Bozen – Vor Jahren wurde sie ausgesetzt, nun könnte sie zurückkommen: Mehrere Länder Europas diskutieren darüber, die Wehrpflicht wieder einzuführen. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Deutschland Anfang Dezember mit dem Wehrdienstgesetz gemacht.
Fast 680.000 deutsche Jugendliche werden im neuen Jahr einen Fragebogen in ihrem Briefkasten finden – alle, die im neuen Jahr 18 werden. Im Grunde geht es um die Frage: Wären die Jugendlichen bereit, in den Wehrdienst zu treten?
Während junge Frauen den Fragebogen ausfüllen können, aber nicht müssen, sind junge Männer dazu verpflichtet. Auch an einer Musterung müssen sie ab dem kommenden Jahr teilnehmen.
Mehr aktive Soldaten, mehr Reservisten
Der Wehrdienst selbst soll freiwillig bleiben. Doch das Ziel ist klar: Deutschland will die Zahl aktiver Soldaten und Soldatinnen, genauso wie jene der Reservistinnen und Reservisten erhöhen. Das Land soll „kriegstüchtig“ werden, wie es der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius formulierte. Allein im ersten Jahr sollen 20.000 junge Männer für den Wehrdienst gewonnen werden. Sollten sich nicht genug Freiwillige finden, könnte das Los entscheiden, wer zur Bundeswehr muss. In Deutschland gingen Jugendliche aufgrund des neu beschlossenen Wehrdienstgesetzes auf die Straße.
Auch in Italien gab Verteidigungsminister Guido Crosetto Ende November bekannt, einen Gesetzentwurf ins Parlament einbringen zu wollen. Das Ziel, so Crosetto, sei ein freiwilliger Wehrdienst, „der die Verteidigung des Staates in den kommenden Jahren garantiert“. Davon betroffen wären, genauso wie in Deutschland, die jungen Erwachsenen. Die, die bald volljährig werden.
Wie stehen sie selbst zum Wehrdienst? Könnten sie sich vorstellen, einen solchen anzutreten? Und was, wenn der Staat sie dazu verpflichten würde?
Genau darüber hat eine Jugendgruppe eines Südtiroler Jugendvereins jüngst mit ihren Betreuerinnen und Betreuern diskutiert. Die SWZ war dabei und hat das Gespräch aufgezeichnet. Im Text wurden die Namen der Jugendlichen geändert.
Die jungen Männer und Frauen sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Würden sie in Deutschland leben, würden einige von ihnen 2026 den Fragebogen erhalten. Einige der jungen Männer müssten zur Musterung.
Die jungen Männer und Frauen sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Teils gehen sie zur Schule, teils sind sie in Ausbildung. Würden die Jugendlichen in Deutschland leben, würden einige von ihnen 2026 den Fragebogen erhalten. Einige der jungen Männer müssten zur Musterung.
Bilder im Kopf
Wenn die Jugendlichen über Wehrdienst sprechen, greifen viele zunächst auf Erinnerungen und Erzählungen aus ihrer Familie zurück. Väter und Großväter hätten ihren Dienst noch geleistet, erzählen sie. Einer berichtet, sein Vater habe während der „Naia“ andere beim Führerschein ausgebildet, ein anderer erinnert sich an Uniformteile, die noch bei der Großmutter zu Hause liegen.
„Man verbindet den Wehrdienst direkt mit Krieg“, sagt Lukas. „Aber es geht ja am Ende um Krieg“, erwidert Anna.
Diese Erzählungen wirken wie Relikte aus einer anderen Zeit. So richtig Bescheid weiß niemand über den Wehrdienst, wie er einmal war. Und auch, wie er vielleicht in Zukunft wieder sein könnte.
Gleichzeitig ist das Bild, das die Jugendlichen mit Wehrdienst verbinden, erstaunlich eindeutig: Krieg. „Ich habe da immer das Bild, dass ich sofort irgendwo hingeschickt werde und jemanden erschießen muss“, sagt Max offen. Er räumt ein, dass dieses Bild vielleicht falsch sei – es sei aber das erste, das ihm in den Kopf komme. Lukas sieht das ebenfalls so: „Man verbindet den Wehrdienst direkt mit Krieg.“ Anna widerspricht nicht, sondern ergänzt: „Aber es geht ja am Ende um Krieg.“
Viele stellen sich den Wehrdienst als Ausbildung im Umgang mit Waffen vor. Als Vorbereitung auf den Ernstfall. Sie sprechen über Pistolen und Maschinengewehre und darüber, wie schwer es sein müsse, sich die notwendigen Fähigkeiten in kurzer Zeit anzueignen. „Ein Jahr Ausbildung kann ja nicht reichen, um im Krieg zu etwas zu taugen“, sagt Hannes.
„Dann ist man am Ende Kanonenfutter“
Etwas, das alle Jugendlichen an diesem Diskussionsabend beschäftigt, ist das Thema Reservistenpflicht. Mehrere äußern die Sorge, im Kriegsfall auch Jahre nach dem eigentlichen Wehrdienst noch eingezogen werden zu können. Möglicherweise zu einem Zeitpunkt, an dem das Erlernte schon in Vergessenheit geraten ist. „Dann ist man am Ende Kanonenfutter“, meint Hannes ernst.
Die Vorstellung, mit begrenzter Ausbildung in einen bewaffneten Konflikt geschickt zu werden, löst Unbehagen aus. „Was bringt das dann wirklich?“, fragt Lukas.
Eine andere Stimme, Julia, hält dagegen: „Lieber einen schlecht Ausgebildeten als jemanden, der gar nichts kann.“
Den Gedanken, Teil einer Reserve zu sein, die im Ernstfall aktiviert wird, nehmen die Jugendlichen als Belastung wahr – nicht als Sicherheitsversprechen. Die Angst richtet sich dabei – das wird im Gespräch klar – weniger auf den Dienst selbst als auf die Möglichkeit, dass aus einer abstrakten Pflicht plötzlich bitterer Ernst werden könnte.
Alle oder niemand
Bald führt die Diskussion der Jugendlichen zur Frage der Gerechtigkeit. In Deutschland sollen 2026 alle, die volljährig werden, den erwähnten Fragebogen zugesandt bekommen. Während die jungen Frauen selbst entscheiden dürfen, ob sie ihn ausfüllen, ist das für die jungen Männer Pflicht. Dasselbe gilt für die Musterung: Für die Jungen ist sie Pflicht, für die Mädchen freiwillig.
Die Vorstellung, „für das Vaterland zu sterben“, lehnen die Jugendlichen ab.
Dass nur Männer von einer möglichen Wehrpflicht betroffen wären, stößt bei den Jugendlichen auf wenig Verständnis. „Deutschland redet viel über Gleichberechtigung – das wäre ein Rückschritt“, findet Max. Die Mädchen in der Runde nicken.
Einigkeit besteht darin, dass eine Pflicht, wenn es sie denn gäbe, für alle gelten müsse. Andernfalls würden Männer ein Jahr ihres Lebens verlieren, während Frauen unberührt blieben. „Entweder alle oder niemand“, lautet der Tenor.
Gleichzeitig wird Wahlfreiheit gefordert. Viele sprechen sich für ein Modell aus, bei dem zwischen Wehrdienst und einem sozialen oder zivilen Dienst gewählt werden kann. Nicht jeder müsse ins Militär, aber jeder könne einen Beitrag leisten – unabhängig vom Geschlecht.
Pro und Contra: Ein Jahr, das alles unterbricht
In der Abwägung der Argumente dominiert im Gespräch zunächst die Kritik. Ein Jahr Wehrdienst bedeute vor allem eines: Stillstand. „Man ist halt ein Jahr weg“, sagt Hanna. Was passiere, wenn jemand bereits eine Ausbildung mache oder sein Studium anfangen wolle? Oder wenn jemand gerade einen Job angetreten habe? Für angehende Mediziner:innen etwa sei ein zusätzliches Pflichtjahr ein erheblicher Einschnitt. „Man kann ein Jahr lang nicht tun, was man eigentlich möchte“, sagt Hannes.
Auch die fehlende Motivation wird thematisiert. „Wenn man verpflichtet wird, fehlt einfach die Motivation“, heißt es. Dazu komme die lange Zeit als Reservist – ein Gefühl, das viele als dauerhafte Unsicherheit empfinden.
Neben den persönlichen Folgen sprechen die Jugendlichen auch über wirtschaftliche Aspekte. Wenn ganze Jahrgänge eine Zeit lang Wehrdienst leisten müssten, fehlten diese als Arbeitskräfte in anderen Bereichen. „Die Wirtschaftskraft geht verloren“, sagt ein Schüler.
Die Frage der Finnazierung
Zudem stelle sich die Frage der Finanzierung. Ausbildung, Gehälter, Unterbringung, Verwaltung – all das koste Geld. „Italien ist eh schon verschuldet. Das kann sich der Staat ja nicht leisten“, sagt Max.
Als die Jugendlichen aufgefordert werden, über Argumente nachzudenken, die für eine Wehrpflicht sprechen, denken sie vor allem an die persönliche Entwicklung. Der Dienst könne lehrreich sein, neue Erfahrungen ermöglichen und Menschen aus ihrer Komfortzone holen. „Man lernt sicher viel für sich selbst“, sagt Benjamin. Nach einem Jahr habe man womöglich eine andere Reife als nach einem Jahr an der Universität. „Vielleicht entdeckt jemand auch einen Beruf, an den er sonst nie im Leben gedacht hätte“, sagt Martina.
Im Falle eines Modells, bei dem zwischen Wehrdienst und einem sozialen bzw. Ziviljahr gewählt werden könnte, würde die Gesellschaft profitieren, sagen die Jugendlichen. „Dann hätte man zum Beispiel im Altersheim oder beim Weißen Kreuz viele zusätzliche Arbeitskräfte“, sagt Lukas. Er nennt einen weiteren positiven Aspekt: die Durchmischung der Gesellschaft – unabhängig vom Einkommen, der Sprache oder dem kulturellen Hintergrund. Lukas: „Man würde eine Zeit lang mit Leuten arbeiten, mit denen man sonst wohl nie in Kontakt wäre. Wichtig wäre nur, dass es keinen Weg für die Schlauen gibt, den Dienst zu umgehen.“
Eine Generation ohne Vaterlandsmythos
Die Vorstellung, „für das Vaterland zu sterben“, lehnen die Jugendlichen ab. „Dieses Gefühl wie im Ersten Weltkrieg, das gibt es heute nicht mehr“, sagt Hannes. Niemand wolle heute für sein Land sterben. Und er fügt hinzu: „Aber das ist vielleicht auch nicht schlimm.“
Benjamin meint: „Ich weiß auch nicht, ob sich Italien zurzeit politisch in eine Richtung entwickelt, auf die ich stolz bin und für die ich kämpfen würde.“
Aber was wäre im Extremfall, wenn beispielsweise Russland Italien angreifen würde? Würde sich dann ihre Meinung ändern? Dieses Szenario scheint für die Jugendlichen weit entfernt. Selbes gilt für aktuelle geopolitische Entwicklungen, darunter die sinkende Bereitschaft der USA, Europa im Falle eines Angriffs zur Seite zu stehen. Max sagt: „Wenn jetzt ein Krieg ausbrechen würde und die Männer eingezogen würden, würden wohl drei Viertel der Männer auswandern oder sich in einem Wald verstecken.“
„Wenn der Staat den Wehrdienst verpflichtend einführt, was kommt dann als Nächstes?“, fragt Julia.
Was die Jugendlichen als problematisch betrachten, ist ein möglicher Zwang. Freiheit sei wichtig. „Wenn der Staat den Wehrdienst verpflichtend einführt, was kommt dann als Nächstes?“, fragt Julia.
Am Ende wird das Gespräch persönlich. Würden die Jugendlichen selbst Wehrdienst leisten, wenn sie entscheiden müssten? Die Mehrheit antwortet zurückhaltend oder verneinend. Einige sagen, sie würden eher ein soziales Jahr machen – etwa im Zivilschutz, im Rettungsdienst oder in einer sozialen Einrichtung. Andere könnten sich einen Dienst nur vorstellen, wenn er verpflichtend wäre.
Max meint: „Bevor ich den Wehrdienst mache, gehe ich zum Militär. Da bekomme ich die bessere Ausbildung und das bessere Gehalt.“ Andere zeigen sich offener, insbesondere einem Jahr in einer sozialen Einrichtung gegenüber. Ein Jahr Dienst könne prägend sein, sagen sie, vielleicht sogar eine Chance. „Ich glaube nicht, dass das so schlimm wäre“, meint Hanna.
Zwischen Pflicht und Zweifel
Was bleibt, ist kein klares Ja oder Nein zur Wehrpflicht, sondern ein Spannungsfeld aus Skepsis, Verantwortungsgefühl und vielen offenen Fragen. Die Diskussion zeigt vor allem eines: Die Jugendlichen, die von einer möglichen Wehrpflicht betroffen wären, reagieren darauf nicht mit Gleichgültigkeit. Sie denken nach, wägen ab, widersprechen sich – und bleiben dennoch skeptisch. Nicht, weil sie Verantwortung grundsätzlich ablehnen, sondern weil sie fragen, wie fair, sinnvoll und zeitgemäß ein verpflichtender Dienst heute noch sein kann.
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: „Niemand will heute für sein Land sterben“
















