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Willkommen, ihr Prunkbauten

Wenn es darum geht, wo die öffentliche Hand sparen kann, werden in Südtirol garantiert die Prunkbauten genannt. Ich liebe schöne Dinge, und deshalb krieg ich Kopfweh wegen dieser Verallgemeinerung.

Robert Weißensteiner von Robert Weißensteiner
1. März 2013
in Allgemein
Lesezeit: 3 mins read

Wir Menschen neigen zu einer starken Vereinfachung von Sachverhalten, was der Komplexität vieler Fragen nicht gerecht wird oder gar zu falschen Behauptungen führt. Manche Zeitgenossen meinen zum Beispiel ungeniert, man brauche nur die Kosten der Politik zu senken, und schon hätten wir keine Probleme mehr mit der Staatsverschuldung. Wie denn das? Wir haben zwei Billionen Schulden, zahlen dafür bald 90 Milliarden Zinsen und glauben, die Lage dadurch bereinigen zu können, dass wir die Bezüge der Parlamentarier und Regionalratsabgeordneten halbieren, wodurch wir 300 Millionen einsparen? Nein: Die Senkung der Politikkosten ist eine moralische Notwendigkeit, aber nur ein geringer Beitrag zur Lösung unserer Finanzprobleme.

Die zweitliebste Forderung betrifft die Prunkbauten. Man müsse, so heißt es, nur auf die Prunkbauten verzichten, dann hätten wir viel Geld für andere Dinge, für den öffentlichen Gesundheitsdienst, für die Ausbildung, für die Familien und vieles mehr. Nun: ein Prunkbau ist laut Wörterbuch ein prunkvoller Bau, und in der Online-Version des Dudens wird zur Verdeutlichung ein Bild von Schloss Belvedere in Wien gezeigt. Diese herrliche Anlage ist im Auftrag von Prinz Eugen von Savoyen (1663 bis 1736) von Johann Lucas von Hildebrandt errichtet worden, und die beiden barocken Schlossbauten bergen heute die Sammlungen der Österreichischen Galerie Belvedere. Der Schluss, der daraus zu ziehen ist: Das Belvedere gäbe es nicht, wenn unsere Vorfahren einst davon abgesehen hätten, Prunkbauten zu errichten. Die Pyramiden in Ägypten, die Akropolis in Athen, der Petersdom in Rom, der Dogenpalast in Venedig, der Louvre in Paris samt seinem zeitgenössischen gläsernen Zubau, der Buckingham-Palast in London, der Kreml in Moskau, die Oper in Sydney, die Hagia Sophia in Istanbul: das sind lauter Prunkbauten, und die, die sie errichten ließen, demnach unverantwortliche Verschwender.

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Damit wird klar: Was Menschen an (schönen) Bauwerken schaffen oder geschaffen haben, hat zwar eine ökonomisch-soziale Dimension, aber halt auch eine kulturelle. „Der Mensch lebt nicht von Brot allein“, stellt schon die Bibel fest, sondern er strebt nach vielen anderen Dingen, in denen er sich erfährt und verwirklicht. Sicher: Wären der Kölner oder Mailänder Dom nie errichtet worden, hätte man den Ponte Vecchio in Florenz etwas bescheidener geplant und nach dem Krieg auf den Wiederaufbau der Semperoper in Dresden verzichtet und das Geld für die vielen zweifellos vorhandenen täglichen Bedürfnisse der unmittelbar betroffenen, oft stark bedürftigen Menschen vergewendet, hätte so manches Leid abgewendet werden können. Aber kann man soziale Anliegen und bleibende Werke gegeneinander aufrechnen? Oder haben beide ihre Berechtigung? Die Vorstellung, dass die Alhambra in Granada, der Lotustempel in Neu Delhi, der Tadsch Mahal im indischen Agra, Schloss Schönbrunn in Wien und Neuschwanstein im Allgäu oder der „nutzlose“ Eiffelturm in Paris als Prunkbauten eingestuft und nie errichtet worden wären, ist erschreckend. Diese Prunkbauten sind Teil der Würze in der Suppe unseres Daseins. Und was wäre Südtirol ohne den Bozner Dom, ohne Schloss Tirol, ohne Brixner Hofburg, ohne Meraner Kurhaus, ohne die vielen Schlösser und Kirchen, von denen viele Prunkbauten sind, wie sie sich heute niemand mehr leisten kann, mag oder darf?

Auch in Südtirol kann bei öffentlichen Bauten gespart werden. Feuerwehrhallen, Schulen, Landhäuser, das alles kann man auch billiger haben, denn es handelt sich um Zweckbauten, die ihren Zweck erfüllen müssen. Aber ein Land wie Südtirol muss sich zuweilen auch etwas leisten, was über das vordergründig Notwendige hinausgeht, etwas Besonderes und langfris­tig Wertvolles ist, was Menschen erfreut und anzieht. Würden wir heute Prag oder Siena besuchen, wenn es dort keine Prunkbauten mit Prunkstatuen und Prunkbildern gäbe? In vielen schönen Dingen, die Menschen geschaffen haben, stecken die Privilegien von Königen, Fürsten und Bischöfen – und der Schweiß derer, die dafür bezahlen mussten. Aber was wäre unsere Welt ohne das, was auf diese Weise ermöglicht wurde? Die Prunkbauten von einst sind die Attraktionen von heute!

In unserer Zeit ist das meiste von dem, was in Sachen Prunkbauten einmal möglich war, unvorstellbar. Wir leben längst von der Substanz. Gerade deshalb aber dürfen wir nicht ganz darauf verzichten, auch etwas zu schaffen, was bleibt (oder bleiben könnte). Wenn das Bozner Museion, die Gärten von Trauttmansdorff, der Felsenkeller in der Laimburg oder vielleicht auch das Brunecker Rathaus Prunkbauten sind, dann bin ich dafür, dass wir uns auch weiterhin Prunkbauten leis­ten. In dieser Hinsicht ist es gut, dass wir zuletzt ein Vierteljahrhundert lang einen Landesfürsten hatten, der da und dort einen prunkvollen Farbtupfer gesetzt hat.

Schlagwörter: 09-13freenomedia

Ausgabe 09-13, Seite 7

Robert Weißensteiner

Robert Weißensteiner

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