Bozen – Südtirols Tourismus steuert auf ein weiteres Rekordjahr zu. Und zwar deutlich. Zwischen Jänner und Juli dieses Jahres stiegen die Übernachtungen gegenüber demselben Zeitraum des Vorjahres um 3,3 Prozent. Das geht aus der Datenbank des Landesinstituts für Statistik (ASTAT) hervor. Setzt sich der Trend bis zum Jahresende fort, wird Südtirol heuer hochgerechnet mehr als 39 Millionen touristische Übernachtungen zählen.
Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es 37,9 Millionen, noch ein Jahr zuvor 36,8 Millionen – und im Vor-Corona-Jahr 2019 wurden „nur“ 33,6 Millionen Übernachtungen registriert.
Das touristische Wachstum der vergangenen Jahre wird in erster Linie nicht von den klassischen Herkunftsmärkten Deutschland, Italien, Österreich und Schweiz getrieben. Diese sind zwar nach wie vor Südtirols Hauptmärkte, allerdings wachsen sie nur noch leicht. Vielmehr sind es internationale Gäste, die den lokalen Tourismus weiterhin kräftig blühen lassen. In Südtirol ist ein langsamer Wandel hin zu einem international begehrten Urlaubsland zu beobachten – und zu einer stärkeren Diversifizierung.
Aufatmen mit Blick auf Deutschland
Doch der Reihe nach. Eine positive Überraschung ist im bisherigen Jahr die „Rückkehr“ der deutschen Gäste. Im vergangenen Jahr verzeichnete Südtirols wichtigster Markt einen Übernachtungsrückgang um 2,2 Prozent. Dies wurde mit den wirtschaftlichen Problemen Deutschlands begründet: Viele Menschen dort müssen den Gürtel enger schnallen.
In diesem Jahr stiegen die Übernachtungen deutscher Gäste bis Juli jedoch wieder um 3,4 Prozent auf 10,1 Millionen an. Und das, obwohl sich an der wirtschaftlichen Lage Deutschlands nicht wirklich etwas geändert hat und gleichzeitig die Urlaubspreise gestiegen sind. Vermutlich ist Urlaub zunehmend ein Grundbedürfnis, das sich sehr viele Menschen leisten wollen. Ein wesentlicher Faktor ist sicherlich auch der Iran-Krieg mit den damit zusammenhängenden Fernreiseproblemen: Südtirol hat davon als sichere Urlaubsdestination profitiert.
Italien und Osteuropa schwächeln
Um ein Prozent zurück auf 5,2 Millionen gingen heuer hingegen die Übernachtungen italienischer Gäste. Der italienische Markt stagniert bereits seit vielen Jahren. Da Gäste aus Italien vor allem in der östlichen Landeshälfte eine große Rolle spielen, wiegt das im statistischen Gesamtbild aber nicht allzu schwer. Denn gerade der Osten Südtirols profitiert durch die Strahlkraft der Dolomiten am meisten von der Internationalisierung. Dazu später mehr.
Leicht wachsend waren zuletzt – so wie auch im mehrjährigen Trend – Österreich und die Schweiz. Dasselbe gilt für die Niederlande und Belgien (siehe Tabelle).
Überraschend schwach war das bisherige Jahr mit Blick auf die osteuropäischen Herkunftsmärkte. Vor allem die Gäste aus Tschechien und Polen verzeichneten jahrelang hohe Wachstumszahlen, aber auch unter anderem jene aus Slowenien, Rumänien und der Slowakei. Jetzt hat es teilweise Rückgänge gegeben. In diesen Ländern können sich generell immer mehr Menschen einen Urlaub leisten. Womöglich sind ihnen die Südtiroler Preise inzwischen aber doch zu hoch.
USA und UK boomen …
Die am stärksten boomenden Herkunftsländer sind vorwiegend solche, die weiter von Südtirol entfernt sind. An erster Stelle zu nennen sind die USA. Seit der Coronapandemie schießen die Zahlen von US-Gästen nach oben. Heuer waren es bis Juli mehr als 400.000 Übernachtungen – ein Viertel mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die USA sind am Weg zu den Top-5-Herkunftsmärkten.
Auch Britinnen und Briten sind in Südtirols Beherbergungsbetrieben seit Corona immer häufiger anzutreffen. In diesem Jahr nahmen die Übernachtungen von Gästen aus dem Vereinigten Königreich bisher um 18 Prozent auf 370.000 zu.
Ein weiteres englischsprachiges Herkunftsland im Aufwind: Australien wird zu einem relevanten Markt und liegt bereits in den Top 25 (plus 17 Prozent auf 89.000 Übernachtungen).
… und Asien erst recht
Daneben sticht Asien bei den Wachstumszahlen besonders hervor. Rund um die touristischen Hotspots in den Dolomiten gehören asiatische Touristinnen und Touristen inzwischen zum gewohnten Bild. Der Boom hat ebenfalls nach der Pandemie eingesetzt.
China etwa spielte vor Corona noch quasi keine Rolle. Heuer wurden bis Juli bereits 84.000 chinesische Übernachtungen registriert – plus 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dahinter folgt Südkorea mit 69.000 Übernachtungen und plus 32 Prozent. Auch Israel und Indien sind große Wachstumsmärkte.
Einen Dämpfer gab es bei den – zuvor ebenfalls boomenden – Ländern Vorderasiens von der Arabischen Halbinsel bis hin zum Iran (deren Zahlen das ASTAT nicht einzeln ausweist). Die Übernachtungszahlen sanken heuer bislang um 24 Prozent auf 103.000. Der Grund ist mit dem Iran-Krieg und den damit zusammenhängenden, temporären Reiseproblemen schnell gefunden.
Lust auf Südtirol gibt es auch in Südamerika. Brasilien etwa verzeichnet ein großes Wachstum. Allein heuer waren es bisher plus 41 Prozent auf 57.000 Übernachtungen.
In Europa ebenfalls diversifizierter
Auch innerhalb Europas ist Südtirols Tourismus zunehmend diversifiziert. Neben dem genannten Vereinigten Königreich ist etwa Frankreich ein relevanter Markt geworden: Im bisherigen Jahresverlauf stiegen die Nächtigungen um neun Prozent auf 183.000. Ähnlich hoch ist die Wachstumsrate bei Spanien und Dänemark – bei jeweils rund 100.000 Übernachtungen.
Die schwedischen Übernachtungszahlen waren lange relativ konstant, stiegen aber heuer plötzlich stark um 23 Prozent auf ebenfalls 100.000 an. Auch bei anderen, weiter entfernten europäischen Ländern zeigt die Kurve klar nach oben (siehe Tabelle).
Wo geht die Reise hin?
In den nächsten Jahren wird interessant zu beobachten sein, wie sich die Zahlen der einzelnen Herkunftsländer entwickeln. Wird Südtirol weiterhin weltweit begehrter, wird nämlich eine erheblich wachsende Nachfrage auf ein nur leicht wachsendes Angebot treffen. Denn der Bettenstopp wird – bei all seinen Ausnahmen und Übergangsregeln – irgendwann seine Wirkung zeigen.
Das kann dazu führen, dass die Betten in den Nebensaisonen besser gefüllt sind. Es dürfte aber auch dazu führen, dass die Beherbergungsbetriebe in den Hauptsaisonen zunehmend ausgebucht sind und die Preise entsprechend steigen. Dann wird sich zeigen, in welchen Ländern sich die Menschen einen Südtirol-Urlaub noch leisten können oder wollen.
Was sich in den Landesteilen zeigt
Das alles macht sich bereits bemerkbar. Laut Analyse der ASTAT-Daten haben im bisherigen Jahr bis auf das Ahrntal alle Tourismusgebiete an Übernachtungen zugelegt. Am stärksten Bozen/Umgebung, Eisacktal und Burggrafenamt mit mehr als plus fünf Prozent. Die drei genannten Gebiete haben insbesondere von einer deutlichen Zunahme an deutschen Gästen profitiert. Auch die Entwicklung italienischer Gäste war dort entgegen dem landesweiten Trend klar positiv.
In den teils hochpreisigen Dolomitengebieten hingegen stagnierten die Zahlen deutscher und italienischer Gäste mehr oder weniger bzw. waren in Gröden sogar stark rückläufig. Die internationalen Gäste sorgten dort für die insgesamt doch positive Entwicklung. Grundsätzlich profitieren aber alle Landesteile von der laufenden Internationalisierung – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.




















