Unlängst war ich eingeladen, ein Referat über die sieben Todsünden zu halten, über menschliche Verfehlungen also, die das Lebensglück eines jeden Individuums beeinträchtigen und auch ein gesellschaftliches Problem werden können. Mir schien, dass der durchaus sinnvolle Ausflug in die Welt der Laster den Eindruck hinterlassen könnte, wir lebten in wahrlich finsteren Zeiten. Deshalb habe ich am Ende folgende Anmerkungen gemacht: „Es gibt heute nicht mehr Laster als in früheren Zeiten, im Gegenteil. Unterm Strich sind wir Menschen noch nie so zivilisiert miteinander umgegangen, das Leben war wohl noch nie so lebenswert wie heute, die neue Armut ist harmlos gegenüber der alten Armut von früher. Noch nie waren die Menschen besser informiert, besser ernährt, bessert gekleidet und besser gebildet, noch nie waren Menschen materiell so wohlhabend.“
Dieser Hinweis sei absolut notwendig gewesen, wurde mir später bestätigt, denn zuweilen wird der Eindruck erweckt, als habe sich unsere Gesellschaft vor einer Klagemauer versammelt und übe sich im Fach Pessimismus.
Die westlichen Staaten haben sich tatsächlich einige große Probleme aufgehalst, aber es handelt sich um Probleme, die gelöst werden können und nicht vergleichbar sind mit jenen unserer Großeltern oder Eltern vor 60 Jahren. Ihnen fehlte es an allem, uns fehlt es an wenig, höchstens an Zuversicht, und was wir Krise nennen, hätten sie damals als Paradies empfunden.
Wir verzeichnen eine geringe, aber steigende Arbeitslosigkeit, insbesondere Jugendarbeitslosigkeit, das ist richtig. Zugleich waren aber in Südtirol noch nie so viele Menschen erwerbstätig (rund die Hälfte der Bevölkerung), und gäbe es die Ausländer nicht, die aushelfen, hätten wir einen fatalen Mangel an Arbeitskräften. Wir selbst mögen manche Arbeiten nicht mehr erledigen. Zugleich werden 176.000 Renten ausgezahlt!
Wir sind gut ausgebildet und hoch gebildet wie noch nie. Allein an italienischen und österreichischen Universitäten studieren derzeit etwa 12.000 Südtiroler/-innen. 1981 hatten nur 12,8?% der Bevölkerung einen Hochschulabschluss oder ein Maturadiplom, 2001 waren es 32,9?%, und inzwischen dürfte dieser Wert weiter deutlich angestiegen sein (die diesbezüglichen Volkszählungsergebnisse 2011 liegen noch nicht vor). Dazu kommt eine noch nie dagewesene Qualität in der Berufsausbildung. Und wie steht es um die Kultur? 2011 wurden über 33.000 Veranstaltungen angeboten, die über 1,6 Millionen Besucher anlockten.
Unser Wohlstand leidet, die Kaufkraft sinkt, heißt es. Nur: Wir haben einfach mehr laufende Ausgaben für Dinge, die früher niemand hatte und die heute Standard sind (etwa Mobiltelefone). Die meisten Südtiroler leben in Wohnungen, die ihre Eltern als Luxus bezeichnet hätten. Und die Zahl der zugelassenen Pkws hat sich auch in den Jahren von 2007 bis 2011 noch einmal von 253.000 auf 265.000 erhöht. Selbst wenn wir um wenige Prozentpunkte ärmer geworden sein sollten: Weltweit leiden heute gemessen an der Gesamtbevölkerung deutlich weniger Menschen Not als vor 40 Jahren. Nicht nur in China und Indien mit ihren 2,4 Milliarden Einwohnern geht es aufwärts, sondern sogar in vielen Staaten Afrikas. Was ist uns deren noch bescheidene Wohlstandsvermehrung wert?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der fast alles besser ist, als es früher war. Die Gleichstellung der Frauen, die gesellschaftliche Akzeptanz Homosexueller, das Zusammenleben der Volksgruppen, alle Freiheiten in der Lebensführung – von der Ernährung über die Sexualität bis zur Spiritualität – und in der geistig-ideologischen Einstellung: Nicht alles ist perfekt, aber wir sind liberaler, toleranter, vielseitiger geworden.
Sicher: Beruflich wird vielen Menschen mehr abverlangt als früher und die neuen Freiheiten gehen einher mit neuen Unsicherheiten, auch im privaten Bereich (man denke nur an die zunehmende Zahl von Ehescheidungen). Aber wer Talent hat und leistungsbereit ist, macht auch heute seinen Weg, auch wenn dieser im Erwerbsleben angesichts des Wettbewerbs und des ausbleibenden Wachstums steiniger geworden ist.
Wir erleben eine nie gekannte Globalisierung – und zugleich gewinnt das Regionale wieder an Bedeutung, und auch handwerklich hergestellte Produkte haben erneut an Attraktivität gewonnen – neben den internationalen Markenartikeln – zumal wirkliche Individualität schwerlich durch Massenware ausgedrückt werden kann.
Alle reden von Stress oder Umweltbelastungen. Tatsache ist aber, dass wir gesünder leben, uns bewusster ernähren, mehr bewegen und medizinisch besser betreut werden als noch vor 30 oder 40 Jahren – und dass wir im Schnitt deshalb deutlich älter werden (wir leben vier Jahre länger als 1990!). Sogar weit umweltbewusster sind wir (ohne ökologische Probleme kleinreden zu wollen) und der technische Umweltschutz hat sowieso einen gewaltigen Qualitätssprung gemacht.
Seit Jahrzehnten wird Südtirol (ja die ganze Welt) besser, gesünder, wohlhabender, gerechter. Es gibt noch viel Schatten, aber mehr Licht als je zuvor. Wir sollten deshalb realistisch sein, aber zuversichtlicher in die Zukunft schauen.


















