Bozen – Vor mehr als zehn Jahren begann Südtirol, in Wasserstoff und emissionsfreie Mobilität zu investieren. Nun erreicht diese Strategie einen neuen Punkt: Mit dem Hydrogen Adige Valley (HAV) wurde eine Infrastruktur fertiggestellt, die erneuerbare Energieerzeugung, grünen Wasserstoff und öffentlichen Nahverkehr in einem System verbindet.
Das von der Autonomen Provinz Bozen, SASA und Alperia geförderte Projekt umfasst eine Photovoltaikanlage mit einer geschätzten Jahresproduktion von 1,89 GWh, die Produktion von grünem Wasserstoff mit einer geschätzten Jahresproduktion von rund 130.000 Kilogramm sowie Betankungsinfrastruktur in Bozen und Meran. Genutzt werden soll der Wasserstoff vor allem für den öffentlichen Nahverkehr. Heute verfügt SASA über rund 50 emissionsfreie Fahrzeuge bei einer Gesamtflotte von 370 Fahrzeugen. Bis 2030 soll die Zahl auf über 120 emissionsfreie Busse steigen.
„Die Energiewende braucht Infrastruktur, Investitionen und eine langfristige Vision. Mit dem Hydrogen Adige Valley macht Südtirol einen wichtigen Schritt in Richtung größerer Energieunabhängigkeit […]“ Luis Amort
Finanziert wurde das Projekt durch die Europäische Union im Rahmen von Next Generation EU. Das Gesamtinvestitionsvolumen liegt bei rund 35 Millionen Euro. Nach Angaben der Projektträger zählt das Hydrogen Adige Valley samt Photovoltaikpark sowie der erweiterten und neuen H2-Betankungsinfrastruktur in den SASA-Betriebshöfen zu den modernsten Infrastrukturen Europas für die Nutzung von grünem Wasserstoff im öffentlichen Verkehr.
Für Südtirol geht es dabei nicht nur um neue Busse, sondern auch um Energiepolitik. In einem Umfeld geopolitischer Unsicherheiten, volatiler Energiemärkte und steigenden Dekarbonisierungsdrucks gewinnt die lokale Erzeugung von Energie und grünem Wasserstoff an Bedeutung. Landeshauptmann-Stellvertreter Daniel Alfreider spricht von einer Infrastruktur, die es ermögliche, „saubere Energie im eigenen Land zu erzeugen, Emissionen zu reduzieren und unsere Energieautonomie zu stärken“. Zugleich sieht er darin einen Baustein des europäischen Brenner Green Corridor.
Dieser soll den Mittelmeerraum mit Nordeuropa entlang einer der wichtigsten Logistik- und Handelsachsen des Kontinents emissionsärmer verbinden. Das Hydrogen Adige Valley schafft dafür zunächst vor allem im lokalen öffentlichen Verkehr neue Voraussetzungen. Langfristig könnte Wasserstoff auch im Güterverkehr und in der Logistik entlang dieser Achse eine größere Rolle spielen.
In einem Jahr umgesetzt
Bemerkenswert ist auch der Zeitplan: Die Bauarbeiten begannen am 25. Juni 2025 und wurden exakt ein Jahr später abgeschlossen – innerhalb des vorgesehenen Zeitrahmens des PNRR, des Nationalen Aufbau- und Resilienzplans Italiens. Zu den Projektpartnern zählen Strabag, Hydroalps, IIT Hydrogen, Metall Ritten, Elpo und Unionbau.
Kern des Projekts ist eine Anlage zur Erzeugung von grünem Wasserstoff mit einer Leistung von 2 MW in Bozen Süd. Sie kann mindestens 360 Kilogramm Wasserstoff pro Tag produzieren. Direkt daneben wurde ein Photovoltaikfeld mit einer Leistung von rund 1,5 MW errichtet, das jährlich schätzungsweise 1,89 GWh erneuerbare Energie erzeugt.
Diese Energie trägt zur Versorgung des Elektrolyseprozesses bei, mit dem grüner Wasserstoff hergestellt wird. Der Wasserstoff wird für den lokalen öffentlichen Verkehr sowie für die Tankstellen in Bozen und Meran genutzt. Dadurch entsteht eine regionale Energiekette – von der Stromerzeugung über die Wasserstoffproduktion bis zur Betankung der Busse.
Eine Besonderheit ist nach Angaben der Projektträger die erste Photovoltaikanlage des Landes über einem Busparkplatz. Sie soll erneuerbare Energie erzeugen, ohne zusätzliche Flächen zu beanspruchen, und künftig auch zur Versorgung der wachsenden Elektrobusflotte beitragen.
Für SASA-Präsidentin Astrid Kofler markiert das Projekt einen Einschnitt. Nach mehr als einem Jahrzehnt operativer Erfahrung mit Wasserstoff verfüge SASA nun über „eine lokale Wertschöpfungskette, die Energieproduktion, Betankung und Nutzung im öffentlichen Verkehr integriert“. Damit wird Wasserstoff nicht mehr nur erprobt, sondern stärker in den Regelbetrieb eingebunden.
Jetzt beginnt der Praxistest
Auch Alperia sieht in der Anlage mehr als ein Mobilitätsprojekt. Die Energiewende brauche „Infrastruktur, Investitionen und eine langfristige Vision“, sagt Generaldirektor Luis Amort. Mit dem Hydrogen Adige Valley werde die Nutzung lokaler erneuerbarer Ressourcen gestärkt und ein integriertes Modell aus Energie und Mobilität geschaffen.
Südtirol positioniert sich damit weiter als Test- und Anwendungsraum für Wasserstoff im öffentlichen Verkehr. Ob daraus auch ein breiterer wirtschaftlicher Vorteil entsteht, wird davon abhängen, wie zuverlässig die Infrastruktur im Alltag funktioniert, wie schnell die emissionsfreie Flotte wächst und ob Wasserstoff über den Nahverkehr hinaus auch in Logistik und Güterverkehr wirtschaftlich eingesetzt werden kann.

















