Robert Weißensteiner meint:
Die „ewigen“ Unterschiede zwischen Mann und Frau
Frauen verdienen weniger als Männer, das ist unbestritten, weil erwiesen. Kontrovers diskutiert wird jedoch über die Ursachen und über mögliche oder wünschenswerte Gegenmaßnahmen. Ich meine aufgrund meiner Erfahrungen: Auf individueller Ebene ist die unterschiedliche Entlohnung eine offensichtliche Ungerechtigkeit, denn viele Frauen verdienen in der gleichen Position weniger als ein Mann, obwohl sie gleich viel oder gar mehr leisten. Auf kollektiver Ebene gibt es aber objektive und nachvollziehbare Gründe für die Unterschiede, die teilweise in der gesellschaftlichen Rolle der Frau oder in der ihr von der Gesellschaft zugedachten Rolle liegen, teilweise aber tief in der menschlichen Entwicklungsgeschichte angelegt sind.
Frauen verhalten sind mit Blick auf ihr Gehalt weniger fordernd, sie sind aber auch weniger auf Leistung und Karriere getrimmt. „Leistungsbesessen“ oder gar „karrieregeil“ sind deutlich mehr Männer als Frauen und wer den Begriff „Workaholic“ hört, denkt aus guten Gründen dabei spontan an einen Mann. Auch an Burnout leiden mehr Männer als Frauen, weil sie bei der Arbeit höheren Erwartungen unterliegen, ihr Tun aber öfter als sinnlos empfinden. Männer verlieren deshalb häufiger die Balance in ihrem Leben als Frauen, die in vielerlei Hinsicht sensibler, vielfältiger, rücksichtsvoller und spontaner, aber psychisch weitaus zäher sind als Männer. Mich dünkt, die Menschheit wäre schon längst ausgestorben, wenn wir Männer die Kinder kriegen müssten.
Es liegt mir fern, in der Hirnrinde des Menschen nach Dingen zu schürfen, die „männliche“ Privilegien rechtfertigen. Aber trotzdem scheint mir das angeborene oder anerzogene Verhalten von Frauen und Männern mitverantwortlich zu sein für das Lohn- und Gehaltsdilemma – und für die Rollen, die Männer und Frauen ausfüllen (oder spielen?), weil sie auch unbewusst davon ausgehen, damit auf ihre Weise Erfolg zu haben.
Es ist eine Tatsache, dass erfolgreiche Männer bei Frauen besser ankommen als erfolgreiche Frauen bei Männern. Überdurchschnittlich einflussreiche, wohlhabende, mächtige, intelligente Männer werden oft bewundert und beeindrucken Frauen noch stärker als gut aussehende, denn sie sind vielfach interessante, selbstsichere Menschen, mit denen „frau“ bevorzugt eine Familie gründen möchte. Dieses weibliche Verhalten scheint mir ein wesentlicher männlicher Antrieb zu sein.
Weil aber Gehaltsunterschiede auch darin begründet sind, dass Frauen wegen Mutterschaft abwesend sind und sich dann für längere Zeit mental und emotional stärker auf ihre Kinder konzentrieren als auf ihren Job, wird erwogen (und in einzelnen Staaten auch bereits praktiziert), dass Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub gleichermaßen beansprucht werden müssen, damit beide Eltern gleich stark in der Familie an- und am Arbeitsplatz abwesend sind. Ich kann mich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Dies aus praktischen Überlegungen heraus (für den selbstständigen Wirtschaftsberater würde dann nicht das gelten, was für den angestellten Verkaufsleiter gilt), aber auch, weil ich meine, dass die Rollenprägung nicht allein gesellschaftlich bedingt ist, sondern tiefer angelegt ist und deshalb zwar durch Erziehung und Gewohnheit korrigiert, jedoch nicht eliminiert werden kann.
Mir kommt da gelegentlich in den Sinn, was mir eine Frau in leitender Position aus Deutschland unlängst im Zuge eines Tischgesprächs am Rande einer Veranstaltung verraten hat: Ihr Mann plane, für zwei oder drei Jahre daheim zu bleiben und sich um das Kind zu kümmern, welches das Paar adoptieren wolle; die Vorstellung, dass dieser ihr Mann ein Hausmann sein werde, sei ihr zuwider, sagte sie und ließ recht eindeutig durchblicken, sie wolle einen Kerl an ihrer Seite, keinen Softie, einen durchaus rücksichtsvollen Partner, aber doch auch einen, in dem ihre Freundinnen den Mann sehen, nicht den Kinderbetreuer.
Es gibt sicher Frauen, die in einer solchen Gleichberechtigung mental die Verwirklichung einer Wunschvorstellung erblicken und in der ungewohnten Rolle des Mannes einen gewaltigen Fortschritt in der Beziehung der Geschlechter sehen. Die tradierte Funktion des Mannes als Beschützer, als Garant für Sicherheit und als Bieter einer starken Schulter zum Anlehnen mag überholt sein. Solange Männer jedoch das Gefühl haben, sie seien mit einer Spur Macho-Gehabe, mit ein wenig Geruch nach Freiheit und Abenteuer begehrenswerter als mit einer familiären Fifty-fifty-Lösung, die Frauen zum Gähnen langweilig finden, solange werden sie der Auffassung sein, sich mit einer neuen quantitativen Einfühlsamkeit ihr eigenes Grab zu schaufeln, und zwar ausgerechnet jenes in der Frauenwelt.
Marina Giuri-Pernthaler meint:
Frauen und Männer haben mehrere Rollen
Europäische Studien, die die Lohnunterscheide zwischen Frauen und Männern untersuchen, gelangen im Wesentlichen zu zwei Erkenntnissen: Etwa zwei Drittel der Verdienstlücke beruhen auf Vorurteilen, ein Drittel auf verschiedene Gegebenheiten rund um die weibliche Beschäftigung. Der besondere Umstand, der sich am stärksten im weiblichen Gehaltszettel niederschlägt, ist die Mutterschaft. Die Karriere erfährt einen Knick, der auch mit den Jahren nicht mehr wettgemacht wird, so die Studien. Das lässt sich ändern, sage ich. Männer können auch gut mit Kindern umgehen. Es muss nur endlich gesellschaftlich akzeptiert sein!
Die EU will schon länger Rahmenbedingungen schaffen, damit beide Elternteile gleichermaßen im Berufsleben bleiben können, ohne dass die Kinder vernachlässigt werden. Das verlangt nach guten Ganztageskindergärten, die fast das ganze Jahr hindurch offen stehen – und nach Vätern, die ebenso Elternzeit in Anspruch nehmen. Europa kann es sich nicht mehr erlauben, auf die volkswirtschaftlichen Leistungen der gut ausgebildeten Frauen zu verzichten. Einige europäische Regierungen ziehen da aber nicht mit. Zu stark ist mancherorts noch die gesellschaftliche Ablehnung der Wähler gegenüber einer solchen Revolution in den Kinderzimmern.
In Ländern, wo sich in dieser Hinsicht der gesellschaftliche Wandel nach und nach vollzieht, sind die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede auch nach und nach geringer geworden. Italien, Deutschland und Österreich zählen nicht dazu. Aber Verhaltensmuster kann man beeinflussen – nicht mit Zwang, aber mit Überzeugungsarbeit und über Anreize.
Es gibt verschiedene Formeln, um Väter an die Sandkiste und den Wickeltisch zu holen – und zwar nicht nur am Wochenende. Island bietet seinen Bürgern neun Monate Elternzeit, drei für die Mutter, drei für den Vater und drei nach Vorliebe. In Norwegen stehen zwölf Wochen des Elternurlaubs ersatzlos dem Vater zur Verfügung. In Finnland erhalten Familien, in denen der Vater seine zwei Wochen Elternzeit nimmt, zwei Wochen Bonusurlaub dazu. In Portugal sind zehn Tage der 20 Tage Väterzeit sogar Pflicht, in Italien sind nur zwei Tage vorgeschrieben.
Geschichten über Väter, die die Elternzeit genossen haben, gibt es viele. Einen Fall, den ich kenne: Der Leiter des Webmarketings einer großen deutschen Bank hat heuer einen Monat Vaterzeit genommen. Sein Chef hat es zähneknirschend akzeptiert – weil der Fachmann in seinem Job gut ist, konnte er es sich leisten. Der junge Vater hat die Zeit genossen, denn sein inzwischen einjähriger Sohn hat nun eine viel engere Beziehung zu ihm aufgebaut als vorher, als er immer spät nach Hause kam. Neue Erfahrungen sind es, die uns helfen, traditionsgeprägte Ansichten über Bord zu werfen.
Nun zu den Einwänden jener, die vom traditionellen Rollenverständnis überzeugt sind: Die Frauen wollen doch einen starken Mann, einen Ernährer, der ihnen finanzielle Sicherheit bietet. In dieser Diskussion ist zu bedenken: Der Östrogenspiegel junger Frauen trübt oft die Sicht fürs Wesentliche, und zwar aus heutiger Sicht. Er steuert ihre Wünsche in die Richtung, die in der Phase der Fortpflanzung früher die einzig richtige war – die der Sicherheit, sich um die Kinder kümmern zu können. So wird ihre Berufstätigkeit kurzfristig zur Nebensache. Das lässt sich dann auch am Gehaltszettel ablesen. Die getrübte Sicht dieser Frauen wird auf Dauer aber wieder klar! Bei diesen noch jungen, selbstsicheren, gebildeten, ehemals beruflich engagierten Frauen, die wegen der Kinder auch nur ein oder zwei Jahre zuhause bleiben, macht sich mit der Zeit der Frust über ihre Männer breit, die ihnen mit zunehmender beruflicher Entwicklung immer häufiger mit Überheblichkeit begegnen – das habe ich öfters beobachtet. Wenn junge Frauen und Männer dieses Bewusstsein in ihre Partnerwahl einfließen lassen würden, könnten vielleicht viele Scheidungen vermieden werden. Wer heute eine dauerhafte Partnerschaft sucht, tut meiner Meinung nach gut daran, einen ebenbürtigen Partner zu suchen und Familie und Beruf gemeinsam zu stemmen. Natürlich bleibt ein wiederholter Partnerwechsel auch eine immer häufiger gewählte Option.
Und das Argument, dass Frauen starke Männer lieben? Das lässt sich wunderbar mit den vielschichtigen Rollen vereinbaren, in die Mann und Frau mehrmals am Tag schlüpfen. Ein Sprichwort sagt, dass eine gute Ehefrau drei Rollen hat: die der guten Freundin des Mannes, die der guten Mutter für die gemeinsamen Kinder und die der Hure im Ehebett. Auch der Mann hat drei Rollen, meine ich: die des einfühlsamen Partners der Frau, die des liebevollen Vaters seiner Kinder und im Schlafzimmer vielleicht die des starken Mannes (oder was auch immer seine Partnerin antörnt). Lassen wir doch diese Rollen gelten – der starke, erfolgreiche Mann allein macht uns Frauen nicht glücklich.

















