Bozen – In einer Welt voller Push-Nachrichten, Meeting-Marathons und Erreichbarkeitsdruck wird Urlaub schnell zum Rettungsanker. Doch nicht jede:r kehrt erholt zurück – und oft fühlt sich der erste Arbeitstag an, als wäre man gar nicht weg gewesen. Warum gelingt Erholung manchen Menschen spielend, während andere trotz Fernreise und Liegestuhl kaum abschalten können? Antworten darauf liefern zahlreiche aktuelle Studien aus Psychologie, Gesundheitsforschung und Tourismuswissenschaft. Sie zeigen: Es kommt weniger auf das Ziel, sondern vielmehr auf die Gestaltung der freien Zeit an.
„Erholung ist wie das Aufladen einer inneren Batterie. Bei den meisten Menschen geht das schnell.“
Laut einer Metaanalyse von Ryan Grant (2025) von der University of Georgia, die 32 Studien aus neun Ländern umfasst, steigt das seelische Wohlbefinden während des Urlaubs signifikant – von durchschnittlich 2,93 auf 3,69 auf einer Skala von fünf Punkten. „Erholung ist wie das Aufladen einer inneren Batterie. Bei den meisten Menschen geht das schnell“, erklärt Erholungsforscherin Jessica de Bloom in ihrer Dissertation an der Radboud Universität Nijmegen. Heute lehrt de Bloom an der Universität Groningen und ist eine der führenden Urlaubsforscherinnen Europas.
Die Magie des achten Tages
Die oft gestellte Frage „Wie viel Urlaub ist optimal?“ beantworten gleich mehrere Studien. Forscher:innen der Universität Tampere, veröffentlicht im Journal of Happiness Studies, fanden heraus: Der Erholungshöhepunkt ist am achten Tag. Längere Reisen steigern das Wohlbefinden nicht weiter. Diese Zeit benötige man in etwa, um den Stress gänzlich zu überwinden, sich an den Urlaubsort zu gewöhnen und sich auch auf eine etwaige neue Zeitzone einzustellen. Eine Untersuchung der Universität Konstanz (2024) ergänzt: Mehrere kurze Auszeiten über das Jahr verteilt wirken nachhaltiger als ein einziger langer Urlaub – nicht zuletzt weil Vorfreude jedes Mal einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden auslöst.
„Damit Erholung über den Moment hinauswirkt, braucht es mehr als Sonne und Cocktails – es braucht eine durchdachte Auszeit.“
Und auch nach der Rückkehr bleibt das Wohlbefinden laut Ryan Grant von der Universität Georgia für etwa 40 Tage über dem Ausgangswert von durchschnittlich 2,93. Damit ist Urlaub kein kurzfristiger Fluchtpunkt, sondern hat das Potenzial, langfristig zu stabilisieren. Aber nur, wenn man es richtig anstellt. Das bestätigt auch de Bloom gegenüber dem Spiegel: „Damit Erholung über den Moment hinauswirkt, braucht es mehr als Sonne und Cocktails – es braucht eine durchdachte Auszeit.“
Offline ist das neue Wellness
Was Menschen im Urlaub tatsächlich entspannt, lässt sich laut DAK-Urlaubsreport 2024 erstaunlich einheitlich zusammenfassen: Die Kombination aus Naturerleben, Tapetenwechsel, Zeit mit nahestehenden Menschen und Momenten ganz für sich selbst entfaltet eine besonders wohltuende Wirkung. Auch der Wegfall von Arbeitsbelastung, also das psychische Loslassen von Verantwortung, und erholsamer Schlaf spielen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig wirken Bewegung und digitale Abstinenz wie heimliche Erholungsbooster. Schon moderate körperliche Aktivität wie Spaziergänge oder leichtes Yoga zeigen eine messbare Wirkung auf das körperliche und mentale Wohlbefinden. Wer dazu noch konsequent Smartphone und E-Mails meidet, erleichtert dem Gehirn das Abschalten. Digital Detox gilt daher längst als echter Urlaubstrend.
Das DRAMMA-Geheimnis
Doch was macht Erholung wirklich nachhaltig? Eine besonders präzise Antwort liefert das sogenannte DRAMMA-Modell, das aus der Positiven Psychologie stammt und die zentralen Säulen erfolgreicher Regeneration beschreibt: Dazu gehören psychische Distanz zur Arbeit, körperliche und mentale Entspannung, Selbstbestimmung im Tagesablauf, das Erleben von Sinn, soziale Nähe – und das Gefühl, etwas Neues gelernt oder gemeistert zu haben. All das muss nicht perfekt orchestriert sein, doch je mehr dieser Elemente zusammenkommen, desto wirkungsvoller die Erholung. Kontraproduktiv wirken hingegen Streit mit Mitreisenden, schlechtes Wetter (Regen oder Hitze) und die schlichte Unfähigkeit, die Arbeit loslassen zu können.
„Was wirklich zählt, ist die Qualität des Erlebens im Urlaub“, bringt es de Bloom auf den Punkt. Ein erholsamer Urlaub steigert ganz nebenbei auch noch die Kreativität, wie ihre Studie „Vacation from work. A Ticket to Creativity?“ zeigt.
Erholung funktioniert zudem umso besser, wenn sie im Einklang mit den eigenen Werten steht. Laut dem DAK-Report 2024 und einer Erhebung des Deutschen Instituts für Tourismusforschung (2025) legen 77 Prozent der Urlauber Wert auf umweltbewusste Reisen. Vor allem ältere und junge Menschen zeigen hohes Engagement. Das Gefühl, verantwortungsvoll zu handeln, steigert nachweislich das subjektive Wohlbefinden.
Zurück, aber wie?
Doch selbst der gelungenste Urlaub endet – und dann beginnt die vielleicht entscheidendere Phase: der Wiedereinstieg in den Alltag. Auch hier gilt, was Psychologen und Psychologinnen wie Jessica de Bloom oder der Österreicher Gerhard Blasche betonen. „Sanft wieder einzusteigen, lieber am Freitag zurückkommen und die ersten Tage keine großen Termine“, rät Blasche im Spiegel.
„Sanft wieder einsteigen, lieber am Freitag zurückkommen und die ersten Tage keine großen Termine.“
Auch Urlaubserinnerungen können helfen, das Gefühl der Entspannung länger festzuhalten. „Urlaubserinnerungen oder -gewohnheiten können das Wohlbefinden auch später wieder kurzzeitig verbessern und als Puffer gegen Stress dienen“, sagt Jessica de Bloom. Wer also kleine Rituale aus dem Urlaub mit in den Alltag rettet – etwa regelmäßige Spaziergänge, Digitalpausen oder bewusste Momente der Ruhe – verlängert den Erholungseffekt deutlich. Auch soziale Kontakte oder das Anschauen von Urlaubsfotos können helfen, das gute Gefühl zu konservieren.
Am Ende zeigt sich: Urlaub ist nicht die Pause vom Leben, sondern ein wichtiger Teil davon. Es braucht keinen Langstreckenflug und kein Luxusresort, um nachhaltig zu entspannen. Entscheidend ist, wie bewusst wir unsere freie Zeit gestalten.
Interview
„Erholung beginnt im Alltag“

SWZ: Kann man sich mental auf den Urlaub vorbereiten?
Johanna Fischer*: Ja, unser Nervensystem lebt vom Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung. Im Idealfall findet dieser Ausgleich täglich statt – nicht nur im Urlaub. Viele funktionieren im Alltag aber im Dauerstress-Modus, sehen den Urlaub als Rettung und wundern sich dann, warum sie nicht abschalten können oder sogar krank werden. Wer Erholung nur in den Urlaub verlegt, überfordert den Körper.
Welche Rolle spielt dabei der Alltag?
Entspannung beginnt im Alltag. Urlaub wirkt intensiver, wenn der Körper nicht im Dauer-Alarmzustand ist. Auch Ernährung kann helfen: Ein stabiler Blutzuckerspiegel hält das Nervensystem in Balance. Weniger häufiges, dafür ausgewogenes Essen senkt zudem Entzündungsreaktionen.
Im Urlaub heißt es oft: „Jetzt darf ich alles.“ Ist das problematisch?
Ja, viele überkompensieren: Alkohol am Tag, Kinder bekommen jeden Tag drei Eis, unregelmäßiger Schlaf – das konterkariert die Erholung. Dahinter steckt oft ein Bedürfnis nach Belohnung für einen belastenden Alltag. Besser wäre ein Alltag, in dem Genuss und Entspannung selbstverständlich Platz haben. Dann entsteht kein Belohnungs-Jeeper im Urlaub.
* Johanna Fischer ist Ernährungswissenschaftlerin, Mentaltrainerin und Mitinhaberin des Unternehmens beyond human performance.




















