In den Medien wird immer wieder über Steuerhinterziehung geklagt. Die verbreitete Meinung lautet: Wenn alle zur Kasse gebet würden, dann müssten alle weniger zahlen. Auch könnten die öffentlichen Haushalte dann mit der Zeit relativ leicht saniert werden.
Neben der Steuerhinterziehung, die erstens ein wenig gefährlich und zweitens vielen Steuerpflichtigen nicht oder kaum möglich ist, gibt es aber zwei weitere Phänomene, nämlich die Steueroptimierung und Steuervermeidung. Das sind ganz legale Dinge, und vielfach werden sie vom Gesetzgeber durch entsprechende Normen ermöglicht und angetrieben. Die Absicht ist durchaus edel, aber die Folgen für uns sind offensichtlich und bedenklich. Ein solcher Steuervermeider ist mein Nachbar. Er treibt es wirklich bunt und richtet damit immensen finanziellen Schaden für die öffentlichen Kassen an. Ich möchte Ihnen kurz schildern, was der alles anstellt, um keine Steuern zahlen zu müssen.
Angefangen hat das schon vor fünf Jahren. Da hat er mit dem Rauchen aufgehört – er, der bis dahin jeden Tag eine Packung Zigaretten gequalmt hat. Fünf Euro kostet ein Päckchen, die Hälfte sind Steuern. Wenn ich richtig gerechnet habe, hat er dem Fiskus auf diese Weise unter Einrechnung eines zusätzlichen Tages für ein Schaltjahr in fünf Jahren 4.565 Euro vorenthalten.
Aber damit nicht genug. Vor vier Jahren hat er die Ölheizung hinausgeschmissen, eine Pelletsheizung eingebaut und eine Solaranlage auf dem Dach installieren lassen. Bis dahin musste er jedes Jahr so an die 2.500 Liter Heizöl tanken. Ich habe nur einen niedrigen Durchschnittspreis von 1,20 Euro pro Liter angenommen, um auszurechnen, was er sich an Steuern erspart hat. Bei diesem Preis machen die Akzisen etwa 40,3 Cent aus, während die Mehrwertsteuer etwa 21 Cent beträgt. 10.000 Liter (nicht gebrauchtes) Heizöl mal 61,3 Cent Steuern pro Liter macht 6.130 Euro. Eine ansehnliche weitere Steuervermeidung. Dazu kommt, dass er auch die Fenster ausgetauscht und das Dach sowie die Außenwände isoliert hat. Diese Ausgaben für die sogenannte energetische Sanierung kann er steuerlich geltend machen, über viele Jahre zwar, aber immerhin. Sein Bruder hat mir erzählt, dass er seither jedes Jahr fast 3.000 Euro mit dem Fiskus verrechnet, das wären in den letzten vier Jahren 12.000 Euro.
Aber damit nicht genug. Vor drei Jahren hat mein Nachbar sein Auto verkauft. Er wolle eine Beitrag leisten zur Verringerung des Individualverkehrs, hat er mir gesagt und darauf verwiesen, er könne mit dem Bus zur Arbeit fahren (er wohnt ja nur fünf Minuten von der Haltestelle entfernt und arbeitet in der Innenstadt), und am Wochenende seien er und seine Frau sowieso immer mit deren Auto unterwegs. Sehr viel gefahren ist er ja nie, aber auf 10.000 Kilometer hat er es immer gebracht, und ich denke, so acht Liter Benzin auf 100 Kilometer hat sein alter Golf schon geschluckt. Das entspricht einem Verbrauch von 800 Litern im Jahr. Nehmen wir auch nur einen niedrigen Durchschnittspreis von 1,48 Euro pro Liter an, machen die Akzisen etwa 73 Cent aus, die Mehrwertsteuer beträgt knapp 27 Cent, macht zusammen einen Euro. Steuerersparnis: 800 Euro im Jahr, macht 2.400 Euro in drei Jahren. Dazu kommen nicht gezahlte Kfz-Steuern von etwa 300 Euro im Jahr (da muss ich schätzen, ich weiß nicht genau, wie leistungsstark der Motor ist), macht 900 Euro in drei Jahren. Damit nicht genug: Er hätte sich in diesen drei Jahren mit Sicherheit ein neues Auto kaufen müssen, denn seines war Baujahr 1998. Nehmen wir einen Grundpreis ohne IVA von 12.000 Euro an, macht die (vermiedene) Mehrwertsteuer bei einem angenommenen Kauf im Jahr 2014 genau 2.520 Euro aus. Rechne ich dann noch einen Pauschalbetrag von 150 Euro im Jahr dazu (Steuern auf Versicherung, MwSt auf Reifen und Reparaturen usw.), macht das noch einmal 450 Euro. Die gesparten Steuern im Bereich Mobilität summieren sich demnach auf 6.270 Euro in drei Jahren.
Und weiter geht’s! Vor zwei Jahren hat er beschlossen, seine Einzahlungen in einen Zusatzrentenfonds bis zur Grenze von 5.164 Euro im Jahr auszuweiten. Er zahlt dort schon seine Abfertigung ein, den Betrag schätze ich so auf 3.000 Euro im Jahr. Auf die restlichen 2.164 Euro erspart er sich – auch da muss ich schätzen, weil ich nicht weiß, wie hoch sein Einkommen ist – so um die 30 Prozent, sagen wir einmal 600 Euro im Jahr, in den letzten zwei Jahren also 1.200 Euro.
Wenn ich das jetzt alles zusammenzähle, komme ich auf den ansehnlichen Betrag von 30.165 Euro, deren Zahlung an den Staat der Bursche in den letzten fünf Jahren vermieden hat. Ich gönn’s ihm ja, ehrlich. Nur: Wenn 2,5 Prozent der 40 Millionen Steuerpflichtigen in Italien genau dasselbe tun, dann betragen die Mindereinnahmen für den Staat in fünf Jahren über 30 Milliarden! Und auf dieses Geld kann der Fiskus nicht einfach verzichten, sondern er wird es sich bei uns allen holen – durch höhere Steuern, weil andere nicht gezahlt haben! Deshalb scheint mir oft, dass Kettenraucher, Vielfahrer, Sanierungsverweigerer, Spielsüchtige und Vorsorgemuffel recht nützliche Mitglieder unserer Gesellschaft sind. Das Problem sind die vorbildlichen Bürger, diese Steuervermeider!















