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Südtirol und seine Erdbeer-Nische

LANDWIRTSCHAFT – Erdbeeren zählen zwar nicht zu den wichtigsten Obstkulturen in Südtirol, doch die heimischen Produzenten arbeiten erfolgreich. Anders als bei Äpfeln stehen sie nicht in einem weltweiten Wettbewerb. Warum das so ist und welche Mengen produziert werden. Ein Blick in eine Nische.

Südtiroler Wirtschaftszeitung von Südtiroler Wirtschaftszeitung
30. Juli 2026
in Südtirol
Lesezeit: 5 mins read

Das Familienunternehmen Griesser ist Südtirols größter Anbieter. (Foto: Rotwild)

Bozen – Beim Obstanbau in Südtirol denkt man an erster Stelle an die Apfelproduktion, danach an Trauben, die allerdings nicht direkt in Supermarktregalen landen, sondern zuvor zu Wein weiterverarbeitet werden. Doch es gibt einige Nischenkulturen, mit denen lokale Produzenten erfolgreich arbeiten – etwa Erdbeeren.

Diese werden zum einen von einigen Bauernhöfen vor allem direkt vermarktet, zum anderen gibt es zwei große Anbieter, die ihre Ernte über die Landesgrenzen hinaus verkaufen: die MEG – Erzeugergenossenschaft Martell, eine der sieben landwirtschaftlichen Genossenschaften, die sich zum VIP – Verband der Obst- und Gemüseproduzenten aus dem Vinschgau zusammengeschlossen haben, und das Familienunternehmen Griesser mit Hauptsitz in Mauls in der Gemeinde Freienfeld.

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1.900 Tonnen Erdbeeren von zwei Produzenten

Markus Griesser

Allein diese beiden setzen jährlich etwa 1.900 Tonnen frische Erdbeeren ab. Die Anbaumenge ist überschaubar, wenn man bedenkt, dass in Italien mehr als 120.000 Tonnen geerntet werden. Der italienische Erdbeermarkt wird alles in allem auf einen Wert von ca. 450 Millionen Euro pro Jahr geschätzt, mit Wachstumsraten von zuletzt rund zehn Prozent pro Jahr. „Das ist da­rauf zurückzuführen, dass Erdbeeren früher lediglich im Mai und Juni Saison hatten, mittlerweile sind sie den ganzen Sommer über erhältlich“, sagt Markus Griesser, Geschäftsführer des gleichnamigen Familienunternehmens.

Dieses erntet von Mitte Mai bis Ende Oktober auf Anbauflächen im Wipp-, Eisack- und Pustertal in verschiedenen Höhenlagen rund 1.400 Tonnen Erdbeeren. Die zehn MEG-Mitgliedsbetriebe im Martelltal sowie im Vinschgau kommen in einem etwas kürzeren Erntezeitraum, der auf die klimatisch bedingte kürzere Vegetationszeit des Anbaugebiets zurückgeht, auf 400 bis 450 Tonnen.

Der Großteil geht nach Italien

Philipp Brunner

Hauptabsatzmarkt für die Erdbeeren aus Südtirol ist Italien. 75 bis 80 Prozent der Vinschger Erdbeeren gehen auf diesen Markt. „Allerdings beliefern wir auch einige große Supermarktketten, wie zum Beispiel Aspiag, deshalb ist es möglich, dass ein Bruchteil dieser Menge doch in Südtirol in den Verkauf kommt“, führt Philipp Brunner, Agronom und Betriebsleiter der MEG, aus und ergänzt: „Die restlichen 20 bis 25 Prozent unserer Produktion werden regional abgesetzt, zu einem großen Teil im Direktverkauf.“ Dieser sei den MEG-Mitgliedsbetrieben wichtig, zugleich sei es eine Herausforderung, das Produkt in der Qualität anzubieten, die der lokale Kunde mag, so sei etwa der Reifegrad der Beeren im Direktverkauf ein anderer als im Großhandel. „Es gibt je nach Kundengruppe eine unterschiedliche Interpretation von Qualität“, erklärt Brunner.

Keinen Direktverkauf gibt es bei Griesser, der allergrößte Teil der Ernte wird an Handelsketten verkauft, zu etwa 70 Prozent an italienische, zu 30 Prozent an österreichische. „Ein kleiner Teil der Produktion geht auch in Großmarkthallen sowie an ein Unternehmen, das die Früchte weiterverarbeitet“, berichtet Griesser.

Clubsorten auch bei Erdbeeren im Kommen

Erdbeeren werden wie hier bei MEG auf Stellagen angebaut.

Die Absatzmärkte sind demnach sehr nahe. „Der Grund dafür ist, dass das Produkt eingeschränkt transportfähig und nur wenige Tage lagerfähig ist“, hebt Brunner hervor. Deshalb stehen die heimischen Anbauer auch nicht mit den weltgrößten Erdbeerproduzenten China und USA im Wettbewerb. „Was wiederum zur Folge hat, dass wir mit den Erdbeeren nicht denselben Preisschwankungen ausgesetzt sind wie beispielsweise die Südtiroler Apfelproduzenten“, so Brunner.

Eine Ähnlichkeit gibt es aber zu den Apfelherstellern: Sogenannte Clubsorten sind auch bei Erdbeeren im Kommen. Bei Clubsorten gehören die Eigentumsrechte einem Sortenschutzinhaber, Produzenten, die die Sorte anbauen wollen, müssen strenge Regeln befolgen und den Inhaber finanziell entlohnen.

Während diese bei den MEG-Mitgliedsbetrieben laut Brunner noch kein großes Thema sind, baut Griesser vor allem Clubsorten an, darunter etwa die von einem englischen Züchter stammende „Lady Emma“. Alles in allem sind es um die 1,5 Millionen Pflanzen, die bei Griesser auf 30 Hektar Anbaufläche jedes Frühjahr von Hand gepflanzt werden. Detail am Rande: Nicht alle Erdbeersorten für die gewerbsmäßige Produktion müssen alljährlich neu gepflanzt werden, es gibt auch mehrjährige Sorten.

„Die Clubsorten kosten einen Euro pro Pflanze, andere Sorten etwa 50 Cent“, sagt Griesser. Aber aufgrund der Qualität der Erdbeeren – Geschmack und Haltbarkeit – sowie der erzielten Erntemenge rechne es sich; bei der „Lady Emma“ etwa spreche man von einem Kilogramm Ernte pro Pflanze. „Eine große Menge. Wir arbeiten seit Jahren auf derselben Anbaufläche, aber durch die immer ertragreicheren Pflanzen konnten wir den Absatz steigern“, so Griesser. Außerdem werde im Anbau nichts mehr dem Zufall überlassen: „Die Bewässerung ist genau auf den Bedarf abgestimmt, der Standort ebenso, und die Beschattung ist für Pflanze und Mitarbeiter wichtig.“

Messdaten optimieren den Anbau

Ein Griesser-Erdbeerfeld im Riggertal

Das bestätigt auch MEG-Betriebsleiter Brunner und verweist darauf, dass sich acht MEG-Betriebe an einem Projekt beteiligen, bei dem der Anbau mit zahlreichen Sensoren ausgestattet wurde. Durch die Messdaten in Echtzeit – insgesamt sind es 20.000 Messdaten pro Stunde –, die die Anbauenden erhalten, können die Erdbeerpflanzen bedarfsgerecht bewässert und gepflegt werden.

„In der Vergangenheit hat man in der Landwirtschaft auf Erfahrungswerte und Wissen gebaut, aber heute ist es anders: Die klimatischen Voraussetzungen haben sich geändert – Erfahrung reicht nicht mehr aus“, unterstreicht Brunner. Künftig will man die erhaltenen Daten mithilfe von KI zudem analysieren, um eventuelle Abhängigkeiten zu erkennen. „Wir Menschen werden dann bewerten, ob die KI-Daten auch Sinn machen oder nicht, und daraus Schlüsse ziehen“, erklärt Brunner.

Mithilfe der Messdaten bemüht man sich im Vinschgau also zwei der Problematiken, die beim internationalen Erdbeeranbau immer wieder für Kritik sorgen, in den Griff zu bekommen: den hohen Wasserverbrauch und die Spritzmittel zur Schädlingsbekämpfung. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden. Diese sorgen beispielsweise in den größten Erdbeerfeldern Europas in Spanien immer wieder für massive Kritik – erst kürzlich zeigte etwa eine ZDF-Doku, wie Saisonskräfte ohne Strom, Wasser und sanitäre Einrichtungen in illegalen Siedlungen leben.

„Beim Erdbeeranbau im Vinschgau wird – wie bei den Äpfeln – auf Hilfskräfte aus Osteuropa gesetzt, sie werden über Tarif bezahlt“, sagt Brunner und unterstreicht zudem: „Wir haben gesetzliche Vorgaben, aber vor allem Werte und Standards, an die wir uns halten.“

Beinharte Kalkulation

Die Kritikpunkte kennt auch Markus Griesser. „Wir setzen auf Tropfbewässerungen und bekämpfen Schädlinge soweit wie möglich mit Nützlingen, zudem setzen wir – wenn nötig – biologische Spritzmittel ein“, führt Griesser aus, dessen Familienbetrieb saisonal circa 150 Mitarbeitende beschäftigt, vor allem aus Rumänien und Polen. „Aber wenn man die Leute nicht gut behandelt, findet man keine Mitarbeiter mehr“, betont Griesser. Dazu gehöre etwa auch, dass die Erdbeeren seit rund 20 Jahren auf Stellagen angebaut werden, nicht am Boden. Zudem sei die Qualität der Erdbeeren besser: Die Reifung erfolgt gleichmäßiger, die Form der Frucht ist besser.

Dieses Anbausystem kommt neben der Hügelpflanzung nun auch im Martelltal und im Vinschgau vermehrt zum Einsatz.

Eine hohe Qualität der Erdbeeren ist sowohl den Vinschger Produzenten als auch Griesser wichtig. Denn über die Qualität kann man sich am Markt behaupten – und gestaltet sich der Preis, den die Produzenten erhalten. Derzeit beträgt der Detailhandelspreis für ein Kilogramm Vinschger Erdbeeren laut dem MEG-Betriebsleiter 7,50 Euro.

Wie viel die Handelsketten für ein Kilogramm Erdbeeren bezahlen, verraten Brunner und Griesser nicht. Aber so viel: „Wenn wir ein Kilogramm Erdbeeren verkaufen, dann dienen 600 Gramm dazu, die Produktionskosten zu decken“, sagt Markus Griesser. „Auch hinter dem Erdbeeranbau steckt beinharte Kalkulation.“

Simone Treibenreif

DIE AUTORIN ist freie Journalistin.

Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: Beeren aus den Bergen

Schlagwörter: 30-26free

Ausgabe 30-26, Seite 13

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