Innsbruck/Bozen – Was wäre, wenn Server, die ohnehin rund um die Uhr laufen und Wärme produzieren, nebenbei auch heizen würden? Genau diese Frage bildet den Kern des Innsbrucker Start-ups Serwas. Während weltweit ein Großteil der Wärme, die Server produzieren – sowohl kleinere als auch jene in großen Rechenzentren –, verpufft und die Infrastruktur zusätzlich gekühlt werden muss, verfolgt das Serwas-Team einen einfachen Gedanken: Ihre Server sollen nicht nur Daten liefern, sondern auch Wärme.
Von Backstube und Bitcoin …
Hinter der Idee stehen drei Gründer: Timo Berkmann, Lucas Bolte und der Südtiroler Manuel Untergasser. Zum Gespräch mit der SWZ schaltet sich dieser aus einem Coworking-Space der Universität Innsbruck und der Wirtschaftskammer Tirol zu, wo er gemeinsam mit Timo arbeitet. Lucas sitzt im Homeoffice in Lissabon.
Die Idee des Start-ups entstand, wie Manuel erzählt, in der Backstube der Familienbäckerei seines Mitgründers Timo. Als feststand, dass dieser den Familienbetrieb nicht übernehmen würde, entschloss sich der Vater, die Produktion zu reduzieren und nur noch am Wochenende Brot zu backen. Doch weil der Teig auch während der Vorbereitung stets eine gewisse Temperatur braucht, musste viel in die Heizung investiert werden. Timo, der einen Master in Gebäudetechnik absolviert hatte, kam auf die Idee, die nötige Wärme mittels eines Servers zu erzeugen, genauer: mittels eines Servers zum Minen von Bitcoin. Im Sommer, als die Heizenergie nicht gebraucht wurde, erwärmte der Server das Duschwasser.
Bei einem Treffen erzählte Timo Manuel – die zwei hatten sich im Laufe eines Auslandssemesters in New Orleans kennengelernt – von seinem Projekt. „Da haben wir entschieden: ,Wir versuchen, etwas Größeres daraus zu machen‘“, erzählt Manuel. Also kündigten die zwei ihre Jobs und widmeten sich ihrem Start-up.
… zu Servern und Schwimmbädern
Timo war von Beginn an für alles Technische zuständig, Manuel, der Wirtschaftswissenschaften studiert hat, für Fragen rund ums Wirtschaftliche. Dem Team habe aber ein Programmierer gefehlt. Diesen fanden sie in einem Bekannten, Lucas Bolte.
Zunächst blieben die drei bei der Ursprungsidee, mit Servern Kryptowährung zu minen und die Energie zum Heizen von Privathaushalten zu verwenden. Detail am Rande: Ein Südtiroler Start-up, Alpmine, hatte vor einigen Jahren eine ähnliche Businessidee (SWZ 26/23). „Wir haben aber bald erkannt, dass wir mit klassischer Rechenleistung einen deutlich sinnvolleren ökologischen und wirtschaftlichen Nutzen schaffen können“, so Manuel.
Das Betreiben klassischer Server sei gewinnbringender. Das Team entschied sich für einen Pivot, eine Neuausrichtung des Geschäftsmodells: weg von Bitcoin und Privathaushalten, hin zu klassischen Servern und neuen, größeren Kunden.

Das Businessmodell
Das neue Businessmodell sieht so aus: Serwas platziert einen Server in einem Gebäude, das das ganze Jahr über Bedarf an Heizenergie oder Warmwasser hat, etwa Schwimmbäder, Hotels, größere Gebäudekomplexe oder Fernheizwerke. Manuel erklärt: „Die Gebäudeinhaber geben uns ein paar Quadratmeter Platz, wir installieren den Server mit unserem Heizsystem und tragen die Investitionskosten. Die Wärme verkaufen wir günstig an die Betriebe, die Rechenleistung an externe Abnehmer.“
Damit hat das Start-up zwei Einnahmequellen: die verkaufte Wärme einerseits – auf der Website verspricht das Start-up Hallenbädern mehrere 10.000 Euro Ersparnis pro Jahr – und die verkaufte Rechenleistung andererseits. Gleichzeitig spart das Start-up Energie, die ansonsten zum Kühlen der Rechenzentren verwendet wird.
Im Wettbewerb mit Google und Microsoft?
Das Geschäft mit Rechenleistung, auf das Serwas setzt, ist ein wachsendes. Zahlreiche Tech-Unternehmen sind derzeit dabei, ihre Infrastruktur zu erweitern. Unter anderem Microsoft und das französische KI-Start-up Mistral AI haben angekündigt, gemeinsam zusätzliche Rechenzentren in Europa aufbauen zu wollen.
Kann ein Start-up aber gegen solche Namen bestehen? „Tech-Konzerne wie Google oder Microsoft setzen auf riesige Rechenzentren. Wir hingegen bauen eine dezentrale Serverinfrastruktur“, sagt Manuel. Der Vorteil von Serwas liege in der Geschwindigkeit: „Ein normales Rechenzentrum in Europa wird in fünf bis zehn Jahren gebaut. Wir haben unser erstes Pilotprojekt in fünf Monaten fertiggestellt“, so der Start-up-Gründer.
Die größte Herausforderung sieht Manuel Untergasser nicht in der Konkurrenz.
Die Rechenleistung von Serwas sei außerdem günstiger, weil sie sich für weniger komplexe Anwendungen eigne (man spricht in diesem Zusammenhang von „Low-Budget-Lösungen“). Damit konkurriere sie nicht mit den großen Lösungen von Google & Co. Verkauft wird die Rechenleistung von Serwas über eine Plattform, auf der auch andere Unternehmen ihre Serverkapazität anbieten.
Die Idee, die Abwärme von Servern zu nutzen, ist nicht völlig neu. Es gibt bereits einige größere Infrastrukturprojekte, bei denen mit Rechenleistung geheizt wird. Zudem haben auch andere Unternehmen und Start-ups diesen Bereich für sich entdeckt, darunter das deutsche Cloud&Heat und das britische Deep Green. Beide Unternehmen seien in anderen Bereichen als Serwas tätig, sagt Manuel: Eines konzentriere sich auf Projektmanagement, das andere auf große Infrastrukturprojekte. Die größte Herausforderung sieht der Gründer ohnehin nicht in der Konkurrenz.

Zwei zentrale Herausforderungen
Ein voll ausgestatteter Server kostet das Start-up laut Manuel Untergasser mehrere 100.000 Euro. Eine ordentliche Summe für ein Jungunternehmen. Tatsächlich sei die Deckung des Kapitalbedarfs die größte Herausforderung. „Wir hätten bereits Anfragen von mehreren anderen Standorten und könnten dort Server installieren. Momentan fehlt uns aber das notwendige Kapital.“
Bisher hat sich das Start-up mittels Förderungen und Bootstrapping, sprich Eigenmitteln der Gründer, finanziert. Zurzeit ist es dabei, eine Investmentrunde mit etwa 300.000 Euro abzuschließen, im Herbst plant es eine zweite Investmentrunde. Im September werden die Start-up-Gründer zudem beim Event „To the Peak“ in Bozen vor Investoren pitchen. Dort soll ein Start-up bei einem Pitch-Wettbewerb 460.000 Euro erhalten. Anders als die anderen Jungunternehmen muss Serwas nicht mehr in einer Vorauswahl bestehen: Timo Berkmann setzte sich unlängst mit seinem Pitch beim „Start-up BBQ“ des tba network in Brixen gegen vier weitere Start-ups durch und sicherte sich damit seinen Platz für den Wettbewerb.
„Ein entscheidender Erfolgsfaktor“
Aber zurück zu den Herausforderungen für das Start-up. Laut David Vinci, der bei Siemens Energy im Bereich der Netzinfrastruktur tätig ist und Serwas sowie andere Start-ups berät, dürfte der Kapitalbedarf ein lösbares Problem darstellen, unter anderem, weil „die anfänglichen Kosten im Verhältnis zum finanziellen Potenzial des Projekts nicht besonders hoch sind. Der Break-even wird vergleichsweise schnell erreicht, und die Kapitalrendite ist attraktiv“, so Vinci. Der Kapitalbedarf sei zwar groß, allerdings kein kritischer Aspekt.
Vinci nennt im Austausch mit der SWZ eine zweite Schwierigkeit: „Die größte Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, sicherzustellen, dass die technischen Standards den Anforderungen der äußerst anspruchsvollen Kunden entsprechen. Das wird tatsächlich ein entscheidender Erfolgsfaktor sein.“ Vinci zeigt sich überzeugt, dass das Start-up dies meistern wird: „Das Team ist nicht nur sehr umsetzungsstark, sondern versteht auch den Markt, seine Entwicklungen und die Erwartungen der Kunden sehr gut.“

Erste Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt
Seit Frühjahr dieses Jahres läuft ein erstes Pilotprojekt von Serwas in einem Schwimmbad in Innsbruck. Dort, in einem Heizraum, steht ein Server mitsamt Rohren, die mit dem Heizsystem des Schwimmbads verbunden sind. „Ein paar Dinge wollen wir noch verbessern, aber technisch funktioniert alles so, wie wir es uns vorgestellt hatten“, sagt Manuel.
Für sein System, das die Temperatur der Server-Chips direkt ans Heizsystem weitergibt, beabsichtigt das Start-up ein Patent anzumelden. Die erste Phase ist bereits geschafft. „Wir haben vom Patentamt die positive Rückmeldung erhalten, dass unser System patentierbar ist“, so Manuel. Ein Patent anzumelden, sei aufwendig und kostspielig, „aber es hebt unser System von anderen ab, und für viele Investoren ist es wichtig, dass wir nicht einfach kopiert werden können.“
Wie skalierbar ist die Idee?
Und will das Start-up wachsen und skalieren, muss es Investoren überzeugen. Apropos Skalierbarkeit: Manuel ist überzeugt, dass die Idee wachstumsfähig ist: „Im DACH-Raum gibt es 1.200 Schwimmbäder, die wir beheizen können. Zudem kommt jedes Hotel mit Pool infrage sowie öffentliche Einrichtungen und größere Gebäude.“ Die Installation und Wartung der Anlagen sollen an ein anderes Unternehmen ausgelagert werden.
Die nächsten Monate werden für das Start-up spannend: Die erwähnte Investmentrunde soll abgeschlossen und eine erste Mitarbeiterin bzw. ein erster Mitarbeiter für die Kundenakquise eingestellt werden. „Dann werden wir wirklich starten“, sagt Manuel. Und wo sieht er das Start-up in fünf oder zehn Jahren? „Hoffentlich ist es dann noch am Leben“, sagt er und lacht. Dann wird er ernst: „Unser Ziel ist es, in Europa zu den größten Anbietern von dezentraler Rechenleistung zu gehören.“ Ein ambitioniertes Vorhaben. Ob der Sprung in die 1.200 Schwimmbäder im DACH-Raum auch glückt, wird erst die Zukunft zeigen.
DIE SERIE In diesen Wochen stellt die SWZ im Zweiwochenrhythmus junge Unternehmen und deren Gründer:innen vor, so wie bereits in den vergangenen Jahren. Alle Artikel können hier und in der SWZapp nachgelesen werden.
Dieser Artikel erschien in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel: Der Server im Heizraum



















