Bozen – Meistens landen sie unbeachtet am Tellerrand. Es ist ja nur Deko, denkt man, der Farbtupfer fürs Auge. Doch für Ulrich Kager und Patrick Sanin sind die wenigen Zentimeter großen Keimlinge mehr als das. Sie sind ihr ganzes Geschäft. Seit fünf Jahren beschäftigen sich die zwei mit Microgreens – jenen jungen, zarten Pflänzchen, die je nach Sorte grün, violett oder pink sind; mal kleinere Blättchen haben, mal größere. In der Gastronomie geben sie Suppen Frische oder einem Nudelgericht den letzten Kick. Oft liegen sie auch einfach nur obendrauf.
Hinter den kleinen Keimlingen steckt aber eine ganze Wissenschaft – und, davon sind Kager und Sanin überzeugt, auch viel Geschäftspotenzial.
Basteln in der Garage
Der Sitz des Unternehmens, das Ulrich Kager und Patrick Sanin gegründet haben, befindet sich seit diesem Frühjahr in Bozen Süd, direkt neben dem Flughafen. Das Navi weist den Weg durch Apfelwiesen bis zu einem Hof, dem Auhof. Mehrere große, alte Stadel stehen hier, ein Traktor, einige landwirtschaftliche Maschinen. Erntehelfer:innen wuseln herum. Nichts weist auf Profarms hin. Keine Aufschrift, kein Firmenwagen mit Logo.
„Wir sind hier oben“, ruft Ulrich Kager. Eine lange Rampe führt von außen zur oberen Etage des Stadels. Zu Profarms. Auf 600 Quadratmetern haben sich hier Ulrich Kager und Patrick Sanin, beide 27, mit ihrem insgesamt zehnköpfigen Team eingerichtet: Giebellücken, die einst für die Belüftung des Heus sorgten, sind mit Plexiglas verkleidet, das Dach, anfangs undicht, haben sie repariert. Vorne im Stadel befindet sich eine Art Lager, weiter hinten ein Meetingraum, die Produktionsräume und -zellen.
Vertical Farming: LED statt Sonne
Die Geschichte des Unternehmens beginnt aber nicht in Bozen, sondern in St. Pauls, und zwar – wie sollte es auch anders sein – in einer Garage, jener von Ulrichs Eltern. 2019 beginnt dieser dort, an einer ersten Anlage zu basteln, um Microgreens zu züchten. In der Schule und der Uni hatte er, der auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen ist, vom Konzept des Vertical Farmings gehört. Bei dieser Anbaumethode werden Pflanzen auf mehreren Ebenen übereinander in Gebäuden, Gewächshäusern oder Containern kultiviert. Statt Sonne gibt es LED-Lampen, statt Erde spezielle Nährstofflösungen. Die Idee fasziniert Ulrich. Er sucht nach Produkten, die sich für diese Anbaumethode eignen könnten. Auf seiner Ideenliste: Microgreens.
„Anfangs hieß ein Qualitätsproblem ,Totalausfall‘. Heute hingegen ist dann die Kapuzinerkresse ein paar Millimeter zu groß.“
Bei einem Event trifft er den Sternekoch Herbert Hintner, und dieser bestätigt ihm: Die kleinen Keimlinge sind in der Gastronomie gefragt. Bingo. „Von da an war ich Feuer und Flamme für die Microgreens“, so der 27-Jährige. Microgreens, liest man im Netz, sind junge, essbare Keimpflanzen von Gemüse- und Kräutersorten. Sie enthalten eine hohe Konzentration an Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen. „Wir essen sie natürlich morgens, mittags und abends“, scherzt Ulrich.
Er beginnt also, am elterlichen Hof an einem ersten Prototyp für eine Wachstumsanlage zu basteln. Doch so richtig in Schwung kommt seine Idee erst, nachdem er seinen Geschäftspartner Patrick Sanin mit an Bord geholt hat. „Patrick ist ein Fuchs bei allen Fragen rund ums Technische“, sagt Ulrich. Sanins Familie führt einen Schlossereibetrieb, Patrick selbst studiert Maschinenbau. Die zwei kennen sich vom Ausgehen, bei einem Mittagessen sprechen sie über Ulrichs Idee. Patrick ist dabei.
Jahrelanges Ausprobieren
Die zwei Jungunternehmer führen die SWZ vom großen Eingangsbereich in den Meetingraum und dann weiter, durch einen Streifenvorhang aus PVC, in den Produktionsraum von Profarms. An einer Wand steht ein Regal mit mehreren blauen Behältern. Darin befinden sich die Samen für die Keimlinge: Fenchel, Rucola, Amaranth, Erbse. Patrick erklärt die Arbeitsschritte: „Ein Mitarbeiter nimmt sich eine Kiste, legt sie mit Substrat aus – Hanf oder Schafwolle zum Beispiel –, macht dieses nass und sät die Samen aus.“ Oberhalb eines Waschbeckens hängt ein Inoxteil. Es sieht aus wie der Deckel einer großen Box. „Das ist unser Substrat-Einweicher. Den haben wir selbst entwickelt“, sagt Patrick.
In den vergangenen Jahren haben die zwei Jungunternehmer viel ausprobiert, getüftelt, perfektioniert. Ihre Idee reifen lassen. „Anfangs haben wir Tag und Nacht gearbeitet“, sagt Patrick. „Wir mussten einen Produktionsprozess entwickeln, mit dem wir das ganze Jahr über dieselbe Qualität liefern können“, ergänzt Ulrich.
Um herauszufinden, unter welchen Bedingungen die Microgreens am besten wachsen, experimentierten die zwei mit Licht, Wasserzufuhr, Temperaturverhältnissen und der Belüftung. Daraus entwickelten sie dann eine eigene Anlage.
Wo immer Frühling ist
Das Ergebnis ist ein paar Schritte weiter im Stadel des Auhofs in Bozen zu sehen. Rechts und links führen Türen in zwei Zellen. In einer keimen die Samen, in der zweiten sind daraus schon ein paar Zentimeter große Pflänzchen geworden. „Das ist die Wachstumszelle“, sagt Patrick und tritt hinein. „Hier ist immer Frühling.“ 20 Grad hat es in der Zelle das ganze Jahr über. Auf mehreren Regalen wachsen die kleinen Keimlinge: die Radieschen mit ihren dunkelroten, herzförmigen Blättchen, der Boretsch mit seinen knackigen, pelzigen Blättchen, die Vene mit den hellgrünen Blättern mit roten Adern und roten Stielen. Der absolute Renner sei aber ein Klassiker: die Erbse. „Sie ist unser Star“, sagt Ulrich. Etwa 40 Prozent des Umsatzes mache Profarms mit dieser Sorte. Die Gastronomie schätze sie, weil sie weniger empfindlich sei als andere.
Wachsen soll Profarms künftig vor allem mittels Franchising. Die Idee dahinter: Das Bozner Unternehmen wird zum Franchisegeber und liefert schlüsselfertige Anlagen, Samen und Know-how.
In den Stellagen der Regale werden die Pflänzchen oben von LED-Lampen beleuchtet, von unten werden sie bewässert. Ventilatoren sorgen für die richtige Belüftung. Pflanzenschutzmittel brauche es keine. „Wir kommen hier mit deutlich weniger Platz und Wasser aus, als wir im Freien bräuchten“, sagt Ulrich. Den Strom liefert eine Photovoltaikanlage auf dem Dach.
Das System, in dem die Keimlinge wachsen, haben Ulrich und Patrick entwickelt. Das Besondere: „Es passt die Bedingungen an die jeweilige Sorte an“, erklärt Patrick. 60.000 Schälchen Keimlinge pro Monat können die zwei auf diese Weise liefern, wenn die Produktion voll ausgelastet ist. Ein Teil der Microgreens wird zurzeit noch in St. Pauls produziert, im Herbst oder Winter soll die gesamte Produktion nach Bozen übersiedeln.
Nicht nur die Hardware, auch die Software stammt aus den Köpfen der zwei Jungunternehmer. Mit Excel seien sie bald einmal an ihre Grenzen gestoßen. „Jede Sorte hat unterschiedlich lange Keim- und Wachstumszeiten. Die Software sagt uns mittlerweile genau, wann welche Sorte gesät oder von einer Zelle in die nächste verlegt werden muss, damit wir an Tag X eine vollständige Lieferung mit mehreren Sorten bereit haben“, so Patrick.
„Niemand wartet auf dich“
Die zwei wirken wie ein eingespieltes Team, eines, das sich nicht so leicht aus dem Konzept bringen lässt. „Wir sind ein paar Mal auf die Schnauze gefallen“, sagt Ulrich und grinst. Eine der größten Lehren nach den ersten Jahren: Niemand wartet auf ein Unternehmen und sein Produkt. Ulrich: „Damit wir uns etablieren, müssen wir die Besten in unserer Nische sein.“
Drei Faktoren seien im Großhandel und der Gastronomie entscheidend (Profarms verkauft nicht direkt an Endkunden). Erstens der Preis. Hierbei sei ihr Unternehmen konkurrenzfähig. Zweitens die Qualität. „Es hat einiges gebraucht, auch ein paar Watschn. Aber mittlerweile können wir das ganze Jahr über schöne und haltbare Microgreens liefern“, so Patrick. Der Schlüssel sei das Konzept des Vertical Farmings mit den gleichbleibenden Bedingungen. Und drittens die Zuverlässigkeit. Ohne sie gehe im Großhandel nichts, man müsse sich das Vertrauen erarbeiten.
Ein Tüftler und ein Verkäufer
Für den Kundenkontakt und die Netzwerkpflege ist Ulrich zuständig. Er ist redegewandt, sympathisch, der geborene Verkäufer. Am Abend nach dem Termin mit der SWZ wird er nach Verona fahren und sich tags darauf mit einigen Kunden treffen. Patrick hingegen ist der Tüftler im Unternehmen. Er ist für alles Technische zuständig, für die Software und die Hardware. Die Zusammenarbeit funktioniere so gut, weil jeder für seinen Bereich zuständig sei, sagt Ulrich: „Ich kann zum Beispiel keine Zeile coden.“ „Und ich möchte keinesfalls heute Abend nach Verona fahren“, sagt Patrick und lacht.
Es habe zwar ein wenig gedauert, aber mittlerweile hätten sie verstanden, wie der Markt und der Großhandel funktionieren. Auch seien die Probleme kleiner geworden als in den ersten Jahren. Patrick: „Anfangs hieß ein Qualitätsproblem ,Totalausfall‘. Heute hingegen ist dann die Kapuzinerkresse ein paar Millimeter zu groß.“
Das Unternehmen soll wachsen – aber nicht in Bozen

Das, was Ulrich Kager und Patrick Sanin seit der Gründung von Profarms gesät haben, soll nun wachsen. Aber nicht in Bozen. Dort soll die Produktion nicht mehr wesentlich gesteigert werden. „Wir haben von Anfang an europäisch gedacht“, sagt Ulrich.
Wachsen soll Profarms mittels Franchising. Die Idee dahinter: Das Bozner Unternehmen wird zum Franchisegeber und liefert schlüsselfertige Anlagen, Samen und Know-how. Die Franchisenehmer – Unternehmen in anderen Regionen und Ländern – produzieren und verkaufen die Keimlinge vor Ort. An der Wand des Meetingraums hängen Fotos der bisherigen Partnerunternehmen. Fünf hat Profarms bereits: eines in Italien, zwei in Österreich, zwei in der Schweiz. Demnächst sollen weitere dazukommen.
Auch neue Produkte könnten ins Sortiment aufgenommen werden. Zurzeit arbeiten die beiden Jungunternehmer an einem EU-Projekt mit und testen unter anderem essbare Blüten. Den Kern ihrer Strategie sollen aber weiterhin Microgreens bilden. Ihre große Idee mit den kleinen Pflanzen.
DIE SERIE In der Serie „Jung und hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Hier geht’s zu allen bisher erschienenen Artikel der Serie.






















