Bozen – Wer nach Belegen dafür sucht, wie Olympische Spiele eine Region verändern können, stößt schnell auf ein deutliches Ungleichgewicht: Die Negativbeispiele überwiegen. Städte wie Rio (2016), Sotschi (2014) oder Athen (2004) stehen sinnbildlich für Orte, an denen die erhofften positiven Effekte weit hinter den immensen Investitionen zurückblieben. Sportstätten verfielen, soziale Spannungen nahmen zu, und öffentliche Haushalte kämpften noch Jahre später mit Milliardenlöchern.
Sichtbarkeit für Südtirol gleich null
Als Goldstandard gilt hingegen Barcelona. Die Olympischen Spiele 1992 wurden dort zum Katalysator einer umfassenden Stadterneuerung. Martin Schnitzer, Professor der Sportwissenschaft an der Universität Innsbruck mit Schwerpunkt Sportökonomie, erklärt: „Die Stadt hat sich damals einer regelrechten Verjüngungskur unterzogen.“ Anlässlich der Olympischen Spiele wurden u. a. der moderne Hafen erbaut, heute eines der beliebtesten Freizeit- und Ausgeh-Viertel in der Metropole, und Montjuc, der Hausberg der Stadt, aufgewertet. Der Tourismus zog daraufhin an. „Für Barcelona waren die Olympischen Spiele die Initialzündung. Die Stadt hat einen gänzlich neuen Stellenwert als Destination bekommen“, sagt Schnitzer. Auch Sydney (2000) zählt für den Experten zu den Erfolgsbeispielen.
Bei den anstehenden Spielen werden die Marken „Südtirol“ – genauso wie „Trentino“ – global kaum wahrnehmbar sein.
Beiden Orten sei ein Punkt gelungen, der Südtirol verwehrt bleiben werde: internationale Sichtbarkeit. „Das funktioniert naturgemäß besser, wenn eine Metropole im Mittelpunkt steht“, so Schnitzer. Bei den anstehenden Spielen werden die Marken „Südtirol“ – genauso wie „Trentino“ – global kaum wahrnehmbar sein. „Die großen Profiteure aus Sicht des ,Place branding‘ (einem Prozess, bei dem ein Ort zu einer Marke entwickelt wird, Anm. d. Red.) sind Mailand und Cortina“, sagt Schnitzer.
„Oft zu viel erwartet“
Konjunktureffekte dürfe Südtirol dennoch erwarten – aber in begrenztem Ausmaß. „Man sollte sie nicht überbewerten“, sagt Schnitzer. Und weiter: „Im Falle von Südtirol käme es, wenn dieses Event sich sehr stark auf den Tourismus auswirken würde, auch fast einem Versagen der letzten Jahrzehnte gleich, in denen man versucht hat, sich zu positionieren.“
Ein generelles Problem von Megaevents seien überzogene Erwartungen, sagt Sportökonom Schnitzer: „Der wirtschaftliche Effekt wird meist überschätzt.“

Ein generelles Problem von Megaevents seien überzogene Erwartungen: „Der wirtschaftliche Effekt wird meist überschätzt. Häufig ist unklar, welches langfristige Ziel verfolgt wird und wie die Veranstaltung in eine Gesamtstrategie eingebettet ist“, sagt Schnitzer.
In Südtirol, wo ohnehin über Overtourism diskutiert wird, dürfte ein Gästeplus kaum das erklärte Ziel sein. „Ich kann nur vermuten, dass das Ziel ist, das Biathlonzentrum langfristig zu positionieren, um so in den nächsten Jahrzehnten als Fixpunkt im Weltcupkalender zu stehen“, meint Schnitzer. Die Investitionen in Stadion, Straße und Bahn seien vor diesem Hintergrund „schlüssig und logisch – über die Dimensionen kann man natürlich diskutieren“.
Der neue Weg des IOC
Viele frühere Olympia-Ausgaben hinterließen verlassene Sportstätten und astronomische Schulden. „Das war nachweislich nicht nur für die Austragungsorte ein Problem, sondern für die gesamte Reputation der Megaevents. Die Bevölkerung hat aufgehört, daran zu glauben“, so Schnitzer. Entsprechend schwer fällt es dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) inzwischen, Gastgeber zu finden.
Mit Mailand-Cortina beschreitet das Komitee nun einen neuen Weg: Statt eine Stadt zur olympischen Bühne zu machen, wird das Event auf mehrere Orte aufgeteilt. „Früher undenkbar“, sagt Schnitzer, der den Schritt begrüßt. „Damit sinkt die Gefahr, Kathedralen in der Wüste zu bauen. Es werden mehr bestehende Anlagen genutzt und modernisiert.“
Die Bobbahn in Cortina weckt Erinnerungen
Dennoch wurde auch dieses Mal eine Sportstätte gebaut, die es bisher noch nicht gab und deren langfristige Nutzung in den Sternen steht: die Bobbahn in Cortina. Sie weckt Erinnerungen an Olympia 2006 in Turin: Damals hat Italien zwei Sportstätten gebaut, die heute vor sich hinvegetieren: die Bobbahn in Cesana und die Sprungschanzen in Pragelato. Das Bild werde sich in Cortina wiederholen, befürchtet Schnitzer. „Das IOC hätte flexibler sein und eine Austragung an einem anderen Ort im Ausland zulassen müssen.“
Derweil zeigt ein Blick nach Deutschland, dass olympische Bewerbungen wieder Zustimmung finden können: Rund 66 Prozent der Münchner:innen stimmten bei einem Bürgerentscheid für eine Bewerbung für die Spiele 2036, 2040 oder 2044. „Eine so hohe Zustimmung hat es bei Olympia schon lange nicht mehr gegeben“, sagt Schnitzer.
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: Was nach dem Feuer bleibt















