Letzte Woche hat der Spread zwischen den Schatzscheinen des italienischen Staates mit zehnjähriger Laufzeit und den deutschen „Bund“ 575 Basispunkte erreicht. Dies hat dazu beigetragen, dass Ministerpräsident Silvio Berlusconi seinen Rücktritt ankündigen musste. Was ist denn dieser Spread, dass er so mächtig ist, den Cavaliere zu stürzen, an dem sich bisher alle vergeblich die Zähne ausgebissen haben, die Oppositionsparteien, die Gewerkschaften, abgesprungene Verbündete, Staatsanwälte, zuletzt sogar die enttäuschte Confindustria-Chefin Emma Marcegaglia?
Nun: Es ist keine Schande, nicht zu wissen, was „Spread“ bedeutet und welche Auswirkungen es hat, wenn er größer oder kleiner wird. Schließlich können wir nicht alles wissen – und noch bis zum Beginn der Euro-Schuldenkrise waren nur Banker und Finanzexperten in der Lage, auf Anhieb eine Definition zu liefern, während Otto Normalverbraucher eher vermutet hätte, dass Spread etwas mit dem Computer und dem Internet zu tun haben muss, Bereichen also, wo es nur so wimmelt von englischen Fachausdrücken.
Damit wir ein für allemal wissen, dass Spread kein modischer Tanz ist, nach dem sich die Finanzmärkte richten, hier eine Definition: Spread (ausgesprochen einfach „spred“) bedeutet wörtlich übersetzt „Ausbreitung“, „Verbreitung“, „Spanne“. Mit diesem Begriff wird in der Finanzsprache die Differenz zwischen zwei weitgehend identischen und damit vergleichbaren Größen bezeichnet. In der zuletzt immer verwendeten Form beschreibt der Spread den Zinsunterschied zwischen Schuldverschreibungen mit gleicher Laufzeit von verschiedenen Staaten. Der Spread beziffert in Abbildung einer Überrendite den Risikoaufschlag, den Anleger für eine bestimmte Schuldverschreibung im Vergleich zu einem als weitgehend risikolos oder zumindest risikoarm betrachteten Wertpapiers verlangen. Da Deutschland in der Eurozone die größte Volkswirtschaft ist und die Schuldverschreibungen Deutschlands mit zu den sichersten in Europa zählen, wird der Begriff Spread seit längerer Zeit vor allem verwendet, um den Zinsunterschied zwischen den Staatspapieren eines Eurolandes und den deutschen „Bund“ mit gleicher Laufzeit zu beziffern. Ausgedrückt wird der Spread dabei immer in sogenannten Basispunkten, wobei 100 Basispunkte für einen Prozentpunkt stehen. Der langen Worte kurzer Sinn: Wenn es heißt, dass der Spread zwischen italienischen BTp und deutschen Bund auf 575 Punkte gestiegen ist, dann bedeutet das nichts anderes, als dass der italiensche Staat um 5,75 Prozentpunkte höhere Zinsen für seine langjährigen Schuldverschreibungen zahlen muss als Deutschland. Je größer diese Spanne ist, desto höhere Zinsen muss Italien zahlen. Zuletzt musste Italien bis zu 7,48 Prozent zahlen, Deutschland weniger als zwei Prozent. Die Deutschen sind ja überhaupt die Gewinner in der derzeitigen Phase des Misstrauens: 2007 mussten sie an die 4,2 Prozent Zinsen zahlen, Italien ungefähr 4,5 Prozent (der Spread betrug damals nur 30 bis 35 Basispunkte). Je mehr die Anleger Italien und anderen schwachen Staaten misstrauten, desto höhere Zinsen mussten diese Staaten zahlen – und desto stärker haben sie Papiere stabiler Staaten nachgefragt, sodass deren Renditen gesunken sind.
Mit dieser kleinen Spread-Kunde hoffe ich, einen Beitrag zur allgemeinen Verbesserung des Finanz-Know-hows geleistet zu haben. Dringend benötigen würden diese Informationen allerdings weniger die (belesenen) Leserinnen und Leser der SWZ als vielmehr die italienischen Abgeordneten. Ein Kamerateam, das vor dem Palazzo Montecitorio unsere Volksvertreter gefragt hat, was eigentlich dieser Spread ist, der den Italienern so viel Kopfzerbrechen bereitet, musste feststellen, dass sich unter den Damen und Herren Onorevoli, die über das finanzielle Sein oder Nichtsein des italienischen Staates abstimmen, überraschend viele finden, die keinen blassen Schimmer davon haben, was der Spread ist und welche Folgen ein Anstieg hat. Die Unkenntnis war teilweise so total, dass die Antworten geradezu lustig ausfielen. Wenigstens wissen wir jetzt, wieso manche Abgeordnete so sorglos in den Tag hineinleben: Der Ernst der Lage ist ihnen ganz einfach nicht bewusst.
Ein ganz Schlauer hat den Spread „aussprachetechnisch“ ganz einfach zum Sprit gemacht. Denn was Sprit ist, wissen unsere Politiker: etwas, was man besteuern kann.














