liebe zum Auto keine Kosten scheuen und allen Ärger auf sich nehmen. Das Kalkül ist auch lange Zeit aufgegangen. Aber in Kombination mit der gegenwärtigen Unsicherheit scheint das Fass jetzt voll geworden zu sein: Die Autofahrer streiken. Und jetzt ist das Wehklagen darüber, das eine Schlüsselindustrie wegbricht, groß. Sieben Milliarden Umsatz haben die Hersteller 2012 eingebüßt, viele Tausend Arbeitsplätze gehen verloren, der Staat muss enorme Einnahmenausfälle verkraften. Alte Gegenmittel wie staatliche Verschrottungsprämien sind ausgereizt – und es läuten die Alarmglocken. Statt über die Beseitigung alter Lasten wird über neue Hilfen nachgedacht, wobei sich die Pläne im staatlichen Haushaltsloch verlieren.

Wenn die Autokrise wenigstens der Umwelt nützen würde! Aber nein: Die hiesige Absatzflaute kann das Weltklima nicht retten. Laut einem Bericht der Financial Times laufen in China im heurigen Jahr voraussichtlich 19,6 Millionen Pkw und leichte Transporter vom Band, zum ersten Mal mehr als in allen Staaten Europas einschließlich Russlands und der Türkei zusammen. Was wir sparen, wird andernorts in die Luft geblasen. Macht nichts: Wir haben ja unseren öffentlichen Nahverkehr (bald mit Bussen aus China und Zügen aus Indien?). Da tröstet nur die Gewissheit, dass die Autokrise irgendwann auch das Reich der Mitte erreichen wird. Aber dann werden wir schon auf den nächsten Kondratjew-Zyklus aufgesprungen sein und unser Geld für andere Dinge ausgeben (oder gar keines mehr haben).

Schlagwörter: 03-13freenomedia

Ausgabe 03-13, Seite 7

Robert Weißensteiner

Robert Weißensteiner

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