Bozen – Augenreiben war angesagt. Das Landesstatistikinstitut Astat verschickte vor zehn Tagen eine Pressemitteilung mit dem unscheinbaren Titel „BIP und Konsumausgaben der privaten Haushalte in Südtirol – 2024“. Doch gleich die ersten zwei Sätze der Mitteilung hatten es in sich, so trocken sie auch formuliert waren: „Das Landesinstitut für Statistik (Astat) gibt bekannt, dass sich das reale Bruttoinlandsprodukt (Bip) in Südtirol im Jahr 2024 auf 28.129 Millionen Euro beläuft. Dies entspricht minus 0,9 Prozent gegenüber 2023.“
Wie bitte? Minus? Noch im Oktober hatte das Astat eine aktualisierte Schätzung verbreitet, wonach Südtirols Wirtschaft 2024 um 0,7 Prozent gewachsen ist. Und jetzt soll es plötzlich völlig anders gewesen sein? Dass die Zukunft ungewiss ist, leuchtet ein. Aber offenbar ist es auch die Vergangenheit. Entsprechend fragte die SWZ in einem Kommentar, wie es sein könne, dass Südtirols Wirtschaftsdaten im Rückblick – im Abstand von immerhin zwei Jahren – derart stark revidiert werden müssen. Hier gehe es nicht um ein paar Zerquetschte, sondern um eine grundlegende Korrektur (SWZ 3/26, nachzulesen hier und in der SWZapp).
Was die neuen Zahlen sagen
Die satte Korrektur, die aus einem vermeintlichen Wachstum eine Rezession macht, stammt vom gesamtstaatlichen Statistikinstitut Istat. Das Astat hat die aktualisierte Schätzung nur veröffentlicht. Denn: Das Astat macht zwar die Konjunkturprognosen, die in die Zukunft schauen, das Istat aber errechnet auf der Basis seiner ökonometrischen Modelle die vorläufigen und schließlich endgültigen Werte, die die Vergangenheit betreffen.
Erstaunlicherweise blieb die Astat-Meldung in den Medien komplett unbeachtet. Dabei ist sie eine kleine Bombe: Sie besagt, dass Südtirols Wirtschaft gar nicht so gesund ist – trotz Tourismusboom, Exportplus und Arbeitskräftemangel.
Die Astat-Meldung ist eine kleine Bombe: Sie besagt, dass Südtirols Wirtschaft gar nicht so gesund ist – trotz Tourismusboom, Exportplus und Arbeitskräftemangel.
Der Hauptgrund für die urplötzliche Rezession ist eine andere Korrektur: Das Istat hat Südtirols Wirtschaftswachstum für 2023 nachträglich deutlich nach oben revidiert, von bisher geschätzten 1,1 Prozent auf gewaltige 2,7 Prozent. Somit erhöht sich automatisch der Startwert, auf dessen Basis die Entwicklung von 2024 berechnet wird – und aus plus 0,7 Prozent werden minus 0,9 Prozent. Damit hätte die heimische Wirtschaft 2024 deutlich schlechter abgeschnitten als jene in Italien (plus 0,7 Prozent) und im Trentino (plus 0,5 Prozent) und sogar schlechter als im Krisenland Deutschland (minus 0,5 Prozent).
Etwas greifbarer wird die Istat-Korrektur in absoluten Zahlen: Bisher hatte es für 2023 – inflationsbereinigt – eine Südtiroler Wirtschaftsleistung von 28.000 Millionen Euro geschätzt, nun von 28.400 Millionen. Für 2024 war man bisher von 28.200 Millionen ausgegangen, nun sind es nur mehr 28.100 Millionen.
Banken, Immobilien und Freiberuf wachsen stark
„Revisionen nimmt man vor, weil nach und nach Informationen hinzukommen“, erklärt Astat-Direktor Timon Gärtner. Endgültig sind laut Gärtner derzeit die Konjunkturdaten von 2022, während jene von 2023, 2024 und natürlich 2025 provisorisch sind. Es klingt erstaunlich, wie lange es dauert, bis alle Daten komplett vorliegen.
Dass Südtirols Wirtschaft 2023 laut der jüngsten Schätzung so deutlich besser gelaufen sein soll als bisher geglaubt, begründet das Istat mit „einer besonders günstigen Entwicklung im Makrosektor der Finanz-, Immobilien- und freiberuflichen Dienstleistungen, für den die Revision mehr als fünf Prozentpunkte betrug.“ Konkret: Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, Immobiliengeschäfte und freiberufliche Leistungen wie Wirtschafts-, Rechts- und Unternehmensberatung sowie Architektur und Werbung liefen 2023 offenbar viel besser als gedacht.
Kann es sein, dass das Istat bisher mit der Schätzung derart danebenlag?
Kann sich diese Branche wirklich so stark auf das Gesamtergebnis auswirken? Und kann es sein, dass das Istat bisher mit der Schätzung derart danebenlag? Die offiziellen Zahlen zumindest wollen es so. Für Italien hat das Istat die Wachstumsschätzung für 2023 um 0,3 Prozentpunkte von 0,7 auf 1,0 Prozent erhöht. Dies – so das Istat – wirke sich auf die einzelnen Regionen unterschiedlich stark aus, je nach Wirtschaftsstruktur. Und doch macht es stutzig, dass eine 0,3-prozentige Korrektur für Italien zu einer 1,6-prozentigen Korrektur für Südtirol (eben von plus 0,7 auf minus 0,9 Prozent) führt. Auch für das Trentino wurde eine Revision vorgenommen, aber sie bewegt sich im Bereich von ein paar Dezimalstellen: 2023 dürfte die Wirtschaft in der Nachbarprovinz um 0,5 Prozent gewachsen sein (bisherige Schätzung: 0,8 Prozent), 2024 um 0,4 Prozent (bisherige Schätzung: 0,7 Prozent).
Eine plausible Erklärung für den großen Südtiroler Einbruch, den die offiziellen Zahlen nahelegen, hat auch Timon Gärtner nicht. Er sagt nur so viel: Die Werte für 2023 und 2024 seien noch nicht endgültig. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Werte für 2024 noch nach oben korrigiert werden. Andererseits gibt Gärtner zu bedenken, dass Südtirol stark mit dem deutschen und österreichischen Wirtschaftsraum verbunden sei, wo Krise herrsche.
Was bleibt, ist eine Portion Irritation – und die Frage, wie viel die Konjunkturschätzungen, die von der Politik und von den Medien aufmerksam verfolgt werden, überhaupt wert sind, wenn sie nachträglich derart über den Haufen geworfen werden müssen. Für heuer prognostiziert das Astat ein Südtiroler Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent. Das Wifo der Handelskammer und das Arbeitsförderungsinstitut Afi sagen 0,9 Prozent. Top, die Wette gilt.




















