Welsberg – Es ist Frühling 2020, die Straßen sind leer, die Welt steht still. Während draußen die Pandemie tobt, sitzen Gerry Oberschmied und Sylvia Burger zu Hause im Pustertal und beginnen zu träumen. „Es ist wieder an der Zeit, dass wir etwas probieren“, sagt Sylvia Burger damals. Ihr Mann nickt. Das Unternehmerpaar hat schon einige Projekte gestemmt, zusammen mit einem Teilhaber haben sie das Baubüro „Baukom“ aufgebaut sowie die Immobilienfirma „OG Projekt GmbH“. Auf dem Küchentisch: eine Skizze von 2019, der Impuls eines Golflehrers. Eine Box, in der man das ganze Jahr trainieren kann. Damals aus Zeitgründen aufgeschoben – jetzt der Beginn einer Reise.
„Es ist wieder an der Zeit, dass wir etwas probieren.“ Sylvia Burger
Ein Anfang im Stillstand
Gemeinsam mit einem technikaffinen Nachbarn entstehen erste Pläne: eine Box, robust wie ein Haus, flexibel wie ein Baukasten. „Wir wollten etwas schaffen, das es so noch nicht gibt“, sagt Gerry Oberschmied. Der Prototyp steht kurz darauf im Golfclub Pustertal. Bei schlechtem Wetter High-End-Simulator mit Netz, wenn die Sonne scheint: Leinwand hoch, Türen auf, der Schlag geht ins Freie. „Trackman, Marktführer bei Golfsimulatoren, bestätigte uns, dass es so etwas in dieser Qualität am Markt noch nicht gibt“, so der Unternehmer. Für das Ehepaar ist es mehr als ein Lob; es ist der Startschuss zu einem neuen Business.

Vom Golf zum Leben
„Wenn man eine Golfbox bauen kann, dann auch eine Bar – und ein Büro. Und wenn man ein Büro bauen kann, dann auch Wohnraum“, fasst Sylvia Burger zusammen. Aus der Golfbox wird ein System: Module mit 5,60 mal 2,50 Metern Grundfläche und rund drei Metern Höhe, stapelbar bis zu drei Geschossen, kombinierbar wie Lego. Das Konstruktionsherz: eine zehn Zentimeter dicke, fünffach verleimte Massivholzplatte; außen hinterlüftete, verzinkte, pulverbeschichtete Stahlpaneele – salzbeständig, wetterfest, langlebig. Technikkanäle liegen im Außenbereich und sind immer nachrüstbar. „Braucht man später eine Steckdose, bohrt man innen einmal durch – außen läuft alles sauber in Kanälen. Die Innenwand bleibt unberührt“, erklärt Oberschmied.
„Aufstellen, anschließen, los – vom Parkplatz zum Wohn- oder Arbeitsraum in wenigen Stunden.“ Gerry Oberschmied
Jede Box wiegt um die fünf Tonnen. Das ist Absicht. „Wir könnten leichter und billiger. Aber das wäre nicht unser Weg“, sagt der Chef. Lebensdauer? Eigentlich unzerstörbar. Nach 15 bis 20 Jahren lassen sich Paneele und Verkleidungen neu beschichten – optisch werden sie damit wie neu. „Wir wollen nicht die billigste Lösung sein, sondern die beste“, betont Burger.

Eine Box, kein Container
Das Ehepaar legt großen Wert auf Sprache. „Wir reagieren empfindlich auf das Wort ‚Container‘“, sagt Sylvia Burger. „Es sind keine Container, keine Hütten. Es sind Boxen.“ Der Name „My Safe“ entstand früh. „Uns war wichtig, dass er Sicherheit und Geborgenheit vermittelt“, erklärt Gerry Oberschmied. „Safe – das heißt Schutz. Gleichzeitig wollten wir Internationalität. Deshalb Englisch.“ Auch das Marketing ist hochwertig aufgebaut. Statt einfacher Flyer gibt es ein gebundenes Buch. „Ein Prospekt wirft man weg. Ein Buch behält man“, so der Unternehmer. Und Sylvia Burger fügt hinzu: „Unsere Box ist ein Raumversprechen.“
„Eine Box, robust wie ein Haus, flexibel wie ein Baukasten.“ Gerry Oberschmied
Dieses Versprechen zeigt sich nicht nur innen, sondern auch außen: Die Farben sind frei wählbar – von Schokobraun bis Corporate-Ton, von changierenden Standardbeschichtungen, die mit der Sonne spielen, bis zur Bühne der Extreme. Auf der Möbelmesse in Mailand kleideten die beiden eine Box in Chromspiegelfolie. „Sie verschwand fast im Licht“, erzählt Gerry Oberschmied, „man sah nur noch Reflexe.“
Aufstellen, anschließen, los
Zwischen Bestellung und Anlieferung vergehen rund sechs bis sieben Wochen. Produziert wird mit Handwerkern aus dem Pustertal – Elektriker, Hydrauliker, Tischler, Schlosser. „Alles Made in Südtirol“, sagt Oberschmied. Vor Ort reichen ein Parkplatz, Strom und Wasser; Tanks oder Photovoltaik lassen sich ergänzen. Die Inbetriebnahme ist oft eine Sache von Stunden. „Ein Hotel-Fitnessraum? Um 13 Uhr kommt der Kran, um 18.30 Uhr trainieren die ersten Gäste“, so der Unternehmer. Zeit ist der unsichtbare Luxus des modernen Lebens – und genau hier eröffnen die Boxen einen neuen Spielraum: „Man wartet nicht jahrelang auf Mauern, man wohnt, arbeitet oder trainiert sofort“, so Gerry Oberschmied.
„Im Grunde sind wir moderne Wunscherfüller.“ Sylvia Burger
Von Hotellerie über Landwirtschaft bis zur Pflege
Die Hotellerie nutzt Boxen als Mitarbeiterwohnungen – Parkplätze werden so vorbereitet, dass Module bei Bedarf andocken und nach der Saison wieder verschwinden. In der Landwirtschaft dienen sie als temporäre Quartiere für Erntehelfer:innen. Eventveranstalter:innen bestellen Bars und WCs, Fitnessstudios ziehen aufs Dach. Und in der Pflege? „Wenn Angehörige kurzfristig Betreuung brauchen, stellen wir eine Box in den Garten oder auf den Parkplatz. Wasser, Strom, Abfluss – fertig.“ Sylvia Burger lächelt: „Im Grunde sind wir moderne Wunscherfüller.“ Für eine begrenzte Zeitspanne brauche man zum Aufstellen keine Konzession, so das Unternehmerpaar.
My Safe ist kein Billigprodukt. „Es funktioniert ein bisschen wie beim Autokauf“, sagt Gerry Oberschmied. Eine leere, schlüsselfertige Basisbox startet bei etwa 35.000 Euro; WC-Module bei rund 45.000; eine voll ausgestattete Bar bei etwa 55.000. Wohnboxen kalkuliert My Safe individuell. Mieten kann man die Boxen natürlich auch.

Marke ohne Getöse
Die beiden sind ein Gegenwartspaar aus Handwerk und Haltung. Er: ehemaliger Tischler, Unternehmer und Entwickler. Sie: Organisatorin, Netzwerkerin, Markenfrau. „Ohne Sylvia gäbe es keine Kampagnen und keine klare Linie nach außen“, sagt Oberschmied. „Und ohne Gerry gäbe es keine Marke My Safe“, kontert die Unternehmerin und lacht. Nach leichten Startschwierigkeiten, da die Anschaffung einer Box doch eine Investition ist, schärft das Ehepaar nun in Zusammenarbeit mit einer Bozner Agentur die Positionierung und den Auftritt – neues Logo, neue Website, klare Bildsprache sind in Ausarbeitung. Boxen stehen bereits an verschiedenen Orten in Südtirol, in Frankfurt, am Gardasee, in Monfalcone am Meer. Aber es sollen mehr werden …
Qualität als Kultur, Mobilität als Methode
My Safe ist ein Start-up mit jahrzehntelanger Erfahrung im Rücken. „Wir sind keine Ingenieure, aber sehr gute Handwerker“, sagt Oberschmied. Das Unternehmen arbeitet mit Minimalpersonal, die Region trägt den Rest. Das Kapital für das Start-up kommt aus der Immobilienfirma, ein stiller Teilhaber gibt Rückhalt. Was ist die Strategie? Fokussiert bleiben, auch wenn die Ideen sprudeln: Saunabox, Garage mit PV, E-Ladestation. „Am Ende des Tages kann ich alles reinmachen“, sagt Gerry Oberschmied. „Aber nicht alles auf einmal“, ergänzt seine Frau lächelnd.
„My Safe bedeutet Sicherheit – und Wert“, sagt Sylvia Burger zum Schluss. Geborgenheit, die man besitzt, aber nicht festnagelt. Räume, die reisen. Räume auf Abruf.
DIE SERIE In den letzten Wochen stellte die SWZ junge Unternehmen und deren Gründer:innen vor, so wie bereits in den vergangenen Jahren. Mit dem Teil über „My Safe – Not Just a Box“ endet die diesjährige Start-up-Serie. Alle Artikel, auch jene der vergangenen Jahre, können hier und in der SWZapp nachgelesen werden.




















