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Tote Hose, tote Alpen?

Südtirol lockt Millionen Gäste aus aller Welt an. Einigen Besuchern und Touristikern sind die alpine Schönheit und einige Großevents aber zu wenig. Sie rufen nach mehr und professionelleren Events. Welche Unterhaltung ist im Genussland Südtirol wirklich nötig?

Südtiroler Wirtschaftszeitung von Südtiroler Wirtschaftszeitung
22. Januar 2016
in Allgemein
Lesezeit: 5 mins read

Brixen – Es ist ein kalter Dezemberabend im Zentrum von Brixen. Dicht an dicht stehen Eltern mit Kindern, Jugendliche und Senioren bei Minusgraden zusammen und warten auf Einlass in die Hofburg. Eigentlich ein Bild mit Seltenheitswert in der beschaulichen Bischofsstadt. Doch im vergangenen Monat hieß es in Brixen beinahe jeden Tag bibbern und warten. Soliman war in der Stadt.

Die Licht- und Musikshow „Solimans Traum“ lockte an insgesamt 40 Tagen über 50.000 Besucher nach Brixen – der Großteil davon Einheimische. Durchschnittlich 1250 Besucher wollten jeden Tag die Reise des historischen Elefanten erleben, mit dessen Geschichte in einer bunten Glitzerwelt die Fassade der ehrwürdigen Hofburg bespielt wurde. Großes Kino und vor allem ein großer Erfolg. Die 250.000 Euro, die das Stadtmarketing Brixen nicht ohne Risiko in die Veranstaltung investiert hatte, wurden mehr als eingespielt. Der eigentlich als Beigestell zum Weihnachtsmarkt gedachte „Soliman“ wurde im ganzen Land beklatscht wie kaum eine von einem Tourismusverein organisierte Veranstaltung im Land. Der „Elefant Soliman“ ist eine – allem Anschein nach – seltene Spezies in der Südtiroler Tourismusszene.

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Der Hype um die Veranstaltung rief einmal mehr Stimmen auf den Plan, die sich bestätigt fühlten. Südtirol brauche stärkere und vor allem professionellere Events. Eine dieser Stimmen ist Alex Ploner, selbst Event-Manager und Organisator des IMS in Brixen. Er sah die Lichtshow in Brixen und war begeistert: „Dort hat man gesehen, was passiert, wenn sich die Veranstalter endlich an die wirklich großen und professionellen Dinge ranwagen. Solche Events sind Mangelware in Südtirol. Hier muss sich endlich etwas tun im Land“.

Ploner fordert seit Jahren, dass Events in Südtirol professioneller und vor allem größer aufgezogen werden. Seine These: Gäste mit einem gewissen Erlebnisanspruch sind für Südtirol immer schwieriger zu gewinnen. „Ich wurde um Weihnachten mit der Aussage von Touristen konfrontiert, dass der Kronplatz zwar ein tolles Skigebiet, aber dort absolut nix los sei. Diese Touristen haben angekündigt, nächstes Jahr wieder nach Österreich gehen zu wollen. Wir haben tolle Skigebiete, tolle Hotels, aber die Unterhaltung bleibt auf der Strecke oder ist so schlecht, dass man sich dafür schämen muss.“

Beim Fremdschämen nimmt der Präsident der Eventdienstleister im hds die Weltcup-Events beim Biathlon in Antholz sowie die alpinen Skirennen in Gröden und Alta Badia aus. Das seien Events mit einer Strahlkraft, die über die Landesgrenzen hinausgeht. So wie eben vielleicht auch Soliman. Südtirol brauche solche Events, um im Konzert der Großen mitzuspielen. Dies könne laut Ploner nur mit gelebter Authentizität gelingen und mit Emotionen.

Stichwort Emotionen. Auch bei anderen Veranstaltern, etwa bei jenen des besagten Weltcuprennens in Gröden, ist das Erlebnisgefühl groß in Mode: „Wir versuchen seit einigen Jahren bewusst, dem Besucher ein Erlebnis zu bieten – eines, bei dem der Besucher das Gefühl hat, er ist wirklich dabei. Dabei muss man sich den Gast genau ansehen. In unserem Fall heißt das, dass wir beim Weltcup in Gröden drei Gruppen zufriedenstellen müssen. Zum einen die jungen Besucher, die Party machen wollen. Zum anderen natürlich die „echten“ Fans und Skifahrer, und die dritte Gruppe, die VIP-Besucher“, meint Stefania Demetz, die Geschäftsführerin von FIS Ski World Cup Gardena Gröden.

Es scheint genau diese starke Differenzierung der Gästeschichten zu sein, die es für die heimischen Touristiker nicht leicht machen, alle Gäste gleichermaßen zufriedenzustellen. Während der eine jeden Tag in einem anderen Südtiroler Skikarussell seine Bretter anschnallen und jeden Tag nachher auch gut abfeiern möchte, will der andere auf leisen Sohlen und ausgiebig eine Woche lang das Tal erkunden. Diese höchst unterschiedlichen Wünsche kennt Marco Pappalardo, Direktor der Kommunikationsabteilung der neugegründeten Landesagentur IDM Südtirol: „Wir sind grundsätzlich für jede tolle Veranstaltung, unabhängig von ihrer Größe, und stehen voll hinter dem Konzept der Professionalität. Eines steht aber auch fest: Wenn es in Südtirol Gäste gibt, die sagen, dass nix los sei, dann muss man ganz klar sagen, dann sind es die falschen Gäste. Wir setzen sicher nicht – wenn wir etwa das Aprés-Ski in Österreich hernehmen – auf Halligalli. Das hat Sölden und Ischgl.“ Pappalardo räumt aber ein, dass in Südtirol noch großes Potenzial bestehe, ein breiteres und vielfältigeres Angebot für die verschiedenen Gästeschichten zu bieten. So plant die IDM, in Zukunft die Veranstaltungen im Wellbeeing und im Kulturbereich deutlich zu stärken. „Besonders in Meran und Bozen kann man hier ein Angebot für den sehr anspruchsvollen Städtetourismus schaffen. Die sogenannten hidden cities, also Destinationen für das verlängerte Wochenende so wie in Städten wie Barcelona, Paris, London, sind im Kommen. Diesen Zug dürfen wir nicht verpassen“.

Mit diesem Konzept will die IDM auch die Peripherie mitziehen. Dahinter steckt die alte Idee Christoph Engls. Der ehemalige SMG-Chef propagierte jahrelang die Vision sogenannter Lead-Events. Hochwertige Veranstaltungen, die Südtirol nach außen nicht nur das Gesicht eines Genusslandes, sondern auch das eines Spitzenveranstalters von Weltrang geben. Dass das Destinationsmarketing dies bisher nicht umgesetzt hat, liegt laut Alex Ploner daran, dass man nicht an einem Strang zieht: Vielfach müssten die Hotelbetriebe professionelle Events alleine aufziehen, ohne Unterstützung der Tourismusverbände. „Soliman in Brixen war eine Ausnahme. Hier muss mehr kooperiert werden. Tolle Ideen nützen nichts, wenn man nicht miteinander spricht.“

Die Frage bleibt, ob neben Leads-Events in den Zentren auch in der Peripherie Akzente gesetzt werden müssen, weil vom Gast gewollt. Veranstalter und Zimmervermieter Alex Ploner sieht große Notwendigkeit: „Bei mir schrillen die Alarmglocken, wenn ich sehe, dass in Toblach abends zur Weihnachtszeit nichts los ist. Ein Halligalli oder sinnloses Apres-Ski ist sicher kein Ziel. Das haben andere auch. Wir müssen schauen, zusammen auch in der Peripherie tolle authentische Events wie etwa Kirchtage oder Feste überhaupt zu retten und dann zu professionalisieren.“

Dass es darauf ankommt, besonders in der Peripherie auf das Alpenspezifische zu setzen, dafür tritt seit Jahren der bekannteste Alpen- und Tourismusforscher Werner Bätzing ein. In seinem 2015 erschienenen Werk „Zwischen Wildnis und Freitzeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen“ setzt er sich für einen dritten Weg im Tourismus ein. Seine These: Eine gut funktionierende Alpenregion abseits der Zentren muss lebendig, aber ursprünglich bleiben: „Wir erleben in den Alpen Zersiedelung und Abwanderung in der Peripherie auf der einen Seite, und Verstädterung auf der anderen Seite. Die Stärke des Alpentourismus sind sehr starke und regionale Beziehungen.“ In seiner auf großes Medienecho gestoßenen Studie erteilt der Alpenforscher der Globalisierung des Tourismus eine Absage und plädiert für das Erlebnis abseits der Unterhaltung. „Großevents, auch wenn sie professionell gemacht sind, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie austauschbar sind. Die Stärke der Alpen liegt darin, dass man ohne viel zusätzliche Unterhaltung etwas erleben kann“. Und Bätzing geht noch einen Schritt weiter: „In unserer standardisierten Lebens- und Arbeitswelt macht man nirgends mehr eigene Erfahrungen. Nicht für jede Minute etwas zu bieten, kann ein Plus sein. Es geht um eigene Erlebnisse, und dazu gehört auch zum Beispiel zu merken, wie es ist, wenn einmal etwas nicht klappt, etwa bei einer Wanderung. Das gehört dazu, das ist der große Vorteil des Tourismus im Alpenraum“.

Im September 2015 befasste sich das Impulsforum Ibet in Innsbruck, das seit 15 Jahren regelmäßig Zukunftshemen beleuchtet, mit der Zukunft der Alpentäler und auch mit dem Tourismus. Dort fanden Bätzings Thesen Unterstützung. Es fielen Schlüsselwörter wie Nachhaltigkeit, Entschleunigung oder „Work in Residence“. Zur Ganzjahres-Urlaubsdestination Tirol hieß es etwa: Qualität bedeute nicht immer, in große Wellnesstempel zu investieren, sondern auch in einzigartige Erlebnisse. Ob die Tourismusbetriebe, die Veranstalter und die Südtirol-Vermarkter solche Erkenntnisse für sich nutzen, wird sich zeigen. Mehr Zusammenarbeit bei der Erarbeitung gemeinsamer Angebote wäre jedoch auf jeden Fall im Sinne des Gastes.

Schlagwörter: 03-16freenomedia

Ausgabe 03-16, Seite 4

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