SWZ: Was hat Sie nach Quebec getrieben? Warum und wann sind Sie dort hingezogen?
Johannes Frasnelli: Ich habe vor ziemlich genau zehn Jahren, am 1. Dezember 2005, zum ersten Mal kanadischen Boden betreten. Das Montreal Neurological Institute hat mir ein Arbeitsangebot für ein, zwei Jahre gemacht. Quebec hatte mich immer schon interessiert; bereits in meiner Schulzeit fand ich den Kampf der Frankophonen um die Bewahrung ihrer Sprache bewundernswert, gerade aus Sicht eines Südtirolers. Ich habe mich dann bemüht, Französisch zu lernen; über die Sprache habe ich dann gegen Ende meines Vertrags Jennifer-Ann kennengelernt. Ich stand dann vor der Entscheidung, zurück nach Deutschland zu gehen oder hier zu bleiben. Ich blieb, und wir sind seit sieben Jahren verheiratet.
Weshalb und wann haben Sie Südtirol den Rücken gekehrt?
Für mich war schon während meiner Oberschulzeit klar, dass ich fürs Studium in eine Großstadt ziehen wollte. Wien war die Stadt der Wahl, wegen der fehlenden Studiengebühren und der deutschen Sprache. Am Tag nachdem wir die Maturanoten erhalten hatten, sind wir zu fünft aus derselben Klasse nach Wien gefahren, um eine Wohnung zu suchen, mit einem alten Volvo, auf dem in großen Lettern „Excuse us while we kiss the sky“ gesprüht war. Wir fühlten uns auf dem Weg zur Eroberung der Welt. Von uns fünfen ist seither nur einer nach Südtirol zurückgekehrt.
Gab es Momente, in denen Sie kurz vor einer Rückkehr nach Südtirol standen?
Nach dem Studium hätte ich für die Weiterbildung nach Südtirol zurückkehren können. Ich hatte mich aber noch nicht für ein klinisches Fach entschieden, und außerdem wollte ich noch in ein anderes Land gehen. In meinem letzten Studienjahr habe ich dann ein Sommerpraktikum in einem Labor in Dresden absolviert. Ich hatte zur der Zeit bereits Zweifel an meiner Begeisterung für das klinische Arbeiten, und so traf es sich gut, dass ich dort mit einem Professor arbeiten durfte, der mir zu einem wichtigen Lehrer, Mentor und Freund wurde. Er eröffnete mir die faszinierende Welt des wissenschaftlichen Arbeitens, die mich bis heute nicht losgelassen hat. Nach Abschluss des Studiums habe ich dann ein Angebot aus diesem Labor in Dresden angenommen, und bin dort fünf Jahre lang geblieben.
Danach hat sich die Frage einer Rückkehr nach Südtirol nie mehr gestellt.
Könnten Sie Ihrem derzeitigen Beruf auch in Südtirol nachgehen? Bzw. möchten Sie denselben Job in Südtirol überhaupt machen?
Ungefähr 80 Prozent meiner Tätigkeit befassen sich mit der Forschung. Mit meinem Team interessiere ich mich für den Zusammenhang von Chemosensorik (Riechen, Schmecken etc.) einerseits und der Struktur und Funktion verschiedener Gehirnregionen andererseits. Wir untersuchen und vergleichen dabei Gesunde mit Patienten, die an verschiedenen Erkrankungen leiden. Wir möchten mit dieser Forschung besser verstehen, wie unser Gehirn auf kurze Reize und auf Training reagiert, wie sich Regeneration und Degeneration von Gehirngewebe auf die Chemosensorik auswirkt. Eines unserer Langzeitziele ist die Entwicklung von Früherkennungstests für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson. Diese Art der Forschung könnte ich wahrscheinlich nur an den Universitäten in Innsbruck oder Trient ausüben; in Südtirol am ehesten an der EURAC. Ich sehe drei konkrete Punkte, die die Rückkehr nach Südtirol erschweren würden: 1. Der Mangel an einem Netzwerk an Spezialisten; 2. der Mangel an hochqualifizierten Mitarbeitern; 3. der Mangel an finanzieller Unterstützung.
Der Rest meiner Tätigkeit ist die Lehre der Anatomie; das könnte ich wahrscheinlich in Südtirol auch machen.
Was schätzen Sie an Ihrem aktuellen Wohn-/Arbeitsort?
Ich schätze vor allem die Offenheit und Freundlichkeit der Quebecer. Es erstaunt mich immer wieder, wie leicht es ist, mit den Menschen in Kontakt zu treten, und mit wieviel positiver Energie die Menschen miteinander umgehen. Ebenso ist es faszinierend, wie optimistisch die Menschen sind. Ich bewundere auch, wie sehr sich Quebec als Gesellschaft seit den 1960er-Jahren säkularisiert hat, und das funktionierende soziale Netz. Auf beides sind die Quebecer zu Recht stolz. Montreal ist eine Millionenstadt, aber sehr sicher. Es ist kein Problem, nachts alleine nach Hause zu gehen oder im Sommer die Fenster offen zu lassen. Natürlich gibt es auch Kriminalität, sie ist aber um Größenordnungen geringer vor allem als in amerikanischen aber auch als in den anderen kanadischen Großstädten.
Außerdem hat Quebec unglaublich viel Natur. Eine Stunde außerhalb der Stadt kann man in der Wildnis sein, aber selbst in Montreal findet man allerhand Wildtiere wie Waschbären, Hirsche, Füchse, Stinktiere usw. Rund um Montreal gibt es Hunderte von größeren und kleineren Seen, zahlreiche Flüsse, riesige Nationalparks.
An den Winter in Quebec muss man sich gewöhnen, und man muss ihn lieben lernen. Denn der Winter ist schön, mit viel Schnee und Licht, nicht grau und nass, wie er beispielsweise in Wien ist. Es ist halt kalt, minus 20 Grad sind nicht der Rede wert. Heuer wurden erst am 3. März zum ersten Mal im Jahr Plusgrade gemessen, im Februar waren die Tageshöchstwerte konstant unter minus 20. Aber man kann überall Eis laufen, langlaufen, Ski fahren. Die Stadt stellt Eislaufplätze zur Verfügung, und dort, unter Flutlicht bei minus 30 Grad mit völlig Fremden Eishockey zu spielen, ist schon was ganz Besonderes. Und wenn dann endlich der Frühling kommt, irgendwann im Mai, dann explodiert die Stadt vor Lebensfreude, vor Blumen, vor Grün.
Montreal hat ein gutes öffentliches Verkehrsnetz, aber wenn man die Stadt verlässt, muss man das Auto nehmen. Am Freitagabend staut sich dann alles auf allen Ausfalllinien, und am Sonntagabend ist es dasselbe auf dem Weg zurück in die Stadt. Hier so was wie die Vingscher Bahn zu haben, wäre schon toll.
Ich bewundere die Herzlichkeit, mit der Neuankömmlinge willkommen geheißen werden. Es gibt Regeln, wie überall, aber wer sich an die Regeln hält, ist ein vollwertiger Teil der Gesellschaft. Es wird von einem erwartet, dass man an der Gesellschaft teilnimmt, aber es wird jedem Einwanderer ermöglicht teilzunehmen.
Ein anderer, konkreter Punkt: In den 1970er-Jahren gab es einen großen ethnischen Druck auf das Französische, da alle Einwandererkinder fast automatisch in die englischsprachigen Schulen geschickt wurden und deshalb kaum Französisch lernten. Ich glaube, dass sich Ähnliches zurzeit in Südtirol abspielt, wenn auch in kleinerem Rahmen: Kinder von Zuwanderern gehen, so ihre Eltern nicht aus dem deutschen Sprachraum kommen, in die italienischen Schulen und lernen daher kaum Deutsch. In Quebec wurde dieses Problem mit einem umstrittenen Gesetz beseitigt: Heute müssen Kinder von Eltern, die nicht selber eine englischsprachige Schule in Kanada besucht haben, in eine französischsprachige Schule gehen – oder in eine Privatschule. Ich glaube zwar nicht, dass so ein Gesetz in Südtirol möglich oder auch sinnvoll wäre, ich fände es aber sehr wichtig, dass die Einwandererkinder gut Deutsch lernen würden.
Ich verfolge das Tagesgeschehen über Onlinemedien und über die sozialen Netzwerke. Was mir dabei auffällt, ist die große Furcht vieler Südtiroler vor dem Fremden und Neuen, und die große Rolle, die die katholische Kirche immer noch spielt.
Ich verfolge die Südtiroler Politik mit großem Interesse, und die italienische Politik mit einem Gefühl der Verzweiflung und Resignation.
Südtirol ist bodenständig, naturverbunden, heimatliebend, aber leider manchmal auch neureich und überheblich.
Südtirol ist das Land im Gebirge und mit atemberaubender Natur gesegnet. Südtirol war und ist in der Lage, das Beste aus dem germanischen Norden und aus dem romanischen Süden in eine einzigartige Mischung zu integrieren, hinsichtlich der Gastronomie, der Kulinarik, der Kultur. Was mir hier in Quebec fehlen, sind das Südtiroler Essen und der Südtiroler Humor.
Ich würde mir wünschen, dass die Südtiroler offener und freundlicher zu anderen sind, zu Zuwanderern, zu Nomaden, zu Menschen anderer sexueller Orientierung usw. Und ich wünschte, dass die Südtiroler mehr Sorge um die Natur haben würden; ich denke dabei an die Zersiedelung.
Ich sehe heute, dass Südtirol viel konservativer ist, als ich es früher empfand.
Ich fühle mich sehr verbunden; Südtirol ist meine Heimat. Ich nehme mir jedes Mal mit sechs Vinschger Paarln ein kleines Stück Heimat mit nach Montreal.
Kurz- und mittelfristig wahrscheinlich nicht, aber auf lange Frist schließe ich es nicht aus, wenn es auch meine berufliche und persönliche Situation sehr unwahrscheinlich macht.
Seht Zuwanderer nicht als Bedrohung, sondern als Chance und Bereicherung. Lernt Sprachen und andere Kulturen kennen.
Info
Seit knapp zehn Jahren lebt Johannes Frasnelli in Quebec, der flächenmäßig größten Provinz Kanadas und zugleich jener mit dem größten frankophonen Bevölkerungsanteil. Dort forscht er als Professor an der Chemosensorik (Riechen, Schmecken etc.).
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