Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin seit drei Jahrzehnten Vater, habe Kinder gern und gehöre zu den Menschen, die Babys süß finden. Meine Freunde sagen von mir, ich sei kinderlieb, was man heute eigentlich nicht mehr laut sagen sollte, um sich keinen Verdächtigungen auszusetzen. Ich wiederhole es trotzdem: Ich mag Kinder (und sogar Säuglinge), kann gut mit ihnen umgehen und schaue in jeden Kinderwagen, den eine stolze Mutter irgendwo in der Stadt oder auf dem Land vor sich herschiebt.
Und doch bin ich publizistisch immer ein wenig verärgert, wenn es gegen Weihnachten und Neujahr geht. Ich weiß nämlich schon jetzt, was am 1. Jänner bei den TV-Nachrichten im Sender Bozen gezeigt wird und am nächsten Tag in den „Dolomiten“ steht. Seit ich selbst ein Kind war, ist dies ein Ritual, das sich jedes Jahr wiederholt, eine Chronistenpflicht, die gar nicht mehr hinterfragt wird. Die Rede geht vom Neujahrsbaby – oder besser gesagt: von den Neujahrsbabys. Wer es schafft, das erste Kind im neuen Jahr zu gebären, der kommt ins Fernsehen und in die Zeitung, und zwar in Wort und Bild, wie es so schön heißt. Jedes Jahr strahlen uns glückliche Mütter in Farbe entgegen, im Arm das Neugeborene, zuweilen eingerahmt vom stolzen Vater, der noch ein wenig mitgenommen wirkt ob des Erlebten, und vom Schwesterchen oder Brüderchen, die ein wenig konsterniert wirken, ratlos angesichts des Bündels Mensch, mit dem man noch nicht spielen kann, das krächzt und schreit und die ganze Aufmerksamkeit der Eltern bekommt.
Wehe, die Wehen setzen zu spät ein – oder zu früh. Dann startet ein neuer Erdenbürger ohne TV und Fotografenblitzlicht ins neue Leben, versinkt gewissermaßen in der Bedeutungslosigkeit (wen interessiert schon ein Kind, das um 12.30 Uhr des 1. Jänners geboren wird!). Dann gilt die Aufmerksamkeit einer oder einem anderen, die/der zwölf Stunden früher zur Stelle war. Vielleicht hat Michail Gorbatschow auch daran gedacht, als er einst davon sprach, dass den, der zu spät kommt, das Leben bestraft.
Wieso ist das Neujahrsbaby so interessant – genauso wie jenes, das am 12.12. um 12.12 Uhr das Licht der Welt erblickt und es ebenfalls in die Zeitung geschafft hat? Glauben vielleicht nur die Journalisten, dass das, was jedes Jahr gebetsmühlenartig berichtet wird, irgendjemanden interessiert? Oder wollen die Zuschauer und Leser in weiblicher und männlicher Form tatsächlich jedes Jahr genau die gleichen angeblich bewegenden Bilder, nur mit anderen Gesichtern? Dabei belassen es die Berichterstatter nicht beim ersten Baby, das im neuen Jahr in Südtirol geboren worden ist, nein, es kommt viel schlimmer: das erste Baby im Schlanderser Krankenhaus, das erste im Krankenhaus von Bruneck, Brixen oder Meran, alle mit Foto und Namen! Und weil das noch nicht reicht, wird das letzte Baby im alten Jahr gleich hinterhergeschoben, wiederum fein säuberlich getrennt nach Bezirken.
Dabei fällt mir ein: Wer eine Hausgeburt hat, ist schlimm dran, denn davon erfahren die Reporter nichts – und dann kommt auch kein Fernsehen und kein Zeitungsredakteur. Wer in der Silvesternacht ein Kind zu Hause zur Welt bringt, sollte dies bekannt geben, sonst passiert es doch tatsächlich, dass das falsche Baby in TV und Zeitung zu Ehren kommt, das, welches um 2.43 Uhr im Krankenhaus, statt das, welches um 0.56 Uhr daheim geboren wurde. Heute leuchtet ja kein eigener Stern mehr über den Häusern, wo eben eine bedeutende Entbindung stattgefunden hat, und Journalisten können nun einmal nicht wissen, was sich so hinter jeder Mauer abspielt (wenn sie das wüssten, wäre in der Zeitung kein Platz mehr für Meldungen über Geburten). Deshalb sollten alle, die in der Neujahrsnacht ein Kind zu Hause gebären, die Redaktionen verständigen, um Falschmeldungen vorzubeugen. Die Nummer der „Dolomiten“ ist 0471-925 111, der Alto Adige antwortet unter 0471-904 111, der RAI-Sender Bozen unter 0471-902 111.
Ich mein es ja nur gut! Mir selbst könnte das alles gestohlen bleiben. Mehr: Ich wünsche mir, ich müsste zu Beginn des nächsten Jahres nichts mehr hören, sehen oder lesen (lesen muss ich ja nicht) vom neuesten Neujahrsbaby. Ich frage mich: Ist diese Berichterstattung gute Tradition, hat sie überlebt aus alten Tagen, wo es nichts Berichtenswertes gab? Oder ist sie vielleicht heute schon eine Übung für morgen, für eine Zeit, in der über jede Geburt berichtet wird, weil so selten eine stattfindet?
Übrigens werden wir uns darauf einstellen müssen, dass unsere Neujahrsbabys exotische Namen tragen. Es sind die ausländischen Mitbürger, die dafür sorgen, dass es noch ordentlich Nachwuchs gibt in diesem Land. Früher hieß das erstgeborene Kind in Südtirol vielleicht Klara Gruber oder Franz Niedrist, später Simone Bortolotti oder Deborah Spinell. Heute ist aber die Wahrscheinlichkeit groß, das der erste neue Südtiroler Mustafa Shawari heißt. Das wäre dann endlich etwas Neues und berichtenswert. „Südtirols gesellschaftlicher Wandel im Spiegel der Neujahrsbabys“ – das könnte bald ein Thema für eine Diplomarbeit sein.
Eine befreundete Psychologin hat eine Erklärung für meine Aversion gegen die Neujahrsbabys. „Du bist“, sagt sie, „am 4. Jänner geboren, also zu spät, um in die Zeitung zu kommen. Dieser Komplex drückt sich in deiner Ablehnung gegen die Berichterstattung aus.“ Auch ich kann nicht aus meiner Haut.















