Bozen – Der Unternehmerempfang des Unternehmerverbandes Südtirol (UVS) gehört seit vielen Jahren zu den wichtigsten Wirtschaftsevents des Jahres. Was der damalige Präsident Christof Oberrauch 2005 ins Leben gerufen hat, ist rund 20 Jahre später ein Fixpunkt zum Jahresauftakt. Der offizielle Teil wird traditionell kurz gehalten, dafür gibt es viel Platz für den Austausch. Auch heuer folgten am Montagabend mehrere hundert Geladene aus Politik, Wirtschaft, Kultur und anderen Gesellschaftsbereichen der Einladung des UVS, diesmal in den Metallverarbeitungsbetrieb Alpewa in Bozen Süd. „Das ist ein Ort, an dem jeden Tag Leistung erbracht wird. Heute ist es auch ein Ort des Dialogs“, begrüßte CEO Andreas Koler die Anwesenden in der Produktionshalle.
Gesamtgesellschaftliche Perspektive
Für Alexander Rieper, der im vergangenen Juni Heiner Oberrauch als UVS-Präsident beerbt hat, war es die erste Rede bei einem Unternehmerempfang. Er spannte einen breiten Bogen von den globalen Entwicklungen bis zur (guten) Lage in Südtirol und von der ökologischen Transformation bis zum Arbeitskräftemangel und hielt dabei an einer Tradition fest: UVS-Präsidenten schauen bei ihren Reden mehr als alle Präsidenten der anderen Wirtschaftsverbände über den Tellerrand ihres eigenen Sektors hinaus und nehmen eine gesamtwirtschaftliche bzw. gesamtgesellschaftliche Perspektive ein. Zugleich versäumte es Rieper nicht, die Bedeutung der Industrie zu unterstreichen: wenig Flächenverbrauch bei zugleich hoher Wertschöpfung und überdurchschnittlichen Löhnen.
Was Alexander Rieper gesagt hat, einige Auszüge:
Zur Welt: „Vieles ist im Umbruch, viel Neues kommt auf uns zu, Althergebrachtes wird in den Hintergrund treten. Das birgt Gefahren, aber auch Chancen. Gefahren für die, die zu lange an Altem festhalten, Chancen für die, die aktiv gestalten; für die, die Strategien entwickeln; für die, die voraus denken.“ Aktuell, so Rieper, finde ein Tauziehen der Großmächte statt. „Ob Europa das verstanden hat, ist mir persönlich noch nicht klar.“
Europa ist gar nicht so schwach
Zu Europa: Europa brauche in diesem Umfeld „mehr Geschwindigkeit bei den Entscheidungen“, aber auch „mehr gemeinsame Strategien, mehr langfristige Planung und mehr Investitionen“. Europa habe durchaus guten Grundlagen: „Mit nur sechs Prozent der Weltbevölkerung schafft Europa etwa 20 Prozent des globalen BIP und sichert über 40 Prozent der weltweiten Sozialleistungen. Diese Stärke sollte uns Mut geben.“
„Mit nur sechs Prozent der Weltbevölkerung schafft Europa etwa 20 Prozent des globalen BIP und sichert über 40 Prozent der weltweiten Sozialleistungen. Diese Stärke sollte uns Mut geben.“
Zu Dialog und Zusammenhalt: Wie ein roter Faden zog sich durch die Überlegungen von Alexander Rieper die Aufforderung zu Dialog, gegenseitigem Vertrauen, Zusammenarbeit, Abbau von Barrieren und Kirchturmdenken, und zwar in allen Bereichen. Es klang ein bisschen wie ein Gegenentwurf zum Trump’schen Denken. „Wir müssen zusammenhalten, besonders wenn andere versuchen, uns zu spalten“, so Rieper, der sich einen Seitenhieb auf Tirols Verkehrspolitik nicht verkneifen konnte: „Ich denke ganz konkret an die Verkehrsverbote in Tirol oder die anstehenden Arbeiten der Deutschen Bahn entlang der Brennerachse.“
Zur Digitalisierung: „Wir müssen effizienter, schlanker, schneller und digitaler werden – wir Unternehmen genauso wie die öffentliche Verwaltung. Das Entscheidende wird dabei das Digitale sein. Die Digitalisierung muss als Kultur, als Bereicherung gesehen werden und nicht als Projekt. Digitalisierung sollte als Mindset verstanden werden und nicht nur als Software-Update.“
Das Pumpspeicherwerk in Ulten

Zur ökologischen Transformation: „Wenn wir die Energiewende und die ökologische Transformation wirklich schaffen wollen, müssen wir ehrlich sein. Wie jede Investition, wird sie am Anfang Geld kosten. Der Klimawandel wird nicht kostenlos sein, sondern wird Opfer verlangen, bevor wir die Früchte ernten können. Nachhaltigkeit darf aber am Ende kein Kostenfaktor bleiben, sondern soll zum Wettbewerbsvorteil werden. Wer heute investiert, spart morgen. Wer heute umdenkt, führt morgen.“ Und weiter: „Wir schaffen die Klimawende nur, wenn wir alle technologischen Lösungen zulassen. Batterien und Wasserstoff, Wasserkraft, Solar- und Windenergie. Eine zentrale Herausforderung dabei wird das Speichern von Energie sein, dafür gibt es noch nicht viele Möglichkeiten. Wir müssen uns also ehrlich fragen: Können und wollen wir es uns wirklich leisten, auf das Pumpspeicherwerk im Ultental zu verzichten?
Zu Brain-Drain und Arbeitskräftemangel: Alexander Rieper benennt sowohl die vieldiskutierte Abwanderung von Talenten aus Südtirol als auch die anstehende Pensionierungswelle. „Digitalisierung und Automatisierung werden dieses Defizit nicht ausgleichen können“, so Rieper. Und deshalb: „Wir müssen Frauen stärker integrieren. (…) Wir werden auch eine gesteuerte Zuwanderung benötigen: Talente halten und neue anziehen.“ Dazu brauche es aber unbedingt leistbaren Wohnraum, vor allem in Miete: „Das Thema Wohnen ist entscheidend für Südtirol, wenn wir langfristig als Lebens- und Arbeitsort attraktiv sein wollen.“
Die Rede von UVS-Präsident Alexander Rieper kann im gesamten Wortlaut hier abgerufen werden: Rede_AlexanderRieper_Unternehmerempfang_2026



















