In meiner Kindheit hat sich täglich ein Ritual wiederholt: Um Punkt 12 Uhr wurde zu Mittag gegessen, und zu Beginn mussten wir uns alle ruhig verhalten, denn da wurden die Radionachrichten des Senders Bozen gehört. Diese waren damals fein säuberlich in zwei Blöcke getrennt, zuerst kamen die internationalen Nachrichten, dann jene „aus der Region“. Am Ende gab es noch das Wetter, und dann hieß es: „Schalt aus, jetzt kommen bloß noch Meldungen in italienischer Sprache.“ Freunde und Bekannte erzählen, dass es bei ihnen zuhause ähnlich war: Was „der Italiener“ zu berichten hatte, hat kaum jemanden interessiert am Land.
Als ich dann beruflich auf eigenen Beinen stand und auszog, hat sich dies geändert, zuerst bloß, weil es für einen Journalisten Pflicht ist, umfassend informiert zu sein und Nachrichten aus verschiedenen Quellen zu sammeln, nach und nach aber auch aus Neigung. Im Laufe von vielen Jahren, in denen ich oft mittags in der Redaktion arbeitete und nebenbei die Radionachrichten verfolgte, habe ich erfahren, wie unterschiedlich in der deutschen und in der italienischen Redaktion immer wieder gewichtet wurde und wird. Den Hörerinnen und Hörern der deutschen RAI-Programme werden zuweilen bestimmte Sachverhalte oder Sichtweisen gar nicht mitgeteilt, und dies ist auch umgekehrt der Fall. Was genau im Bozner PdL vorgeht, das interessiert die einen nicht sonderlich, die anderen wollen nicht unbedingt wissen, welche Probleme es bei der Kür der SVP-Kandidaten für die Landtagswahl im Wipptal gibt.
In beiden Nachrichtensendungen zu fischen, das habe ich immer nicht bloß als journalistischen Auftrag empfunden, sondern auch als Bereicherung. Im Laufe der Jahre habe ich so von vielen Veranstaltungen erfahren, die nur im „giornaleradio“ angekündigt wurden, mir wurde immer wieder bewusst, dass unsere italienischen Landsleute in manchen Dingen eben anders ticken als wir – oft menschlicher, oft bedenklicher –, und obendrein konnte ich immer auch verfolgen, was im Trentino so abläuft, der Nachbarprovinz, die mit Südtirol in einem Autonomieboot sitzt, die wir mit unserer Beschäftigungsquote und unserem Pro-Kopf-BIP übertreffen, von der wir in der einen oder anderen Frage jedoch durchaus auch lernen können.
Seit das Land Südtirol der lokalen RAI finanziell unter die Arme greift, ist alles anders. Die Mittel haben einen Ausbau der Sendungen in deutscher und ladinischer Sprache erlaubt, und die Redakteure und Programmgestalter am Mazziniplatz können ohne jene Unterbrechungen senden, die vermutlich von vielen als lästig empfunden worden sind. Um 12.10 Uhr zwitschert nicht mehr das übliche Vögelchen, es wird nicht mehr in die italienische Redaktion geschaltet, die dann ihrerseits die Trentiner Kollegen hinzuzieht, nein: Die Sendungen in deutscher Sprache gehen weiter, wenn bisher auch noch recht provisorisch und nicht auf der Grundlage des endgültigen Konzeptes. Ähnlich ist es am Nachmittag. Die Sendungen in deutscher Sprache werden nur noch von denen in ladinischer Sprache unterbrochen. Die lokalen RAI-Italiener sind jetzt auch unabhängiger und senden auf einer anderen Frequenz.
Die Trennung und die Ausweitung der jeweiligen Programme ist zweifellos ein Fortschritt, eine Verbesserung, die es dem öffentlich-rechtlichen Sender Bozen ermöglichen sollte, im Kampf um Hörer gegen die Privaten Punkte zu sammeln, auch wenn gelegentlich eingewandt wird, es sei bedenklich, in einer Zeit, in der an allen Ecken und Enden gespart werden muss, Steuergelder in die Südtiroler RAI zu pumpen und die Mittel, über die diese schon bisher verfügt hat, um fünf Millionen aufzustocken. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich persönlich vermisse die lokalen Nachrichten in italienischer Sprache. Ich weiß: Ich muss nur eine andere Taste am Radiogerät drücken, und schon bin ich beim Italiener. Aber ich bin das noch nicht gewohnt, und mir scheint, die Trennung hat Südtirol auch ein wenig von der Atmosphäre genommen, die ein mehrsprachiges Land prägt, sie hat uns ein wenig an Bewusstsein der ethnischen Vielfalt und Diversität genommen. Früher war der Übergang grenzenlos, das notwendige Umschalten heute ist ein medialer Grenzbalken, den es früher nicht gab. Wir haben mehr Sendezeit, aber wir sind ein bisschen getrennter, und das Zusammenwachsen wird ein bisschen schwieriger.
Die meisten Südtiroler aller Sprachgruppen sehen das vermutlich anders. Aber Minderheiten sind hierzulande ja geschützt, und so kann ich es wagen, Minderheit zu sein.















