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Ein schönes Haus und selten daheim

In Südtirol gibt es viele schöne Villen. Dort zu wohnen, scheint ein Wunschtraum. Dabei kann man eine überraschende Beobachtung machen: je schöner das Haus, desto seltener sind die Bewohner zu Hause.

Robert Weißensteiner von Robert Weißensteiner
14. Juni 2013
in Gesellschaft
Lesezeit: 3 mins read

Ich habe einen Bekannten, der Mitte achtzig ist, aber immer noch ungemein aktiv. Er hat eine große handwerkliche Begabung und hält sich körperlich und geistig fit, indem er aus Spaß an der Freud kleine Arbeiten annimmt, Aufträge, für die sich kaum jemand findet, und für die er oft überraschende Lösungen findet. Dem einen bastelt er ein geradezu innovatives Dach für den Bienenstand, dem anderen errichtet er einen Holzzaun, damit die Kinder nicht in den Gartenteich fallen, dem Dritten schnitzt er ein Wasserrad für die Enkel, das eine Holzfigur bewegt. Nicht verzagen, den Toni fragen, sagen manche, die eine Arbeit zu erledigen haben, die von recht geringem Umfang ist, aber viel Geschick verlangt, Einfühlungsvermögen, Grundkenntnisse in oft mehreren Gewerken und auch ein wenig technisches Know-how. Wer kann noch sogenannte Spelten aus einem Lärchenstamm spalten und damit einen Zaun ausbessern, wobei die Bretter mithilfe von feuerbehandelten Baumästen mit den Querbalken verbunden werden?

Nun, dieser Mann war kürzlich bei mir zu Besuch, weil ich ihn gebeten hatte, zu kommen, um sich ein Bild von einer kleinen Arbeit zu machen, für die ich keinen Handwerker finde, die ich aber nicht selbst erledigen kann, weil ich erstens dafür nur zwei linke Hände und zweitens keine Zeit habe. Nach der Begutachtung meines Vorhabens sind wir ins Haus gegangen und ich habe ihm etwas zu trinken angeboten. Er erbat sich ein Glas Rotwein und hat sich ohne zu zögern für einen St. Magdalener entschieden. Dann haben wir ein bisschen über alte Zeiten geplaudert, und er hat sich immer wieder verstohlen umgeschaut, denn das Interieur oder auch die Bauweise mit viel Glas schienen ihm nicht ganz geheuer. Dann fragte er mich, ob ich denn keine Angst vor Einbrechern hätte, wo das Haus doch ganz alleine steht und nicht gerade ausschaut wie Fort Knox. Nein, sagte ich, das sei nicht der Fall, denn Einbrecher würden vermutlich gar nicht erst herfinden – und außerdem sei bei mir nichts zu holen, weil ich nie Geld im Haus habe, keine Bilder von erheblichem Wert und auch keine teuren Schmuckstücke. Deshalb würde ich mir keine Sorgen machen, auch wenn oft niemand zu Hause sei.

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Diese letzte Aussage veranlasste ihn zu einer kurzen Nachdenkpause. Er kratze sich am Kinn und teilte mir dann eine Beobachtung mit, die ihn erstaunt: „Es ist schon seltsam“, sagte er, „die Leute mit den schönsten Häusern sind am seltensten zu Hause. Dabei muss es doch herrlich sein, in so einer Villa mit einem gepflegten Garten zu wohnen, wie man sie oft sieht. Wo die Behausung hingegen recht armselig ist, da trifft man immer jemanden an, als ob es gelte, sie zu bewachen und zu schützen.“ Und dann zählte er auf, wer so in seinem Bekanntenkreis sehr komfortabel oder luxuriös wohnt, aber immer unterwegs und somit kaum zu Hause ist, als sei es dort nicht schön und angenehm.

Eine Erklärung für dieses für ihn nicht nachvollziehbare Verhalten fand der Mann auf Anhieb nicht. Deshalb habe ich versucht, ihm mögliche Gründe für die häufige Abwesenheit der Villenbesitzer zu nennen. „Eine solche Villa kann sich nur leisten, wer das nötige Kleingeld hat, und das besitzen in der Regel Menschen, die einerseits viel und anderseits sehr erfolgreich arbeiten. Die gehen meist schon früh aus dem Haus, sind mittags auswärts und kommen spät zurück. Und wenn sie einmal früher daheim sind, legen sie sich nicht auf ihre einladende Terrasse, sondern gehen zum Joggen, auf die Jagd oder zum Fischen. Die Frauen sind meist auch berufstätig und häufig unterwegs, sie begleiten die Kinder, gehen ins Theater, spielen Tennis oder trainieren sich im Fitnesscenter eine gute Figur an. Und am Wochenende nutzen diese Menschen ihre Villa auch nicht, denn da gehen sie Golfen, Skifahren oder unternehmen eine Bergwanderung.“

Das schien dem Bekannten einsichtig, und er meinte, an manchen Häusern erfreuten sich die Gäste mehr als die Hauseigentümer. Das könnte durchaus zuweilen der Fall sein, erwiderte ich, und er schlussfolgerte daraus: „Oft ist es wohl vorteilhafter, jemanden zum Freund zu haben, der ein Traumhaus mit Schwimmbad und Sauna besitzt als selbst eine solche Villa zu haben.“

Mir scheint, der Mann hat ein wenig Recht. Süßes Nichtstun, Muße und Zeit zum „schönen Wohnen“, das haben selten jene, die am schönsten wohnen. Und ich selbst? Ich habe keine Luxusvilla, bin aber auch zu selten zu Hause. Unglücklich macht mich beides nicht.

Schlagwörter: 24-13freenomedia

Ausgabe 24-13, Seite 7

Robert Weißensteiner

Robert Weißensteiner

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