Bozen – Mancherorts ging es schon zaghaft los, andernorts ist es in Kürze so weit: Die Ernte des Wein-Jahrgangs 2026 beginnt. Und zwar inmitten eines „Sommers der Extreme“, wie ihn Meteorologe Dieter Peterlin kürzlich bezeichnete. Mehrere Rekorde wurden in den vergangenen Monaten gebrochen. Südtirol ächzte unter fünf Hitzewellen (so vielen wie noch nie). In der Landeshauptstadt wurden ganze 27 Tage mit mehr als 35 Grad und rund 29 Tropennächte gezählt. Dazu regnete es über Wochen kaum oder gar nicht.
Es ist ein Ausnahmesommer. Doch dürften die Sommer in Zukunft aufgrund des Klimawandels öfter heiß und trocken werden. Das setzt die Weinwirtschaft unter Druck – in einer ohnehin schon turbulenten Zeit.
Mehr Zucker, weniger Säure
Für die Kellereien im Land beginnt die Ernte heuer so früh wie nie zuvor. Ganze zwölf Tage eher ging das Wimmen etwa in der Kellerei Kaltern los, der größten Kellerei Südtirols. „Im vergangenen Jahr, einem ebenfalls warmen Jahr, haben wir ab dem 24. August mit der Ernte der Trauben für den Sektgrundwein begonnen, heuer hingegen am 12. August“, sagt Kellermeister Thomas Scarizuola.
Es ist keine Überraschung: Aufgrund der hohen Temperaturen reiften die Früchte heuer schneller. Schneller, das heißt: Sie erreichen früher einen höheren Zuckergehalt bzw. jene Zuckergradation, die für die Ernte optimal ist. Und je mehr Zucker die Trauben haben, desto höher wird der Alkoholgehalt des Weins.

Florian Haas, Leiter des Fachbereichs Weinbau am Versuchszentrum Laimburg, erklärt: „Gleichzeitig beinhalten die Trauben heuer weniger Säure – der zweite wichtige Indikator, auf den die Kellereien achten.“ Schließlich sind viele Südtiroler Weine für ihre Frische bekannt, und frische Weine sind heute gefragter als schwere. „Die Säure ging heuer aufgrund der vielen heißen Nächte verloren. Die Rebe veratmet diese, wenn es nachts nicht abkühlt“, so Haas.
Einerseits erreichen die Trauben in heißen Jahren also den gewünschten Zuckergehalt früher, andererseits wird der Säuregehalt schneller abgebaut. Die logische Folge könnte lauten: Die Weinbaubetriebe ernten in heißen Jahren einfach früher. Doch das ist nicht die Lösung.
Früher reif, früher ernten? So einfach ist das nicht

Ulrich Pedri, Leiter des Fachbereichs Önologie am Versuchszentrum Laimburg, sagt, früher zu ernten, sei ein zweischneidiges Schwert. „Die Zuckergradation und der Säuregehalt, die für die Kellereien relevant sind, geben sehr wohl Informationen über den Reifegrad einer Traube. Doch die beiden Werte bedeuten nicht zwingend, dass eine Traube voll ausgereift ist.“
Um den für die Ernte idealen Zustand zu erreichen, müssen neben dem Zucker- und Säurewert auch die Aromen gereift sein, bei Rotweinen zusätzlich noch die typischen Gerbstoffe, die Tannine. „Sind Trauben nicht voll ausgereift, wirkt sich das auf die Aromen des Weins aus, und unter anderem auf seine Fähigkeit, gut zu altern“, weiß Ulrich Pedri.
In der Zwickmühle
In Sommern wie diesem sind viele Kellereien sowie Bäuerinnen und Bauern in einer Zwickmühle. Thomas Scarizuola von der Kellerei Kaltern bestätigt das: „Wir sehen Trauben, bei denen die Werte eigentlich in Bereichen wären, in denen man bald wimmen müsste, doch die Früchte sind vom Geschmack her noch unreif.“ Für die Kellereien werde es deshalb immer schwieriger, den richtigen Zeitpunkt für die Ernte zu finden. „Das Zeitfenster, in dem man die Trauben im perfekten Stadium ernten kann, wird immer kleiner.“ Es sei ein Abwägen: Noch warten, bis die Früchte reifer werden, und mehr Zucker und weniger Säure in Kauf nehmen, genauso wie das Risiko, dass Regen eintritt? Oder doch früher ernten, obwohl die Aromen noch nicht ganz ausgereift sind?
Gerade bei den Qualitätslinien sei es unumgänglich, voll ausgereifte Beeren zu verarbeiten, so Scarizuola. Was der Kellermeister noch beobachtet: Auf Regeln von einst ist kein Verlass mehr. „Früher hieß es, die Trauben bilden in etwa einen Grad Zucker pro Woche. Heute gilt das aufgrund der Hitze nicht mehr. Alles kann plötzlich sehr schnell gehen.“ Vorausschauend zu planen, sei immer schwieriger.
Eine Branche sucht nach Lösungen
Dazu kommt: Sind die Trauben früher im Jahr, wenn es noch wärmer ist, reif, dann ist Regen problematischer. „Viel Feuchtigkeit bei hohen Temperaturen und reifen Trauben ist die ungünstigste Konstellation, die man haben kann“, sagt Ulrich Pedri. Bei höheren Temperaturen und Feuchtigkeit entwickeln sich Pilze schneller.
Was also tun? Die Weinwirtschaft testet derzeit verschiedenste Möglichkeiten, um trotz Wetterextremen die bestmögliche Traubenqualität zu erreichen. In der Weinregion Franciacorta haben einige Weingüter etwa damit begonnen, nachts zu ernten. Andernorts laufen Versuche mit Netzen, die die Reben beschatten.
Auch in Südtirol wird daran geforscht, wie der Weinbau in Zukunft aussehen könnte. Die Uni Bozen hat erst kürzlich eine Studie zu einem Antitranspirationsmittel veröffentlicht, das die Traubenreife verzögern könnte.
„Die Extreme werden zwar extremer und regelmäßiger, doch der Klimawandel ist nicht linear. Es wird nach wie vor kalte Jahre geben, und das macht den Weinanbau in der Höhe unwirtschaftlich – zumindest noch.“
Am Versuchszentrum Laimburg läuft hingegen seit mehreren Jahren ein Projekt zu Weinsorten, die später reifen. Mehr als 30 Sorten wurden gesetzt, darunter einige aus Süditalien, Griechenland und Portugal. Doch bislang sind die Ergebnisse ernüchternd. „Bozen ist oft die heißeste Stadt Italiens. Das bedeutet, süditalienische Weine reifen bei uns teils noch früher, als sie es etwa in Sizilien tun“, sagt Florian Haas. Unter den getesteten Sorten sei noch keine dabei, die für Südtirols Weinwirtschaft wirklich interessant sein könnte. Doch es könne durchaus sein, dass es andere Sorten mit Potenzial für Südtirol gebe.
Weingüter in höheren Lagen anzulegen, ist laut Haas ebenfalls keine Lösung. Bei einem Versuch des Versuchszentrums Laimburg seien die heißen Jahre für die Anlagen in der Höhe zwar rentabel gewesen, die kühlen aber überhaupt nicht. Haas: „Die Extreme werden zwar extremer und regelmäßiger, doch der Klimawandel ist nicht linear. Es wird nach wie vor kalte Jahre geben, und das macht den Weinanbau in der Höhe unwirtschaftlich – zumindest noch.“
In der Branche kursiert daneben noch eine weitere Idee. Doch die umzusetzen, wäre ein absoluter Tabubruch.
Zurück zu mehr Menge?

„Ein Ansatz, der andernorts verfolgt wird, ist, die Reife mittels des Ertrags zu verzögern“, sagt der Önologie-Experte Ulrich Pedri. Trägt eine Rebe wenig Trauben, reifen diese früher. „Wenn die Menge erhöht wird, wird der Reifebeginn auch nach hinten verschoben. Das wäre in der Theorie eine Möglichkeit, ist in Südtirol aber ein heikles Thema.“ In der Tat wäre es ein Tabubruch.
Jahrzehntelang verfolgte Südtirol eine Strategie der Mengenreduktion im Weinbau, nach dem Motto „Qualität vor Quantität“. Und das hat sich auch bewährt, sagt Florian Haas: „Südtirol produziert im Italienvergleich am meisten hochqualitativen Wein pro Hektar Anbaufläche. Unsere Landwirtschaft bekommt entsprechend die höchsten Auszahlungspreise je Kilo Trauben, eben weil sie so an der Qualität gearbeitet hat.“
Dennoch will das Versuchszentrum Laimburg testen, ob eine leichte Mengensteigerung ein Teil der Lösung sein könnte. Die Fachleute wissen, dass das ein heißes Eisen ist. „Wir sind nicht sicher, ob dieser Weg funktioniert, aber es ist ein vielversprechender, wenn wir mit behutsamen Schritten vorgehen“, so Haas. Ziel sei nicht, die Menge plötzlich zu verdoppeln, sagt der Weinbau-Experte: „Die Frage lautet: Wie weit können wir die Menge steigern, ohne wesentliche Qualitätseinbußen zu verzeichnen?“
In diesen Tagen soll das entsprechende Projekt eingereicht werden, ab dem kommenden Jahr sollen in einigen Anlagen verschiedene Ausdünnungsvarianten getestet werden. Dann sollen Kellermeister, Agronominnen und Sommeliers testen, ob die Qualität des Weins auch bei mehr Trauben auf der Rebe überzeugend bleibt.
Nicht nur der Klimawandel
Neben dem Klimawandel und den Wetterextremen, die heuer in Südtirol nicht zu übersehen sind, setzen die Weinwirtschaft noch weitere Herausforderungen unter Druck. Allen voran der Trend, dass immer weniger Wein getrunken wird. Laut einer Schätzung der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) ist der globale Weinkonsum im vergangenen Jahr erneut zurückgegangen und hat den tiefsten Stand seit 1961 erreicht. In Europa, wo knapp die Hälfte des Weins abgesetzt wird, nahm der Konsum um 3,1 Prozent ab, in Italien sogar um 9,4 Prozent.
In den zwei deutschen Regionen Rheinhessen und Württemberg, die vor der Ernte das Problem voller Keller haben, könnten Winzer:innen bald zu einer drastischen Maßnahme greifen: der sogenannten Krisendestillation.
Als Gründe für die zurückgehende Lust auf Wein werden unter anderem der Trend zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil und die sich ändernden Konsumgewohnheiten genannt. Kürzlich ließ außerdem Riccardo Cotarella, der Präsident von Assoenologi, aufhorchen: Er sagte, Wein sei heute zu teuer. „Wie sollen wir den Weinkonsum bei solchen Preisen wieder ankurbeln? Wir müssen dafür sorgen, dass Wein wieder zu einem Produkt für das Volk wird.“
Erschwerend kommen weitere Herausforderungen hinzu, darunter geopolitische Unsicherheiten sowie – insbesondere für Südtirol relevant – die Krise des deutschen Marktes.
Wein wird in Deutschland zu Industriealkohol
Die genannten Phänomene haben bereits Folgen, wie mehrere Meldungen zuletzt sichtbar machten. In italienischen Medien war im Juli zu lesen, dass die italienischen Kellereien kurz vor Erntebeginn einen so großen Lagerbestand wie noch nie hatten, weil der Absatz rückläufig ist. In den zwei deutschen Regionen Rheinhessen und Württemberg, die ebenfalls vor der Ernte das Problem voller Keller haben, könnten Winzer:innen bald zu einer drastischen Maßnahme greifen: der sogenannten Krisendestillation. Auf Antrag können Winzer:innen ihren überschüssigen Wein zu Industriealkohol destillieren und erhalten dafür EU-Beiträge. Auch der österreichische Weinbauverband sprach sich für die Krisendestillation aus.
Hierzulande ist die Stimmung deutlich besser, die Lagerbestände entsprechen etwa denen der vergangenen Jahre. Das sagt Andreas Kofler, Präsident des Konsortiums Südtirol Wein. Dennoch meldete im Rahmen des letzten Wirtschaftsbarometers des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo) der Handelskammer ein Drittel der befragten Kellereigenossenschaften für 2026 eine unbefriedigende Ertragslage. Zwei Drittel fanden, die Ertragslage sei „befriedigend“. Dass sie „gut“ sei, gab hingegen niemand an.
Auf der Suche nach neuen Geschäftsmöglichkeiten

„Wir müssen schauen, wie es weitergeht, und uns für die Zukunft aufstellen“, sagt Andreas Kofler. Seit Jahren versucht die Weinwirtschaft, mehrere Wege aufzutun, um mit den neuen Umständen umzugehen. Zwei davon: mehr exportieren und neue Märkte erschließen. „Ein noch recht neuer, interessanter Markt ist Südamerika. Der Weinkonsum steigt dort“, sagt Kofler. Auch Osteuropa habe noch Potenzial, genauso wie die nordeuropäischen Länder. Kofler findet außerdem, die Weinwirtschaft sollte sich nicht auf wenige Märkte verlassen und sich „breiter aufstellen“, unter anderem was die Absatzkanäle anbelangt.
Daneben könne die Branche stärker vom Tourismus profitieren, meint Andreas Kofler. „Der Önotourismus wäre ein neuer Zweig, der zwar nicht die Masse anzieht, aber einen für Südtirol interessanten Gast.“ Die Weinwirtschaft sehe der Zukunft, trotz all der Herausforderungen, positiv entgegen, unterstreicht er. Ähnlich sieht das Thomas Scarizuola von der Kellerei Kaltern. „Südtirol ist klein, hat aber in der Welt des Weins seinen Platz gefunden.“
Und auch der renommierte Önologe Riccardo Cotarella fand kürzlich gegenüber dem „Corriere della Sera“ Worte, die zuversichtlich stimmen: „Die Krise ist dieses Mal global. Aber mit meinen 78 Jahren habe ich schon einige Weinkrisen kommen und gehen sehen – am Ende stehen wir jede durch. Wein ist ein so vielschichtiges Produkt und kulturell so tief in den Regionen verwurzelt, dass er gar nicht verschwinden kann.“
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: Zurück in die Zukunft?



















