Bozen – Südtirols Arbeitsmarkt steht vor einer doppelten Verschiebung: Die Belegschaften altern, der Nachwuchs reicht vielerorts nicht aus – und die Arbeit verteilt sich weiterhin stark entlang klassischer Geschlechterrollen. Das zeigt eine neue Auswertung des Arbeitsförderungsinstituts (AFI), das auf Basis der lohnabhängigen Beschäftigung im Jahresschnitt 2025 sogenannte Beschäftigungspyramiden für die sechs Hauptsektoren der Privatwirtschaft sowie für drei Bereiche des öffentlichen Sektors erstellt hat. Besonders sichtbar wird der demografische Druck im öffentlichen Sektor, allen voran im Gesundheitswesen. Dort droht der Generationenwechsel zu spät zu kommen.
„Die Südtiroler Wirtschaft kann es sich nicht mehr leisten, sich bei der Rekrutierung in Lohnzurückhaltung zu üben, wie dies über Jahre hinweg der Fall war. Wir riskieren sonst, im mitteleuropäischen Wettbewerb um die besten Talente ins Hintertreffen zu geraten“, warnt AFI-Präsident Stefano Mellarini.
Der Nachwuchs fehlt
235.048 Personen waren im Jahresschnitt 2025 in Südtirol lohnabhängig beschäftigt. 75,8 Prozent davon arbeiteten in der Privatwirtschaft, 24,2 Prozent im öffentlichen Sektor. Auf den ersten Blick zeigt sich ein breiter Arbeitsmarkt. Auf den zweiten Blick aber wird sichtbar, wo die Spannungen wachsen.
In der Gesamtwirtschaft sind 21,0 Prozent der Beschäftigten unter 30 Jahre alt, 44,4 Prozent zwischen 30 und 49 und 34,6 Prozent älter als 50. 8,7 Prozent sind bereits über 60 und stehen damit kurz vor dem Pensionseintritt. Das Durchschnittsalter liegt bei 42,3 Jahren.
Die eigentliche Brisanz steckt im Vergleich der Generationen: Die über 50-Jährigen sind zahlenmäßig stärker als die unter 30-Jährigen. Die nachrückenden Jahrgänge können die anstehende Pensionierungswelle in den meisten Branchen rein zahlenmäßig nicht auffangen.
Männer dort, Frauen da
Südtirols Arbeitswelt bleibt stark nach Geschlechtern segmentiert. Produzierende Sektoren sind deutlich männlich geprägt: Im Baugewerbe liegt der Männeranteil bei 89,4 Prozent, im Verarbeitenden Gewerbe bei 78,7 Prozent, in der Landwirtschaft bei 63,0 Prozent.
Umgekehrt tragen Frauen vor allem jene Bereiche, die für das Gemeinwesen zentral sind: Im Gesundheitswesen liegt der Frauenanteil bei 79,5 Prozent, in Bildung und Unterricht bei 77,8 Prozent, in der öffentlichen Verwaltung bei 64,9 Prozent. Der Handel ist mit 51,7 Prozent Männern und 48,3 Prozent Frauen der am ausgewogensten besetzte Sektor.

Teilzeit bleibt weiblich
Auch bei der Arbeitszeit zeigt sich ein bekanntes Muster. Von allen Männern arbeitet rund jeder Neunte in Teilzeit, bei den Frauen nahezu jede Zweite. Konkret liegt die Teilzeitquote der Männer bei 11,7 Prozent, jene der Frauen bei 48,0 Prozent.
Zwar haben Männer in den vergangenen Jahren aufgeholt, dennoch bleibt Teilzeit überwiegend weiblich geprägt: 78,9 Prozent aller Teilzeitstellen entfallen auf Frauen, 21,1 Prozent auf Männer.
Die männerdominierten Branchen sind zugleich klassische Vollzeitsektoren. Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten ist im Baugewerbe mit 90,4 Prozent am höchsten, aber auch in der Landwirtschaft mit 89,1 Prozent und im Verarbeitenden Gewerbe mit 87,3 Prozent sehr hoch. In den stark weiblich geprägten Bereichen des öffentlichen Sektors liegt die Teilzeitquote dagegen deutlich höher: 48,0 Prozent im Gesundheitswesen, 43,1 Prozent in der Bildung und 40,0 Prozent in der öffentlichen Verwaltung.
Der öffentliche Sektor altert
Besonders deutlich wird der demografische Druck im öffentlichen Sektor. Dort sind die Belegschaften im Schnitt älter als in der Privatwirtschaft. Die öffentliche Verwaltung ist mit 49,3 Jahren der mit Abstand älteste Sektor. 57,6 Prozent der Beschäftigten sind dort über 50, 15,1 Prozent bereits über 60.
„Wird die Rekrutierung nicht unmittelbar deutlich intensiviert und beschleunigt, geraten Wohlfahrtsstaat und öffentliche Grunddienste zeitnah massiv unter Druck.“ Stefan Perini
Auch das Gesundheitswesen liegt mit einem Durchschnittsalter von 45,3 Jahren und 42,8 Prozent Beschäftigten über 50 deutlich über dem Schnitt. In Bildung und Unterricht beträgt das Durchschnittsalter 45,1 Jahre, 40,7 Prozent der Beschäftigten sind über 50.
„Hier rächt sich der jahrelange Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst“, sagt AFI-Direktor Stefan Perini. „Wird die Rekrutierung nicht unmittelbar deutlich intensiviert und beschleunigt, geraten Wohlfahrtsstaat und öffentliche Grunddienste zeitnah massiv unter Druck.“
Jung heißt nicht sorgenfrei
Nicht überall ist die Lage gleich. Das Gastgewerbe ist – sieht man vom Handwerk als Kategorie ab – mit einem Durchschnittsalter von 39,0 Jahren die jüngste Branche. 30,6 Prozent der Beschäftigten sind dort unter 30. Das Handwerk kommt sogar auf ein Durchschnittsalter von 37,9 Jahren und einen Anteil von 34,0 Prozent unter 30.
Doch auch das ist kein Grund zur Entwarnung. Gerade Branchen mit relativ junger Belegschaft müssen sich stärker mit ihrer Arbeitgeberattraktivität beschäftigen. Denn junge Menschen zu gewinnen ist nur der erste Schritt. Sie langfristig zu halten, wird zur eigentlichen Aufgabe.
Die Ressource Mensch wird knapp
Die anrollende Pensionierungswelle, geringer Nachwuchs, die Abwanderung von Fachkräften aus Südtirol und neue Formen ortsunabhängigen Arbeitens erhöhen den Druck auf die Arbeitgeber.
„Das Risiko der ‚virtuellen‘ Abwanderung ist in der öffentlichen Debatte noch stark unterbelichtet.“ Stefan Perini
Laut einer Studie von Mercer Italia liegt das durchschnittliche Brutto-Einstiegsgehalt für Hochschulabsolventen in Italien bei rund 32.000 Euro jährlich. In Deutschland und Österreich sind es rund 57.000 Euro, in der Schweiz etwa 90.000 Euro.
„Das Risiko der ‚virtuellen‘ Abwanderung ist in der öffentlichen Debatte noch stark unterbelichtet“, meint AFI-Direktor Stefan Perini. „Sie entsteht, wenn Südtiroler Arbeitskräfte ortsunabhängig für ausländische Arbeitgeber zu den Bedingungen im Arbeitgeberland arbeiten, rein übers Netz. Da alle fortgeschrittenen Volkswirtschaften einen ‚demografischen Winter‘ erleben, wird sich der Wettbewerb um die besten Talente in Europa noch weiter verschärfen.“

















