Bozen – In diesen Tagen geht die Skisaison in Südtirol – bis auf einige Gletschergebiete – traditionell zu Ende. Was neben den nackten, überraschend positiven Zahlen nach null Naturschnee zu Weihnachten und Neujahr bleibt, ist vor allem die Erkenntnis, dass die Leute immer noch Lust aufs Skifahren haben, der Winter aber als Produkt neu gedacht werden muss, wie es Christoph Engl in der SWZ-Ausgabe Nr.9/16 auf den Punkt gebracht hat. Der ehemalige SMG-Direktor sprach von einem notwendigen Umlernen der Betriebe. Leicht schärfere Töne kommen aus der Tourismusforschung. So sieht Eurac-Professor Harald Pechlaner manche der Südtiroler Wintersportgebiete aufgrund der geänderten Vorzeichen gehörig unter Druck: „Man wird sehen, dass sich künftig die Spreu vom Weizen trennen wird. Aufgrund der zunehmenden Internationalisierung des Wintertourismus geht die Tendenz eindeutig zu zwei Gruppen von Skigebieten: zu den kleinen, die weiter bestehen können, weil sie etwa in guten Lagen oder nah an urbanen Zentren sind und eine Nische bilden, und zu den großen, die durch Zusammenschlüsse schon international wettbewerbsfähig sind oder es werden.“ Laut Pechlaner müssten hingegen die mittelgroßen Gebiete angesichts von Klimawandel, demographischem Wandel und aufgrund der Änderung der Märkte auch einen Rückbau zumindest andenken. Die Änderung der Märkte sieht der Tourismusforscher in Verbindung mit der besonders in Deutschland zunehmend kritischen Haltung gegenüber dem Skitourismus. „Wir sehen es bei der öffentlichen Bewertung neuer Aufstiegsanlagen oder bei der Argumentation von Schulen in Bayern, die die Schulklassen im Winter zum Wandern in die heimischen Berge schicken, anstatt zum Skiurlaub nach Südtirol, weil dort ein ‚nicht nachhaltiger und umweltschädlicher Skitourismus stattfindet‘.
Auch Tom Dauer, deutscher Journalist mit Fokus auf Berg und Reise und Co-Autor der Erfolgsdokumentation „One Hell of a Ride“ über das Hahnenkammrennen in Kitzbühel, nimmt Veränderungen auf dem Stammmarkt der Südtiroler Skigebiete wahr: „Die bedingungslose Haltung gegenüber dem Skisport in den Alpen ist vorbei. Die bislang unantastbaren zwei Wochen Skiurlaub für eine deutsche Familie oder Schulklasse gibt es in der Breite so nicht mehr. Man geht in Deutschland jetzt viel kritischer mit dem Thema um“, so Dauer.
Die Tourismusforscher leiten daraus ab: Wenn nicht klar kommuniziert wird, dass Skifahren weiterhin einen hohen Gesundheits- und Erlebnisfaktor bietet, dann drohen – besonders in Deutschland – mit den kommenden Generationen die Märkte wegzubrechen. Für die mittelgroßen Skigebiete stellt man an der Eurac deshalb als Alternative zum Rückbau eine weitere These in den Raum: Sind Zusammenschlüsse hin zu größeren Resorts, zu sogenannten integrierten Bergsportgebieten, wie sie in Österreich, der Schweiz oder Frankreich im Trend liegen, mögliche Chancen?
„Das reine Skiangebot wird sicher nicht mehr ausreichen“, sagt IDM-Präsident und Direktor der Marketing Gesellschaft Meran, Thomas Aichner. „Natürlich müssen Südtirols Wintersportorte angesichts der jüngsten Entwicklungen auf ein differenziertes Angebot setzen. Den Rückgang des Skifahrens sieht man allein am Skiverkauf, der dramatisch eingebrochen ist. Wie der Trend aussehen wird, sehen wir bereits jetzt: Die Menschen kommen nicht mehr nur, um Ski zu fahren. Die Leute gehen in den Winterurlaub, nicht mehr in den reinen Skiurlaub“, so Aichner.
Die Tourismusexperten benennen diesen Trend: das Gesamterlebnis. Der Gast möchte in seinem Urlaub nicht nur etwas erleben, er möchte viel erleben: vom Skifahren bis zum Schneeschuhwandern im Winter, vom Biken bis zum Bergsteigen im Winter. „Diese Vielfalt wird auf internationaler Ebene oft von großen Resorts angeboten, mit der klaren Aussage: Wir bieten dir alles in einem, du brauchst gar nicht weit zu gehen, wir haben alles hier“, so Harald Pechlaner. Er weist darauf hin, dass dieser Trend auch Südtirol erreiche, wie etwa das Beispiel der Sextner Dolomiten zeige, wo die Seilbahngesellschaft sich zunehmend auch um die Unterkunft, die Gastronomie und das weitere Freizeitangebot durch eigene Hotels und Schutzhütten kümmert.
Dieser Trend wird in Südtirol durchaus skeptisch gesehen. Kleine Beherbergungsbetriebe fürchten, übergangen zu werden, jene mit anderen Angeboten wie etwa Almhütten haben in der Vergangenheit Kritik geäußert, dass die „Resort-Touristen“ pünktlich zur Marende im Verpflegungsprogramm der Dreiviertelpension am Nachmittag wieder im Hotel sind, anstatt noch auf der Alm.
Auch vor diesem Hintergrund meinen die Tourismusforscher Harald Pechlaner und Michael Volgger von der Eurac: „Man kann durchaus an neue Beteiligungsformen denken. Etwa an Holding-Gesellschaften, wo auch Klein- und Familienbetriebe direkt an einer größeren Struktur beteiligt sind. Das kann auch für die sogenannten guten Familienbetriebe gelten – vor dem Hintergrund, dass man gut bleiben will“, so Pechlaner.
Ein Resort, in dem Kleinbetriebe in ein großes Gebiet direkt involviert sind? IDM-Präsident und Tourismusmanager Thomas Aichner hat Bedenken: „Ich glaube nicht, dass integrierte Resorts mit der Südtiroler Tourismusstruktur kompatibel sind, die sehr individuell und familiär geprägt ist und darin auch seine Stärke hat. Der Kleinunternehmer arbeitet besonders in der Krisenzeit sicher mit mehr Engagement, als wenn er etwa der Abteilungsleiter eines Skiverleihs in einer größeren Destination wäre. Das lokale Unternehmertum gehört gefördert und nicht ersetzt durch Resorts.“ Aichner sieht aber sehr wohl Ausbaufähigkeit der Integration von Südtiroler Tourismusdestinationen, was die Vernetzung in Dienstleistung und Kommunikation angeht: „Das Ziel muss es sein, so viel wie möglich zusammenzuarbeiten – auch wenn das oft ein steiniger Weg ist, wenn man sich die Situation genauer ansieht. Zwischen Hüttenwirt, Liftbetreiber, und Skiverleih arbeiten oft zehn Köpfe zusammen, und fünf davon mögen sich nicht. Aber es geht nur durch Zusammenarbeit. Wir als MGM betreuen etwa seit zwei Jahren unsere fünf Skigebiete im Raum Meran mit einer gemeinsamen Medienarbeit. Das funktioniert mittlerweile sehr gut – für die Gebiete und den Gast.“
Eine wichtige Rolle könnte den Tourismusvereinen zukommen, die gestärkt aus der Reorganisation der Tourismusorganisationen hervorgehen. Sie und die neu geschaffenen Regionalen Management-Einheiten (RME) müssen sich jetzt beweisen. Es geht um nicht weniger, als den „begehrenswertesten Lebensraum Europas“ zu schaffen, gleichzeitig aber auch dessen Wettbewerbsfähigkeit nicht aus den Augen zu verlieren.
Info
Was bedeutet das im Umkehrschluss für die Skigebiete?
Alpine Destination Leadership #2














