Bozen – „Korruption mit einer Gleichung vorhersagen? Das ist möglich.“ Zu diesem Schluss kommt ein Forschungsteam der Freien Universität Bozen. Bislang sei noch nicht vollständig geklärt worden, nach welchen Mechanismen sich Korruption in einer Gesellschaft ausbreitet – also der Missbrauch öffentlicher Macht zugunsten privater Interessen.
Ein Forschungsteam der Arbeitsgruppe Mathematik an der Fakultät für Ingenieurwesen hat nun ein physikalisch-mathematisches Modell entwickelt, das diese Mechanismen beschreibt.
Modell mit vier Bevölkerungsgruppen
Ausgangspunkt ist die Einteilung der Bevölkerung in vier Gruppen mit unterschiedlich ausgeprägter Neigung zu korruptem Verhalten: von Personen, die kaum zu Korruption neigen, über Menschen mit geringer oder hoher Korruptionsneigung bis hin zu bereits korrupt handelnden Personen.
„Das Modell“, erklärt die Uni Bozen, „berücksichtigt die Wechselwirkungen zwischen diesen Gruppen, durch die Personen von einer Kategorie in eine andere wechseln können. Diese Übergänge begünstigen tendenziell eine Zunahme der Korruption und decken sich mit zahlreichen Beobachtungen aus der soziologischen Fachliteratur.“
Eine Besonderheit der Studie sei die Einbeziehung sogenannter Netzwerke höherer Ordnung: „Während frühere Modelle ausschließlich Beziehungen zwischen jeweils zwei Personen betrachteten, berücksichtigt der neue Ansatz auch Wechselwirkungen innerhalb von Gruppen, in denen drei oder mehr Menschen einander beeinflussen. So lässt sich untersuchen, wie Gruppendynamiken das Verhalten Einzelner prägen.“
Entscheidend sei die anfängliche Zusammensetzung
Nicola Cinardi, Erstautor der Studie und ehemaliger Forscher an der unibz, erklärt: „Wir haben sogenannte Übergangsmatrizen definiert – mathematische Tabellen, deren Einträge angeben, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Person von einer Gruppe in eine andere wechselt. Unsere Analysen zeigen, dass Korruption im Laufe der Zeit tendenziell zunimmt und sich durch Interaktionen innerhalb von Gruppen deutlich schneller ausbreitet.“
Von entscheidender Bedeutung sei jedoch die anfängliche Zusammensetzung der Bevölkerung. Das Modell zeigt: Ist der Anteil der Menschen mit einer sehr geringen Korruptionsneigung ausreichend hoch, bleibe das Korruptionsniveau über lange Zeit hinweg sehr niedrig. Sinkt dieser Anteil hingegen unter eine bestimmte Schwelle, setze sich Korruption langfristig durch – unabhängig davon, wie sich die übrigen Gruppen zusammensetzen.
„Keine Patentlösung“
Die Studienleiterin und Professorin Maria Letizia Bertotti betont: „Unser Modell liefert keine Patentlösung gegen Korruption. Es soll vielmehr dazu beitragen, die Dynamik von Korruption besser zu verstehen und eine solide Grundlage zu schaffen, um den günstigsten Zeitpunkt für Gegenmaßnahmen zu bestimmen.“
Die Modelle sollen nun in Zusammenarbeit mit Soziologinnen und Soziologen mithilfe realer Daten weiterentwickelt werden. Auch wolle man die Wirkung verschiedener Interventionsstrategien untersuchen.


















