Bozen – Mehrere Generationen von Südtirolern haben die Bozner Weinkost besucht. Zum ersten Mal fand sie – mit einer stolzen Dauer von zehn Tagen – vom 12. bis 22. März 1896 statt, also vor exakt 120 Jahren, damals im Torgglhaus am Bozner Obstplatz noch unter dem Namen „1. Bozner Frühjahrsweinmarkt“. 93 Mal ging die Weinkost seither über die Bühne, und ohne die Unterbrechung während der beiden Weltkriege wäre es noch öfter gewesen. Damit ist bzw. war die Weinkost die wohl traditionsreichste Veranstaltung Südtirols, noch dazu eine überaus authentische Veranstaltung für das kleine, aber feine Weinland.
Zwar wurde im Laufe der Jahrzehnte das Konzept weiterentwickelt, zwar verkürzte sich die Dauer schrittweise von ursprünglich zehn auf zuletzt drei Tage, zwar änderte sich mehrmals der Austragungsort (vom Torgglhaus in die Bürgersäle am Verdiplatz, dann in die Vilpianer Bierquelle am Bahnhof, ins Hotel Post, ins Hotel Laurin, ins Hotel Greif, schließlich 1995 ins Schloss Maretsch), doch der Anspruch blieb immer unverändert: Es sollte ein Überblick über Südtirols Weinvielfalt gegeben werden. 1896 schrieben die Organisatoren der ersten Auflage in einem Kommuniqué: „Der Verband der landwirtschaftlichen Bezirksgenossenschaften Deutschsüdtirols hat sich entschlossen, durch Veranstaltung eines Weinmarktes in Bozen die Gelegenheit zu schaffen, daß sich jedermann, der ein Interesse für Tiroler Weine besitzt, ein klares Bild über die Produktion des Landes und den ganz eigenthümlichen Typus seiner Weine, die von Alters her in allen Nachbarländern geschätzt und beliebt waren, bilden können.“
Nun also ist die „alte Dame“ einen leisen Tod gestorben. Eigentlich war die 94. Auflage bereits für die erste Märzwoche fixiert, und auf gar einigen Südtiroler Hotel-Internetseiten findet sich noch der Hinweis auf die Weinkost. Doch die offiziellen Weinkost-Seiten sind allesamt gelöscht. Hansjörg Prast, der Direktor von IDM Südtirol, bestätigt: „Die Weinkost gibt es nicht mehr. Es wird an einem völlig neuen Konzept gearbeitet, und voraussichtlich wird die neue Veranstaltung künftig im Herbst stattfinden.“ Prast stand bis Ende 2015 der Exportorganisation EOS als Direktor vor, die die Weinkost gemeinsam mit dem Konsortium Südtiroler Wein veranstaltete.
So überraschend für Außenstehende der Tod der Weinkost kommt, so sehr hat er sich in den vergangenen Jahren doch abgezeichnet. Die Weinkost war irgendwie zu gesund zum Sterben, aber zu krank zum Leben gewesen. Also rangen die Organisatoren alljährlich mit sich, ob sie der alten Dame Sterbehilfe leisten sollten, brachten es aber nicht übers Herz. Vor allem fehlte der Weinkost zuletzt die Begeisterung der Winzer, folglich der Hauptdarsteller. Weil die Weinhersteller im Frühling traditionell von Präsentation zu Präsentation hetzen und weil Fachmessen wie die Vinitaly in Verona und die Prowein in Düsseldorf absolute Pflichttermine sind, fiel es zunehmend schwer, das notwendige Personal für die Präsenz bei der Weinkost abzustellen. Die Lust der Produzenten an der Weinkost schwand auch, weil sich Gastronomen und Einkäufer immer seltener dort blicken ließen. Für eine reine Publikumsveranstaltung, zu der die Weinkost geworden war, waren aber die Kosten und der Aufwand zu hoch. Apropos Publikum: 2015 kamen immerhin rund 1.500 Besucher, aber Mitte der 1990er-Jahre waren es noch mehrere Tausend gewesen.
Kurzum, die Weinkost ist ihren Altersgebrechen erlegen. Eine Veranstaltung mit neuem Konzept und neuem Termin – im Herbst – soll die Begeisterung von Winzern und Gastronomen neu entfachen. Denn ein Weinland ganz ohne Schaufenster für die eigenen Weine ist dann doch undenkbar.

















