Bozen – Schottergruben sind laut und staubig. Kein Wunder, dass sie niemand in unmittelbarer Umgebung des eigenen Wohnhauses haben will. Hier prallen zwei Bedürfnisse aufeinander: einerseits die Bauwirtschaft, die das Material benötigt – andererseits die Anrainer:innen, die ihre Lebensqualität erhalten wollen. Hinzu kommen auch noch Landschafts- und Umweltaspekte.
Die erneut eingereichten Pläne für eine Schottergrube in Sarns bei Brixen haben die Diskussionen über das Thema neu entfacht.
Der Fall Sarns, Teil 2
Das Brixner Tiefbauunternehmen OM hatte bereits vor einigen Jahren einen Antrag zum Schotterabbau gestellt: Auf einer Fläche von rund 15.000 Quadratmetern sollten im Zeitraum von sieben Jahren über 155.000 Kubikmeter Schotter abgebaut und zur Aufbereitung in die nahe Industriezone gefahren werden. Dafür wären insgesamt je 11.000 Hin- und Rückfahrten von Lkws notwendig. Danach würde das Areal wieder zu einer landwirtschaftlich genutzten Wiese.
Das Areal ist von Obstwiesen umgeben, liegt aber in unmittelbarer Nähe zur Fraktion Sarns. Entsprechend regte sich großer Widerstand seitens der Bevölkerung. Auch die Gemeinde Brixen arbeitete gegen das (vom Land genehmigte) Schotterprojekt. Nach einem Rechtsstreit wurde es schließlich im Mai 2025 vom Verwaltungsgericht gestoppt. Begründet wurde das Urteil mit der Nähe zum Wohngebiet sowie mit Landschafts- und Ensembleschutz.
Zur Überraschung aller reichte das Bauunternehmen OM im August aber denselben Antrag erneut ein. Entsprechend sind die Sorgen in Sarns und in der Gemeinde Brixen zurückgekehrt. Derzeit laufen auf Landesebene die neuerlichen Prüfungen des Projektantrages. Der Bauunternehmer Markus Obexer will sich nicht dazu äußern, warum er einen erneuten Anlauf nimmt und sich damit den heftigen Protesten aussetzt.
„Keine Planbarkeit“
Der Fall Sarns steht stellvertretend für eine Problematik, die derzeit die gesamte Südtiroler Bauwirtschaft beschäftigt. Die Unternehmen klagen über zu wenig Schotter. Er wird unter anderem für die Herstellung von Beton und Asphalt benötigt.
„Die meisten Bezirke haben zu wenige Schottergruben – etwa Eisacktal, Pustertal und Burggrafenamt. Es gibt zwar nach wie vor Schottervorkommen, aber die Genehmigungsverfahren bereiten Probleme. Fakt ist, dass wir heute keine mittelfristige Planbarkeit für Schotter haben“, sagt Christian Grünfelder, Präsidiumsmitglied im Baukollegium und Sprecher zum Thema Gruben und Aushubablagerungen. Immer wieder gebe es Einwände von Gemeinden, Anwohnenden oder Landesämtern.
Grünfelder stellt auf Nachfrage klar, dass – anders als häufig behauptet wird – Schotter nicht von weit her gekarrt werden müsse, um den Bedarf zu decken: „Es ist logistisch nicht möglich, von anderswo so viel Material zu beziehen.“ Man behelfe sich unter anderem mit dem Aushubmaterial von Neubauten. „Damit leben wir aber von der Hand in den Mund und müssen jedes Jahr schauen, über die Runden zu kommen“, betont Grünfelder.
Die großen Tunnelprojekte in den genannten Bezirken – der Küchelbergtunnel in Meran sowie der BBT-Haupttunnel und die Zulaufstrecke im Eisacktal – würden nur bedingt Abhilfe schaffen: „Das geeignete Material aus dem Küchelberg wurde bereits verwertet. Und die BBT-Projekte sehen – genauso wie die Riggertalschleife – nicht vor, dass Material an Dritte verkauft werden kann.“ Bei der Bahnumfahrung von Bozen werde hingegen versucht, das überschüssige und wiederverwertbare Material auch dem lokalen Markt zur Verfügung zu stellen. „Dies ist ein sehr wichtiger Beitrag für die lokale Wirtschaft und im Sinne der Ressourcenschonung“, so Christian Grünfelder.
Das Land soll entscheiden
Was also tun, um den Schotterbedarf der heimischen Bauwirtschaft zu sichern? „Es braucht mehr Akzeptanz“, sagt Grünfelder und erklärt: „Jeder will auf einer Straße ohne Schlaglöcher fahren und benötigt für den eigenen Hausbau Beton und dementsprechend auch Schotter. Gleichzeitig zeigen die Menschen wenig Verständnis dafür, dass wir irgendwo Abbaustätten dafür brauchen.“
„In anderen Ländern wird die Rohstoffsicherung als öffentliches Interesse angesehen und entsprechend mitberücksichtigt.“
Die Bauwirtschaft bemühe sich, schonender mit den Ressourcen umzugehen und zunehmend Recyclingmaterial einzusetzen. „Für eine ausreichende Versorgung mit lokalen Rohstoffen sowie im Sinne der kurzen Transportwege muss aber auch Schotterabbau zugelassen werden“, so Grünfelder. Die Gruben brauche es im Übrigen nicht nur zur Materialgewinnung, sondern auch, um unbrauchbares und ungefährliches Aushubmaterial von Baustellen abzulagern.
Der erste Schritt, um die langfristige Planbarkeit sicherzustellen sowie die Akzeptanz in der Bevölkerung für Abbaustätten zu erhöhen, ist nach Ansicht des Baukollegiums die Definition des jährlichen Bedarfs. Das Landesamt für Industrie und Gruben arbeite gerade daran.
Unterstützung vom Landesrat
In Wirtschaftslandesrat Marco Galateo scheint die Bauwirtschaft einen wichtigen Verbündeten zu haben. Erst vor einigen Wochen fand ein Treffen zwischen ihm und dem Baukollegium statt. Galateo ließ sich im Anschluss so zitieren: „Lokale Rohstoffe spielen eine entscheidende und strategische Rolle für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. Aus diesem Grund ist es von fundamentaler Bedeutung, dass eine ausreichende Anzahl von Abbaustandorten zur Verfügung steht, damit lokale Rohstoffe für die lokale Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden können.“
Auch in seiner Stellungnahme auf eine Landtagsanfrage des Team K zur Schottergrube Sarns ließ Marco Galateo keine Zweifel an seiner Einstellung aufkommen. Er betonte dabei, dass man durch genügend Schottergruben die Abhängigkeit von Importen verringern, die Lieferketten verkürzen und damit die Umwelt- und Logistikkosten senken könne. Zudem trage ein Netz regulierter Abbaustätten zum Erhalt des Beschäftigungsniveaus bei. Notwendig seien „eine sorgfältige Planung und eine nachhaltige Verwaltung der Abbauaktivitäten“.
Christian Grünfelder begrüßt das Verständnis des Landesrates, aber der Weg sei noch lang. Das Baukollegium hofft, dass die Landesregierung bei ihren Entscheidungen die verschiedenen Aspekte abwägt: „Besteht Schotterbedarf? Gibt es eine Umweltbelastung? Was überwiegt? Und was kann man tun, damit die Anrainer keinen Nachteil haben? In anderen Ländern wird die Rohstoffsicherung als öffentliches Interesse angesehen und entsprechend mitberücksichtigt.“
Bald eine erste Entscheidung
Und wie geht es derweil in Sarns weiter? Raumordnungs- und Umweltlandesrat Peter Brunner teilt auf SWZ-Anfrage mit, dass das Schottergrubenprojekt in den nächsten zwei bis drei Wochen in der Dienststellenkonferenz behandelt werden soll. „Sie entscheidet darüber, ob das Projekt der UVP-Pflicht unterliegt oder nicht“, erklärt Brunner. Die Klärung, ob eine Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig ist, ist ein erster verfahrensrechtlicher Schritt. Bis zu einer Genehmigung oder Ablehnung ist es dann noch ein längerer Weg.
Brunner selbst wird an Diskussionen und Entscheidungen der Landesregierung zu diesem Thema wohl wieder nicht teilnehmen, denn er ist befangen: Als Bürgermeister von Brixen, der er bis zum Spätsommer 2023 war, war er juristisch gegen das Projekt vorgegangen. Aus Brixen – das ist sicher – wird weiter heftiger Widerstand gegen diesen Schottergruben-Standort kommen, wie die Gemeindepolitik bereits angekündigt hat.















