Haben Sie mal gezählt? Wie viele Rollen Toilettenpapier brauchen Sie so? Keine Ahnung? Macht nichts. Es gibt ja zum Glück inzwischen zu allem Zahlen. Laut einer Statistik von 2018 kommen die Italiener:innen auf geschätzt 70 Rollen Klopapier pro Kopf und Jahr. 71 sind es in Frankreich. Ganz schön viel? Mitnichten! In Großbritannien blättern die Leute 127 Rollen im Jahr hin. 134 sind es in Deutschland. Alle vom Tisch wischen die USA: Jede:r Amerikaner:in verbraucht 141 Klopapierrollen im Jahr. Doppelt so viele wie die Italiener:innen.
Wer sich nach dem Toilettengang mit Wasser wäscht, braucht weniger Papier. Leuchtet ein.
Als mir diese Statistik vor einigen Jahren erstmals auf Twitter – das hieß damals noch so – unterkam, scrollte ich neugierig durch die Kommentare. Vereinzelt kursierte dort das Klischee von der südländischen – nennen wir es mal so – Hygieneflexibilität. Die meisten aber wussten um den Grund für die auffallende Sparsamkeit: ein keramischer Mitbewohner, ohne den kein italienisches Bad auskommt – das Bidet. Wer sich nach dem Toilettengang mit Wasser wäscht, braucht weniger Papier (und auch keines der parfümierten, für die Umwelt katastrophalen Feuchttücher). Leuchtet ein.
Nach jedem Besuch der Toilette werden die Körperpartien, über die wir uns zuvor über der Brille erleichtert haben, gewaschen. Vor allem, wenn das Geschäft – Sie wissen ja – etwas größer ausgefallen ist. Die Hände wischt man sich schließlich auch nicht einfach an einem Papierfetzen ab. Leuchtet auch ein. Eigentlich. Dass diese Selbstverständlichkeit immer noch an den italienischen Landesgrenzen endet, zeigen die Sportler:innen und Medienvertreter:innen, die für die heurigen Olympischen Winterspiele angereist sind und sich über die kuriose kleine Schüssel in ihren Unterkünften wundern. Zu Beginn der Spiele in Mailand und Cortina machten in den sozialen Medien Videos mit erstaunten Gesichtern und fröhlichen Hypothesen die Runde: Was macht man in diesem tiefhängenden Waschbecken? Getränke einkühlen? Wäsche waschen? Die Füße?
Was macht man in diesem tiefhängenden Waschbecken? Getränke einkühlen? Wäsche waschen? Die Füße?
Für mediale Beachtung sorgte jüngst auch die Ankündigung des neuen New Yorker Bürgermeisters Zoran Mamdani: Er wolle sämtliche Toiletten in seinem Amtssitz mit Bidets ausstatten. Gut, fürs Erste tue es auch eine Handbrause am Spülkasten – gefeiert wurde Mamdani in Italien trotzdem. In seinem Heimatland, der Klopapierhochburg USA, irritierte er hingegen. In Deutschland kommentierte „Die Zeit“ halb stirnrunzelnd, halb amüsiert: „Es bleibt das seltsame Gefühl, dass man nun wirklich zu viel darüber weiß, auf welche Art und Weise dieser Politiker sauber bleiben will.“
Seltsames Gefühl? Im Gegenteil! Es ist höchst an der Zeit, das Keramikbecken neben der Klopapierrolle aus der verschämten Ecke zu holen – von der Nebenrolle ins Rampenlicht sozusagen. In Asien ist das nasse Saubermachen nach dem Toilettengang gängige Praxis – im Toilettenmuseum im japanischen Kitakyushu wird Besucher:innen sogar die richtige Fußstellung beim Bidetieren gezeigt –, auch in muslimischen Ländern ist Wasser am Hintern Standard. Die Industrie ist längst weiter und bietet Dusch-WCs an, mit im Toilettensitz integrierter Wasserfontäne und wahlweise Sitzheizung, Föhn, Geruchsabsaugung, regulierbarer Wassertemperatur und Duschstrahlstärke. Kostenpunkt: mehrere Tausend Euro.
Höchste Zeit, das Keramikbecken neben der Klopapierrolle aus der verschämten Ecke zu holen – von der Nebenrolle ins Rampenlicht sozusagen.
Es braucht keine vierstellige Summe, um die Wertschätzung für den – er heißt ja nicht ohne Grund so – Allerwertesten auszudrücken. Das gute alte Bidet zu benutzen reicht vollkommen. In Italien wird sich das Hightech-WC, das sogar erkennt, wer gerade auf ihm sitzt, ohnehin nicht durchsetzen und das Bidet als stiller Begleiter am stillen Örtchen weiter für Belustigung und Rätselraten sorgen. Nicht nur bei Olympia. Wobei: Die Olympischen Spiele gelten seit jeher als Großereignis der internationalen Verständigung. Meinetwegen dürfen sie das gerne nicht nur in sportlicher Hinsicht sein, sondern genauso in Sachen Hygienekultur.


















