Bozen – Das Drehkreuz an der Seceda, zugemüllte Wiesen in St. Magdalena (Villnöß), Blechlawinen allerorts: Der Tourismus sorgt in Südtirol immer öfter für Negativschlagzeilen – selbst über die Landesgrenzen hinaus. „Während Instagram-Hypes immer mehr Besucher anziehen, leiden Natur und Anwohner“, schrieb die Journalistin Antje Blinda Anfang August im Spiegel-Leitartikel. Der Ruf nach wirksamen, nachhaltigen Konzepten wird lauter.
Der Ruf nach wirksamen, nachhaltigen Konzepten wird lauter.
Seinen Teil zur Lösung beitragen möchte ein Südtiroler Start-up: Mediatize. Gegründet haben es zwei Unternehmer, die eine gemeinsame Leidenschaft für Kultur und Innovation teilen. Auf den ersten Blick hingegen verbindet die beiden nicht viel. Der eine heißt Julian Palmarin, 1998 in Bozen geboren. Er besuchte das Torricelli-Gymnasium und ging dann nach Bologna, um Literatur und Geschichte zu studieren. Weil er es seit jeher liebte, innovative Projekte umzusetzen, ihm aber das unternehmerische Wissen fehlte, schrieb er sich als externer Student an der Freien Uni Bozen ein, um Kurse im Studiengang „Entrepreneurship and Innovation“ zu belegen. Eine Entscheidung mit Folgen. Ebendort lernte Palmarin seinen heutigen Geschäftspartner, Sebastian Betz, kennen.
Betz, geboren 1992 in Eichstätt (Oberbayern), studierte „Computer Science“ und stieg anschließend ins Familienunternehmen ein, das im Softwarebereich tätig ist. Aus diesem heraus entstand das Spin-off Ontolis, das Betz mitgründete. Dort arbeitete er zunächst als Software-Entwickler, übernahm aber zunehmend unternehmerische Aufgaben. Da ihm für diese Rolle die entsprechenden Kompetenzen fehlten, suchte er gezielt nach einem Masterstudiengang, der die entsprechenden Fähigkeiten schärfen würde. So stieß er auf das Angebot der Uni Bozen. Südtirol kannte er von mehreren Urlauben. Zum ersten Mal hier war er mit 18 Jahren. „Zwar erwartete ich mir, nach Italien zu reisen, aber Südtirol schaute gar nicht danach aus – und im Radio lief deutscher Schlager“, erinnert sich Betz lachend. Mittlerweile kennt er die Südtiroler Gepflogenheiten. Seit Palmarin und er ihr aktuelles Projekt touristinfo.ai vorantreiben, ist er noch tiefer eingetaucht.
Storyblox: „Nicht so leicht skalierbar“
Ursprünglich war die Idee der beiden aber eine andere. 2024 launchten Julian Palmarin und Sebastian Betz mit Mediatize ihre erste Plattform, Storyblox. Deren Ziel: Kultur auf innovative Weise erzählen mittels personalisierter Audioguides für Museen oder für den öffentlichen Raum – etwa für Kirchen, Denkmäler oder historische Orte. Ausgewählte Fachleute erstellen die Inhalte und laden sie auf die Plattform, Nutzer:innen zahlen dafür, so die Idee. Und diese kam an. So gut, dass Palmarin und Betz damit den „Start-up Showdown“ im Noi Techpark gewinnen konnten. Ein erster Kunde war mit dem Verkehrsamt der Stadt Bozen ebenfalls bald gefunden. Derzeit läuft die Arbeit an mehreren Audioguides für das Stadtgebiet. Weitere Interessenten kamen dazu.
2024 launchten Julian Palmarin und Sebastian Betz mit Mediatize ihre erste Plattform, Storyblox.
Doch die Idee hat einen Haken. „Sie ist nicht leicht skalierbar“, erklärt Palmarin. Nachdem Mediatize eine Innovationsförderung des Landes zugesprochen worden war, begannen die Gründer, über den verstärkten Einsatz von KI nachzudenken. Die Grundlagen dafür hatten Palmarin und Betz bereits gelegt: Bei Storyblox hatten sie intensiv mit künstlicher Intelligenz experimentiert – Übersetzungen, Stimmen-Klonen, intelligente Content-Anpassungen. Diese Erfahrungen bildeten das Fundament für ihr neues Projekt: Im Austausch mit einem bestehenden Kunden, einem Tourismusverein, ergab sich die Frage, ob die beiden nicht einen Chatbot programmieren könnten. Eine klare Richtung gab es nicht. „Zu Beginn zögerten wir, weil KI gerade überall Thema ist und manche glauben, man könne damit jedes Problem lösen“, sagt Palmarin. „Wir haben dann einen Prototyp gebaut. Anfangs las er die Website und beantwortete Fragen dazu. Das Ergebnis war – je nach Frage – großartig oder katastrophal“, lacht er. Die Daten auf einer Seite sind nämlich nicht immer KI-freundlich strukturiert. In einer Zeile stehen zum Beispiel die Öffnungszeiten eines Restaurants, in der Zeile daneben liest man, wann der Bus dorthin abfährt. Die Lösung: eigene Datenstrukturen bauen. Genau das machen Palmarin und Betz mit touristinfo.ai, einem Chatbot, der sich in praktisch jeden Kanal einbauen lässt – von WhatsApp über Instagram bis hin zur Website.
„Zu Beginn zögerten wir, weil KI gerade überall Thema ist und manche glauben, man könne damit jedes Problem lösen.“
„Wir haben damit genau das richtige Zeitfenster getroffen“, zeigen sich die Gründer überzeugt. „Einer der für uns wichtigsten Professoren, Christian Lechner, hat häufig von diesem ‚window of opportunity‘ gesprochen. Es öffnet sich, wenn immer mehr Menschen über ein bestimmtes Problem sprechen und über eine Lösung nachdenken.“ In ihrem spezifischen Fall hat das Problem einen Namen: Übertourismus.
Nachhaltiger Chatbot

„Hotspot-Management existiert, aber effektive Lösungen sind komplex und benötigen mehrere Komponenten und Stakeholder. Zugleich führen alle Algorithmen der großen Plattformen dazu, dass sich genau diese gefürchteten Hotspots bilden und verstärken“, sagt Betz. Die Zielgruppe von touristinfo.ai, die Südtiroler Tourismusvereine, sind bestrebt, dem entgegenzuwirken. Doch wie genau soll das funktionieren? „Wir sammeln alle wichtigen ‚points of interest‘ – von klassischen Kategorien wie Hotels, Restaurants und Geschäften über Freizeitangebote wie Wanderwege und Fahrradrouten bis hin zu wichtigen Infrastruktureinrichtungen wie Bushaltestellen, Parkplätzen oder E-Ladestationen. Zusätzlich integrieren wir kulturelle Highlights, Veranstaltungen, Gesundheitsdienste und greifen auf Live-Datenbanken wie Wettervorhersagen, Besucherzähler und Verkehrsinformationen zu. Dann bündeln wir diese Daten und wenden die verschiedenen Regeln an, die wir gemeinsam mit den Destinationen entwickelt haben“, erklären die Gründer. Entsprechend erhalten Nutzer:innen Antworten, die ökologische, ökonomische und soziale Aspekte berücksichtigen. So schlage der Chatbot immer zuerst die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vor. Fragt jemand gezielt nach einer Autoroute, so werde diese geliefert, nicht jedoch ohne auf die Öffis hinzuweisen. Hotspots werden zwar ebenfalls nicht verschwiegen, jedoch immer mit dem Zusatz, dass es sich dabei um einen bekannten, sehr stark frequentierten Ort handelt, für den es ebenfalls Alternativen gibt.
Manche Features sind auf Vorschlag der Kundschaft entstanden. So gibt es in St. Vigil Hinweise für Gäste zur lokalen Kultur und zu sozialen Gepflogenheiten. Auf Anregung des Tourismusvereins Eppans wechselt die Reihenfolge der vorgeschlagenen Restaurants, sodass niemand bevorzugt behandelt wird. „Ich wette, ChatGPT wird in ein bis zwei Jahren gesponserte Inhalte anbieten. Das führt nur dazu, dass jeder mit jedem in Konkurrenz tritt, statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen“, so Betz. Was macht touristinfo.ai anders? „Als Start-up hören wir uns die Bedürfnisse unserer Kundschaft an – und setzen das dann einfach um“, sagt Palmarin. „Es gibt vielleicht bessere Wege, um ein Produkt zu skalieren, aber wir wollen den perfekten Service bieten. Unser Chatbot soll auch keine leere Hülle sein, sondern wie eine Person, die in der Gegend wohnt.“
Ein Investor? Ja, wenn …
Wenn Palmarin und Betz von ihrer Plattform sprechen, klingt immer wieder durch, dass sie zutiefst überzeugt sind von dem, was sie tun. Der Fokus auf Kundschaft, Nachhaltigkeit sowie auf die von ihnen selbst festgelegten Regeln würden sie im Grunde einschränken, sagen die beiden, doch mit dem Fokus auf die langfristige Entwicklung des Start-ups sei dies der richtige Weg. Unter anderem sei ihnen wichtig, dass die Datenhoheit bei den jeweiligen Destinationen bleibt – ganz nachhaltig eben.
Nachhaltig wollen sie auch mit ihrem eigenen Unternehmen arbeiten. „Man kann uns romantisch nennen, aber wir vertreten die Meinung, dass die ökonomische Seite nur ein Teil davon ist, ein Unternehmen aufzubauen“, sagt Betz. Wachsen möchte das Start-up dennoch – und auch Investoren wären willkommen. Dies allerdings unter einer Voraussetzung: dass sie dieselben Werte teilen wie Palmarin und Betz.
Besucher:innen besser verteilen
Wie also sieht der Expansionsplan aus? Neben den Tourismusvereinen St. Vigil, Eppan, Olang und Kiens nutzt auch jener des Antholzertals touristinfo.ai. In den kommenden Monaten möchten die Gründer weiter in Südtirol Fuß fassen und sich schließlich über die Provinzgrenzen wagen. Ihre Vision ist es, die einzelnen Destinationen über die Chatbots miteinander zu verbinden. „So können die Besucher besser verteilt werden“, sagt Betz. „Dafür müssen die meisten Gäste die Kanäle der Tourismusvereine nutzen. Und das heißt: Wir müssen mindestens so gut sein wie ChatGPT und bessere Reisetipps liefern als Instagram.“
Der Vorteil des Start-ups gegenüber der namhaften Konkurrenz liegt auf der Hand. „Wir arbeiten sehr eng mit den Destinationen zusammen und haben Zugriff auf Daten, die andere nicht haben“, erklären die Gründer. Dadurch könne ihr Chatbot verlässliche Informationen liefern. Auf diese Weise solle auch verhindert werden, dass etwa Wanderer:innen über gesperrte Wege laufen oder Autofahrer:innen von Waldwegen geborgen werden müssen.
Neben dem Kundenstamm soll auch das Team wachsen. Auf die Frage, ob die beiden Vollzeit an ihrem Start-up arbeiten, lacht Palmarin: „Mehr als das.“ Unterstützung kommt derzeit von Freelancern. „In Zukunft werden wir zusätzliche helfende Hände brauchen“, zeigen sich die Gründer überzeugt. Sie freuen sich darauf. Denn mit jedem Schritt, sagen sie, kommen sie einem nachhaltigeren Tourismus in Südtirol näher.
DIE SERIE In diesen Wochen stellt die SWZ junge Unternehmen und deren Gründer:innen vor, so wie bereits in den vergangenen Jahren. Alle Artikel, auch jene der vergangenen Jahre, können hier und in der SWZapp nachgelesen werden.
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: „Tourismus neu gedacht“.
















