Liebe Leserinnen und Leser,
nach 30 Jahren als Chefredakteur und Verantwortlicher Direktor der „Südtiroler Wirtschaftszeitung“ lege ich meine diesbezüglichen Aufgaben mit dieser Ausgabe zurück und gehe in Pension. In den Ruhestand treten werde ich aber nicht, denn ab Anfang November bin ich Mitglied des Verwaltungsrates der Herausgebergesellschaft, werde noch auf freiberuflicher Basis für die SWZ schreiben und anderen Tätigkeiten nachgehen.
In diesen drei Jahrzehnten habe ich mich bemüht, zuerst allein und dann mit einem kleinen, wachsenden und engagierten Team eine liberale Zeitung für Wirtschaftstreibende, Freiberufler, Führungskräfte und ganz einfach interessierte, weltoffene Menschen zu machen. Marktwirtschaft, Demokratie und Pluralismus waren die Grundsätze, nach denen ich mich immer ausgerichtet habe. Eine Stärke der SWZ war und ist ihre Unabhängigkeit von politischen Parteien und Interessenverbänden jeder Art, und Garant dieser Unabhängigkeit sind die breit gestreute Eigentümerstruktur der Herausgebergesellschaft und die erzielten Überschüsse, denn wer auf eigenen Beinen steht, muss sich nicht stützen lassen. Dem Herausgeber danke ich für das Vertrauen und die umfassende Autonomie, die die Redaktion in all diesen Jahren hatte, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre Begeisterung, ihre Loyalität, ihren Einsatz und ihre konstruktive Kritik, an der die Zeitung und ich gewachsen sind. Im Team ist es gelungen, über all die Jahre eine kleine, aber inhaltlich ansprechende Zeitung zu machen, die in Fachkreisen einen ausgezeichneten Ruf genießt, wie uns immer wieder bestätigt wird.
Ein besonderer Dank gilt aber den Leserinnen und Lesern, die die SWZ überwiegend im Abonnement beziehen und denen wir verpflichtet sind. Alle unsre Anstrengungen waren und sind darauf ausgerichtet, sie Woche für Woche zu informieren und mit Fakten und Meinungen zu konfrontieren. Aber die Kommunikation ist nie eine Einbahn geblieben: Die Anregungen und Inputs von außerhalb der Redaktion waren und sind entscheidend für die Themenauswahl, für Recherchen, für Hinweise darauf, wo der wirtschaftspolitische Schuh drückt. Wir haben in diesem Jahr mit externer Hilfe unsere Onlinenutzer analysiert und uns riesig über die Ergebnisse gefreut, denn sie stellen uns und den Usern selbst ein hervorragandes Zeugnis aus. Unsere Leserinnen (38 Prozent Frauen!) und Leser sind hoch gebildet (80 Prozent haben einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss), die Hälfte von ihnen verfügt über ein persönliches monatliches Nettoeinkommen von über 4.000 Euro, und wenn sie online sind und nicht gerade die SWZ lesen, interessieren sie sich für Bildung, Kunst und Kultur, Geldanlagen, Reisen, Informationstechnologien, Sport, Fitness und Gesundheit. Das bestätigt: SWZ-Leser/-innen sind erfolgreiche, gut verdienende, vielseitig interessierte und aufgeschlossene Menschen. Für uns als Zeitungsmacher sind deren hohe intellektuelle Ansprüche entscheidend, für unsere Inserenten deren Kaufkraft.
Ich scheide – wie könnte es nach 30 Jahren anders sein – mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus der Chefredaktion aus. Mit einem weinenden, weil mir die Arbeit Spaß gemacht, mein Leben mitgeprägt, ja spannend gemacht und mir viel Befriedigung geschenkt hat, mit einem lachenden, weil ich in Zukunft mehr Zeit habe für Tätigkeiten und Interessen, die oft etwas zu kurz gekommen sind. Dabei denke ich zwar auch an Freizeit, insbesondere aber an die Beschäftigung mit verschiedensten Themen, die mich fesseln, aber nur sehr indirekt mit Wirtschaft zu tun haben. Denn der Ruhestand ist nichts, was ich herbeisehne. Nur etwas zu schaffen, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun, stiftet Sinn. Zeit für Muße ist das Sahnehäubchen darauf.
Ich scheide in der Überzeugung aus, dass es Zeit ist zu gehen, wenn die Leistungskurve ihrem unabänderlichen kritischen Punkt zustrebt oder diesen schon überschritten hat. Wenn die Veränderungsbereitschaft und der Mut zu Neuem schon erodieren, ist es zu spät.
Ich bleibe der SWZ noch ein wenig erhalten, aber sie wird auch ohne mich auskommen. Ein neuer Wind tut gut. Er sorgt für neue Akzente und bringt neuen Schwung – aber er wird aus der gleichen Richtung kommen und in die gleiche Richtung wehen, das heißt, an der Grundausrichtung der SWZ wird sich nichts ändern. Sie bleibt den Konzepten und Werten verpflichtet, für die sie steht. Mein Nachfolger Christian Pfeifer, der diese Zeitung seit vielen Jahren begleitet und bereichert, wird neue Akzente setzen, aber fortführen, was gut war, um es mit Alexander Langer zu sagen. Ich zitiere Langer ganz bewusst, um auszudrücken, dass wir immer unsere Linie vertreten, aber nie Scheuklappen verwendet, sondern uns gerne mit anderen Konzepten und Meinungen auseinandergesetzt haben. Der neue Chefredakteur und sein Team genießen das Vertrauen des Herausgebers – und meines sowieso. Ich weiß unsere Leserinnen und Leser bei ihnen in guten Händen.


















