Bozen – Mimi K. hat ihren Master für Industriedesign in der Tasche, aber ihren Idealjob hat sie noch nicht gefunden. Sie verbringt ihre Zeit damit, für Open-Innovation-Plattformen, also Online-Ideenwettbewerbe, Produkte zu entwerfen. „Weil ich Zeit habe und ich mich gern kreativ beschäftige, mache ich da gern mit – und wenn ich Glück habe, gewinne ich ein Preisgeld oder ein potenzieller Arbeitgeber wird auf mich aufmerksam“, meint sie. Auch für die Open-Innovation-Plattform des Landesverbandes der Handwerker (LVH) hat Mimi K. ein Kinderbett entworfen.
Innovationsprozesse haben sich geändert: Während sie früher ausschließlich in nach außen hin abgeschotteten F&E-Abteilungen vonstatten gingen, tragen heute sehr häufig kreative Internetnutzer aus der breiten Öffentlichkeit zur Entwicklung einer neuen Produktidee oder von Dienstleistungen bei. „Bereits 70 Prozent der Großunternehmen nutzen Konzepte der Open Innovation, um ihre Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, über die Hälfte verwenden diese Ansätzen, um Kunden in Produktentwicklungsprozesse zu integrieren“, sagt Kurt Matzler vom Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus der Universität Innsbruck und bezieht sich auf eine Studie von McKinsey. „
Eine OECD-Studie zeigt hingegen auf, dass sich nur zehn Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aktiv mit der Öffnung und Vernetzung von Innovationsaktivitäten auseinandersetzen, die Werte für den italienischsprachigen Raum liegen gar deutlich unter fünf Prozent“, so der Professor. Er präsentierte diese Woche das Konzept der offenen Innovationsprozesse bei einer Pressekonferenz des Landesverbandes für Handwerker LVH. Es ist Kernthema des EU-geförderten Projektes Open Innovation Südtirol (OIS), zu dem das entsprechende Handbuch und die dahinter stehende Internet-Plattform vorgestellt wurden. „Diese Plattform ermöglicht es kleinen Betrieben erstmals, über das Web eine breite Masse an Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern und Experten in den Produktentwicklungsprozess einzubinden und somit frühzeitig zu erfahren, welches die Anforderungen des Markts an das Produkt sind“, sagt LVH-Präsident Gert Lanz.
Kleinst- und Kleinunternehmen fehle es oft neben personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen auch am nötigen Know-how, um Ideen in Produktlösungen umzusetzen, Absatzmärkte für Neuprodukte zu finden und Ideen zu vermarkten. Diese Plattform, die schon die ersten Ideenwettbewerbe abgeschlossen hat und nun neue lanciert, stellt eine Chance für KMU dar, sich auf die Aufholjagd gegenüber größeren Unternehmen zu begeben – sofern sie dann auch die Schlagkraft besitzen, die Produkte am Markt zu platzieren.
Bei internationalen Konzernen zählen offene Innovationsprozesse, in denen die breite Öffentlichkeit einbezogen wird, inzwischen zum Standard: Analog zum Begriff Outsourcing nennt sich diese „Auslagerung in die Menge“ im Fachjargon „Crowdsourcing“. Der Grundsatz „Innovationen entstehen im eigenen Unternehmen“ wandelt sich hier zur Erkenntnis „Innovationen entstehen in Netzwerken“, heißt es im OIS-Handbuch.
Der Konzern Procter & Gamble formuliert es so: „Wir mussten unsere Ansichten und unser Verständnis zu unserer F&E-Abteilung ändern – von 7.500 Mitarbeitern im Unternehmen auf 7.500 plus 1,5 Millionen außerhalb des Unternehmens, mit einer durchlässigen Grenze zwischen ihnen.“ So liest man in der Studie „Open Economy“ des Zukunftsinstituts in Kelkheim, dessen Chef der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx ist. Die Studie behandelt verschiedene Bereiche, die vom Trend zu mehr Offenheit betroffen sind – offene Innovationsprozesse und Crowdsourcing zählen dazu.
Manche Unternehmen machen sich Ideen, die hingegen im Unternehmen keine Chance auf Umsetzung haben, anderweitig zunutze. So werden – oft gegen Lizenz – Spin-Offs und Inkubatoren zur Nutzung angeboten. IBM erwirtschaftet Milliardenumsätze mit den Lizenzen für solche Ideen, die zudem die IBM-Standards mitverbreiten, so die Studie des Zukunftsinstituts.
3.000 Euro winken Mimi K., falls sie den Ideenwettbewerb des Tischlereibetriebes und Inneneinrichters Complojer aus Wengen im Gadertal gewinnt. Davide Complojer suchte schon länger nach innovativen Produkten, die er bei schwieriger Konjunkturlage produzieren kann. „Die Plattform OIS ist für mich ein idealer Weg, um neue Ideen in meinen Betrieb hineinzulassen“, sagt der Gadertaler Tischler und Unternehmer. „Es soll zwar eine serienmäßige Produktion werden, aber dennoch Individualisierungen zulassen.“ Die Vertriebswege sind hingegen noch nicht geplant: „Wir werden die Kinderbetten sowohl im Internet anbieten als auch über Südtiroler Geschäfte und – wer weiß – auch über Vertreter.“
Für Gabriel Hofer von der Tischlerei Hofer Heinrich aus St. Leonhard in Passeier liegt die Teilnahme an der Plattform Open Innovation Südtirol schon ein Jahr zurück. „Wir möchten alle drei bestplatzierten Produkte in Produktion nehmen“, sagt der Junior-Chef der 25 Mitarbeiter starken Bau- und Möbeltischlerei. „Begonnen haben wir allerdings mit dem Weinscheit, dem zweitplatzierten Holzsouvenir des Wettbewerbs. Wir sind startbereit, um in Serienproduktion zu gehen – 300 bis 500 Stück möchten wir monatlich herstellen“, so Hofer. Der Sieger des Wettbewerbs war das „Südtiroler Bergdorf“, kleine Holzhütten, die zur Zierde aufgestellt werden und an Südtirol erinnern sollen (im mittleren Bild unten). Es wurde von einem Architektenteam aus Mailand entworfen und schon auf dem „Salone del Mobile“ vorgestellt.
Und der Vertrieb? „Damit sind wir noch nicht so weit, wir werden aber diesbezüglich von einem Marketingberater begleitet“ sagt Senior-Chef Karl Hofer. „Wir haben auch schon Anfragen aufgrund der Medienberichte.“ Auch die Preiswürdigkeit der Holzsouvenirs soll unter anderem über eine Kundenbefragung und eine Marktanalyse vertieft werden.
Es sieht aus, als ob der gute Ansatz des LVH ähnliche Probleme mitführt wie viele Innovationsprojekte: Wenn ein gutes Produkt gefunden ist, fängt die schwierige Arbeit erst an. Darauf weist das OIS-Handbuch auch durchaus hin – und schlägt auch für die Vermarktungsstrategie einen Ideenwettbewerb vor, um auch hier möglicherweise neue Wege einzuschlagen. Außerdem wird mit der Plattform eine wichtige Leistung für die Südtiroler Unternehmen erbracht: Der Anstoß zu einer Kultur der Offenheit nach außen hin. Die besten Unternehmer werden dann eben alles Weitere selbst in die Hand nehmen müssen.
In der Studie des Zukunftsinstituts heißt es: „Offenheit ist ein sehr effektives Instrument, das aber immer auch strukturverändernd wirkt.“ Was kann man sich Besseres für Südtirol wünschen?!
Ob das Kinderbett von Mimi K. eine Chance hat, zu gewinnen, wird man erst erfahren, wenn sich die Jury beim LVH für eine Produktidee entschieden hat. Inzwischen hat die Designerin jedenfalls eine Stelle gefunden – bei einem Südtiroler Industriebetrieb, der ihr Projekt gesehen hat.
Mimi K. ist eine fiktive Person und steht stellvertretend für die vielen, jungen Designer auf Arbeitssuche.


















