Innsbruck – Kopfschmerzen kennt fast jeder, trotzdem werden sie oft als Stress, Verspannung oder Einbildung abgetan. Dabei sind laut WHO weltweit rund 3,1 Milliarden Menschen betroffen. Migräne trifft etwa 14 Prozent der Weltbevölkerung – in Europa hat um das 30. Lebensjahr beinahe jede dritte Frau Migräne. Die moderne Medizin unterscheidet mehr als 200 Kopfschmerzarten. An der Kopfschmerzambulanz der Universitätsklinik für Neurologie Innsbruck werden jährlich rund 1.000 Betroffene behandelt. Geleitet wird sie von Gregor Brössner, Professor für Neurologie, Schmerzmediziner, Leiter der Schlaganfalleinheit und stellvertretender Direktor der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie.
SWZ: Herr Brössner, fast jeder Mensch kennt Kopfschmerzen. Ab wann ist Kopfschmerz nicht mehr „normal“, sondern ein medizinisches Problem?
Gregor Brössner: Es gibt fast niemanden, der nie im Leben Kopfschmerzen hat. 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung haben irgendwann zumindest einmal oder auch wiederholt Kopfschmerzen. Das ist also extrem häufig. Medizinisch relevant wird es dann, wenn Kopfschmerz wiederkehrt und die Lebensqualität beeinträchtigt. Die Grenze ist individuell. Für manche ist schon eine Attacke im Monat zu viel, wenn sie sagen: Ich bin dann zwei Tage ausgeknockt, mir ist übel, ich kann nicht arbeiten und mich nicht um meine Familie kümmern. Andere haben zehn Kopfschmerztage im Monat und sagen: Das ist schon besser als früher, da waren es 20. Mein Stehsatz ist deshalb: Sobald man im Alltag beeinträchtigt ist, sollte man lieber früher als später eine Expertin oder einen Experten aufsuchen.
„Sobald man im Alltag beeinträchtigt ist, sollte man lieber früher als später eine Expertin oder einen Experten aufsuchen.“ Gregor Brössner
Es gibt mehr als 200 Kopfschmerzarten. Welche sehen Sie in der Ambulanz am häufigsten?
Die drei wichtigsten primären Kopfschmerzarten sind Migräne, Kopfschmerz vom Spannungstyp und Clusterkopfschmerz. Primär heißt: Der Schmerz ist die Erkrankung selbst – nicht etwa ein Tumor, eine Blutung oder eine andere Grunderkrankung. Daneben gibt es viele weitere Formen: Kopfschmerzen bei Schlafstörungen, Höhenkopfschmerz, Kopfschmerz bei körperlicher Anstrengung, beim Tauchen oder auch bei sexueller Aktivität. Das Spektrum ist sehr breit.
Für uns ist das oft fast kriminalistische Arbeit: herauszufinden, was wirklich dahintersteckt. Sehr häufig ist es Migräne, weil Migräne so verbreitet ist. Manche seltenen Kopfschmerzformen sehen aber selbst wir an der Ambulanz nur einmal im Jahr.
Manche Frauen sagen, eine Clusterattacke sei schlimmer als eine natürliche Geburt.“ Gregor Brössner
Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Migräne, Spannungskopfschmerz und Clusterkopfschmerz?
Wenn man es ganz grob herunterbricht: Migräne ist typischerweise einseitig, häufig pochend, oft begleitet von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit. Betroffene wollen Ruhe, Bewegung macht es meist schlimmer. Eine Attacke dauert oft ein bis drei Tage. Clusterkopfschmerz ist ebenfalls einseitig, aber die Attacken sind kürzer – meist etwa eine Stunde, maximal drei –, können dafür mehrmals am Tag auftreten. Typisch sind Augentränen, Nasenlaufen auf derselben Seite und starke Unruhe. Manche Frauen sagen, eine Clusterattacke sei schlimmer als eine natürliche Geburt. Spannungskopfschmerz ist meist beidseitig, drückend, nicht pochend – wie ein Schraubstock. Die Schmerzen sind meist moderat, können aber Stunden bis Tage dauern.
Was sind Warnzeichen, bei denen man sofort reagieren sollte?
Es gibt ein paar klare Red Flags: wenn Kopfschmerz zum ersten Mal auftritt und ganz anders ist als alles, was man kennt; wenn neurologische Ausfälle dazukommen – etwa Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen –, hohes Fieber auftritt oder übliche Schmerzmittel gar nicht wirken. Dann muss man an sekundäre Kopfschmerzen denken. Dahinter können etwa eine Hirnblutung, ein Schlaganfall, ein Hirntumor oder eine Sinusvenenthrombose stecken. In solchen Fällen sollte man nicht abwarten, sondern sofort eine Notfallambulanz aufsuchen.
„Bei primären Kopfschmerzformen gibt es kein MRT, kein CT und keinen Biomarker, der die Diagnose allein beweist.“ Gregor Brössner
Sie sagen, das wichtigste Diagnoseinstrument ist das Gespräch. Warum ist die Anamnese so entscheidend?
Bei primären Kopfschmerzformen gibt es kein MRT, kein CT und keinen Biomarker, der die Diagnose allein beweist. Sie entsteht über die Anamnese. Das heißt: Die Patientin oder der Patient ist der wichtigste Parameter. Entscheidend ist: Wie oft tritt der Schmerz auf? Wie lange dauert er? Wo sitzt er? Gibt es Übelkeit, Licht- oder Lärmempfindlichkeit? Wird es bei Bewegung schlimmer? Gibt es Auslöser? Welche Medikamente helfen? Deshalb raten wir allen Patienten und Patientinnen, ein Kopfschmerztagebuch zu führen.
Viele fragen sich: Kommt der Kopfschmerz vom Nacken, vom Stress – oder ist es Migräne? Wie kann man das unterscheiden?
Das ist oft nicht so eindeutig. Beim Kopfschmerz vom Spannungstyp gibt es Formen mit und ohne muskuläre Verspannung. Manche Menschen sind im Nacken bretthart, andere haben dort gar nichts. Was Ursache und was Folge ist, ist wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt. Wir gehen aber davon aus, dass viele Kopfschmerzerkrankungen zentral moduliert sind: Ein Schmerznetzwerk im Gehirn funktioniert anders, sodass Reize plötzlich als schmerzhaft wahrgenommen werden. Nackenverspannung, langes Sitzen, Fehlhaltung, Stress, zu wenig Bewegung oder Schlafmangel können Kopfschmerzen verstärken. Aber Migräne entsteht nicht einfach nur, weil jemand verspannt ist.

Welche Rolle spielen Büro, Bildschirm, Stress und Haltung?
Wahrscheinlich eine relevante, aber nicht als alleinige Ursache. Gerade bei Migräne gibt es Phasen, in denen das Gehirn anfälliger ist. Bei Frauen sieht man das zum Beispiel rund um die Monatsblutung sehr gut. In dieser Phase ist das Migränegehirn besonders sensibel. Langes Sitzen, Stress, Fehlhaltung, zu wenig Bewegung oder fehlende Entspannung können Kopfschmerzen verstärken. Der Klassiker ist: Die Leute haben unter der Woche viel Stress, lassen am Freitag um 16 Uhr den Stift fallen, wollen maximal entspannt ins Wochenende starten – und dann geht es los. Das Gehirn mag diese scharfen Kanten und Rhythmuswechsel nicht.
Sollten Betriebe mehr über Kopfschmerzprävention wissen – ähnlich wie bei Rückenschmerzen?
Ja, das Thema ist gesellschaftlich und wirtschaftlich relevant. Migräne betrifft häufig junge Menschen – also Menschen, die mitten im Leben stehen, arbeiten, Familien gründen und Verantwortung tragen. Wenn um das 30. Lebensjahr fast jede dritte Frau betroffen ist, dann ist das nicht nur ein individuelles Problem. Deshalb wäre mehr Bewusstsein dafür auch in Betrieben wichtig.
„Migräne ist keine Einbildung. Das Gehirn funktioniert anders – nur sieht man es nicht so einfach wie einen Knochenbruch im Röntgenbild.“ Gregor Brössner
Sie betonen, dass Kopfschmerzen nicht eingebildet sind. Warum ist diese Botschaft so wichtig?
Weil dieses Stigma noch immer ein großes Problem ist. Ich habe jeden Tag Frauen bei mir sitzen, die sagen: „Ich höre seit Jahren, ich bilde mir das nur ein.“ Früher hieß es oft, Migräne bekämen nur „hysterische Frauen“. Das ist falsch, sexistisch – und wir wissen heute, dass diese Erkrankungen neurobiologische Grundlagen haben.
Natürlich haben auch Männer Migräne – ich zum Beispiel auch. Aber Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen, unter anderem wegen des Östrogenstoffwechsels. Wichtig ist: Wir kennen heute die neurobiologischen Grundlagen dieser Erkrankungen sehr gut. Migräne ist keine Einbildung. Das Gehirn funktioniert anders – nur sieht man es nicht so einfach wie einen Knochenbruch im Röntgenbild.
Sie haben mit Ihrem Team untersucht, was bei Migräne im Gehirn passiert. Was lässt sich heute sichtbar machen?
Mit modernen bildgebenden Verfahren kann man Areale im Gehirn sichtbar machen, die während einer Migräneattacke – und teils schon davor – anders funktionieren. Bei einzelnen Patienten und Patientinnen lässt sich im MRT anhand der Aktivität bestimmter Gehirnkerne sogar abschätzen, in wie vielen Tagen die nächste Attacke kommt. Nicht auf die Minute genau, aber es zeigt: Das Migränegehirn verändert sich schon, bevor der Schmerz da ist. Das ist wissenschaftlich spannend, aber noch nicht klinische Routine. Zusätzlich arbeiten wir mit Biomarkern im Blut, also mit Neurotransmittern, die Hinweise auf den Zustand der Migräne geben.
Wenn man Schmerzmittel zu häufig nimmt, können sie selbst Kopfschmerzen auslösen.“ Gregor Brössner
Viele nehmen einfach Schmerzmittel. Wann ist es zu viel?
Grundsätzlich gehört jede unangenehme Kopfschmerzattacke behandelt. Dieses alte Dogma, man müsse Schmerzen durchstehen, ist gefallen. Das bringt nichts, es ist sinnlose Quälerei und kann das Schmerzgedächtnis zusätzlich befeuern. Aber: Wenn man Schmerzmittel zu häufig nimmt, können sie selbst Kopfschmerzen auslösen. Die Grenze liegt ungefähr bei mehr als zehn Einnahmetagen pro Monat. Dann kann ein Teufelskreis entstehen: Man nimmt etwas, der Schmerz wird besser, kommt wieder – und man nimmt wieder etwas. Das nennen wir Medikamentenübergebrauchskopfschmerz. Deshalb: behandeln ja – aber nicht unkontrolliert. Wer häufig Schmerzmittel braucht, sollte eine Expertin oder einen Experten aufsuchen.
In den letzten Jahren hat sich in der Migränetherapie viel verändert. Was war der größte Durchbruch?
Ganz klar die CGRP-modifizierenden Therapien. Seit 2018 hat sich enorm viel getan. CGRP ist ein Eiweißstoff, ein Neuropeptid, das bei Migräne eine wichtige Rolle spielt. Wahrscheinlich wird es während einer Attacke ausgeschüttet und treibt die Migränekaskade mit an. Die neuen Therapien setzen genau dort an: Antikörper binden entweder CGRP selbst und neutralisieren es – oder sie blockieren den Rezeptor, also das Schloss, an dem CGRP andocken würde. Bildlich gesprochen verhindern sie, dass der Schlüssel ins Schloss passt. Sogenannte Gepante greifen ebenfalls in den CGRP-Stoffwechsel ein, sind aber kleine Moleküle und werden meist als Tabletten eingenommen. Das hilft vielen, aber nicht allen. CGRP ist ein wichtiger Player, aber Migräne bleibt ein komplexes Zusammenspiel vieler biochemischer Prozesse. In den letzten zehn Jahren ist jedenfalls mehr Neues auf den Markt gekommen als in den 100 Jahren davor.
Wie wichtig sind nicht-medikamentöse Ansätze wie Bewegung, Physiotherapie, Schlafrhythmus oder Verhaltenstherapie? Gregor Brössner
Für wen sind diese neuen Migränetherapien geeignet – und kommen sie auch für Kinder und Jugendliche infrage?
Bei Erwachsenen sind diese Therapien etabliert, vor allem bei Betroffenen mit häufigen Attacken oder wenn andere Prophylaxen nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Bei Kindern und Jugendlichen ist das Feld schwieriger. Das war in der Kopfschmerzmedizin lange ein weißer Fleck auf der Landkarte. Es laufen aber Studien, auch bei Jugendlichen. Ich rechne damit, dass in den nächsten Jahren auch dort neue Medikamente auf den Markt kommen werden.
Der Clusterkopfschmerz gilt als besonders belastend. Gibt es wirksame Therapien?
In der Attacke helfen hochdosierter Sauerstoff oder Triptane per Pen. Triptane sind spezielle Migräne- und Cluster-Medikamente, die gezielt in die Schmerzreaktion eingreifen. Diese Therapien sind exzellent etabliert und wirken so gut, dass ein Ansprechen sogar die Diagnose untermauern kann.
Was es nicht gibt, ist die eine Migränediät, die allen hilft. Gregor Brössner
Wie wichtig sind nicht-medikamentöse Ansätze wie Bewegung, Physiotherapie, Schlafrhythmus oder Verhaltenstherapie?
Sehr wichtig. Bei allen primären Kopfschmerzerkrankungen ist das Nicht-Medikamentöse die Basis. Jede Patientin und jeder Patient bekommt bei uns entsprechende Empfehlungen, dazu ein Attackenmedikament – und manche zusätzlich eine medikamentöse Prophylaxe. Bei Migräne brauchen etwa 30 bis 40 Prozent tatsächlich eine Prophylaxe. Für viele andere helfen regelmäßiger Ausdauersport, progressive Muskelentspannung – also gezieltes An- und Entspannen einzelner Muskelgruppen –, Biofeedback, Physiotherapie, ein stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus und regelmäßige Mahlzeiten. Was es nicht gibt, ist die eine Migränediät, die allen hilft. Wer einen klaren Trigger kennt, sollte ihn vermeiden – aber eine universelle Verbotsliste gibt es nicht.
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz heute schon in der Kopfschmerzmedizin?
In der klinischen Routine noch keine entscheidende. In der Forschung ist KI aber längst angekommen, vor allem bei Big-Data-Analysen. Kollegen und Kolleginnen in Kopenhagen sind da sehr weit, weil sie große Register haben. Auch in Italien wurden Patienten und Patientinnen mit Antikörpertherapie in Register eingeschlossen. Solche Datenmengen kann man mit KI sinnvoll auf Muster untersuchen. Dann gibt es noch eine andere Realität: Viele Betroffene geben ihre Symptome vor dem Termin in ChatGPT ein – und überprüfen danach vielleicht auch meine Therapieempfehlung. Die Frage ist gar nicht, ob man das machen soll. Es passiert einfach.
Ich bin überzeugt: KI wird unterstützend sein. Aber die Mensch-zu-Mensch-Interaktion bleibt gerade im Gesundheitsbereich unabkömmlich – und die Basis.
„In den letzten zehn Jahren ist jedenfalls mehr Neues auf den Markt gekommen als in den 100 Jahren davor. Das Spiel ist also noch lange nicht zu Ende.“ Gregor Brössner
Was sind die spannendsten Entwicklungen in der Kopfschmerzforschung – und welche neuen Therapien erwarten Sie?
Für mich geht es vor allem darum, Kopfschmerzerkrankungen biologisch noch besser zu verstehen und nachzuweisen. Bei einem Knochenbruch macht man ein Röntgen und sieht ihn. Bei Kopfschmerzerkrankungen war dieser Nachweis lange schwieriger – darunter haben viele Betroffene gelitten. Heute können wir durch Bildgebung, Biomarker und KI immer mehr Bausteine zusammensetzen. Je besser wir diese Mechanismen verstehen, desto gezielter können wir Medikamente entwickeln. Genau das ist mit CGRP passiert. In den nächsten fünf Jahren erwarten wir drei, vier neue Medikamente – sowohl für die Akuttherapie als auch für die Prophylaxe. Es laufen Studien zu Migräne, Clusterkopfschmerz und auch zu Kindern und Jugendlichen. Das Spiel ist also noch lange nicht zu Ende.
Interview: Antonia Sell
Das Interview erschien in der gedruckten SWZ unter dem Titel: „Wenn der Kopf explodiert“.


















