Sieben Jahre habe ich in der Pflichtschule Italienisch gelernt – wenn ich ehrlich bin, mit recht bescheidenen Erfolgen, obwohl mir eine Italienischlehrerin einmal einen gleichaltrigen italienischen Brieffreund aus Gargazon vermittelt hat. Er schrieb mir Briefe auf Deutsch, ich antwortete auf Italienisch, aber es war klar, dass wir uns ohne Helfer im Hintergrund nie und nimmer hätten verständigen können. Ich hatte einfach zu wenig Gelegenheit, mich im mündlichen Umgang zu üben. Wären da nicht das italienische Fernsehen gewesen und fünf Jahre deutsches Realgymnasium in Bozen, hätte ich die Sprache Dantes wohl nie einigermaßen gut erlernt. Die Schule selbst bzw. der Italienischunterricht dort waren hilfreich, aber als entscheidend finde ich heute, dass ich in dieser Zeit in der Stadt wohnte und immer wieder Kontakte mit Italienern hatte, in Geschäften und Ämtern, aber auch mit Gleichaltrigen. Da meine Kenntnisse recht ordentlich waren, habe ich noch während meines Studiums die Zweisprachigkeitsprüfung abgelegt.
In den 1970er Jahren war die italienische Sprache in Südtirol aufgrund des Sprachgruppenverhältnisses zwar nicht dominierend, aber Voraussetzung, um sich im täglichen Leben und im beruflichen Umfeld zurechtzufinden. In der öffentlichen Verwaltung gab es zwar bereits die Zweisprachigkeitspflicht, aber diese stand noch vielfach nur auf dem Papier, da die italienischsprachigen Beamten meist kein Deutsch beherrschten. Ohne Italienischkenntnisse war man bei Kontakten mit staatlichen und manchen kommunalen Ämtern aufgeschmissen, wie es auf Südtirolerisch heißt. Sogar die Versendung eines Einschreibebriefes bei einem Postamt auf dem Lande konnte jenen Schwierigkeiten bereiten, die nicht oder kaum Italienisch konnten. Ärzte im Bozner Krankenhaus, Steuerbeamte oder Verkehrspolizisten erwarteten ganz einfach, dass die Bürger italienisch mit ihnen redeten. Italienischkenntnisse erleichterten den Südtirolern deutscher Muttersprache das Leben und ermöglichten ihnen ein besseres berufliches Fortkommen. Meine Eltern, die in der Zeit des Faschismus die italienische Schule besucht hatten, schlugen sich da gut und leiteten uns Kinder an, die zweite Landessprache zu lernen, die sie nicht unbedingt liebten, aber nie gering schätzten, und von der sie sagten, sie sei eine Bereicherung und ein Schlüssel zum Erfolg.
45 Jahre nach Inkrafttreten des Zweiten Autonomiestatuts ist Südtirol insofern deutscher geworden, als es heute möglich ist, sich hierzulande auch ohne Italienischkenntnisse zurechtzufinden. In den allermeisten öffentlichen Einrichtungen sprechen auch die italienischen Bediensteten leidlich deutsch, und im Gegensatz zu früher sind sie mehrheitlich auch bereit, ja bemüht, Auskünfte auch auf Deutsch zu geben. Sogar der amtierende Bozner Bürgermeister versucht sich mit einigem Erfolg in der deutschen Sprache, sein Vorgänger tat sich da noch leichter. Auch einige italienische Landtagsabgeordnete sind in der Lage, Interviews auf Deutsch zu geben, und bei Versammlungen des Unternehmerverbandes, bei denen vor 30 Jahren die Italiener nur Bahnhof verstanden, wenn Deutsch gesprochen wurde, sehe ich heute nur mehr wenige Teilnehmer, die die Kopfhörer benutzen, um den Reden in der anderen Landessprache folgen zu können. Immer wieder bin ich überrascht, wie gut Deutsch heute manche Italiener können.
Ich habe damit ein Problem. Es kommt häufig vor, dass ich im Zuge von Recherchen zu einem Artikel Auskünfte brauche und Leute kontaktiere, deren Namen mir verraten, dass es sich um Italiener handelt. Ich beginne das Gespräch dann in italienischer Sprache, aber immer öfter antworten sie mir dann auf Deutsch, als wollten sie mir zeigen, dass sie sehr wohl zweisprachig sind. Ich habe den Eindruck, dass sie stolz sind auf ihre Kenntnisse und nicht aus der Übung kommen wollen. Denn was nützt es ihnen, dass sie mühsam die schwierige Sprache Goethes gelernt haben, wenn ihre Südtiroler Gesprächspartner dann italienisch mit ihnen sprechen? Mir geht es jedoch genauso: Mein Italienisch verkümmert, wenn ich es nicht ständig übe. Sprecht doch Italienisch mit mir, wünsche ich mir dann insgeheim. Soll ich in Zukunft ausdrücklich auf mein Recht, die Muttersprache zu gebrauchen, verzichten, um nicht immer nur deutsch reden zu müssen?
Ein guter Bekannter, dem ich mein Problem geschildert habe, winkte ab. „Deine Lagebeschreibung entspricht nicht den Tatsachen“, meinte er. „Versuch es einmal bei der Bozner Gemeindeverwaltung, da triffst du jede Menge Leute, die zwar eine Zweisprachigkeitszulage erhalten, aber kein Wort Deutsch sprechen, entweder weil sie es nicht können, oder weil sie sich grundsätzlich weigern. Und während es die einheimischen Italiener selbstverständlich finden, in einem Almgasthof in ihrer Muttersprache bedient zu werden, erntest du in Geschäften in Bozner Volkswohnvierteln nur Unverständnis, wenn du deutsch sprichst.“
Ich kenne, so scheint es mir, einfach die falschen Leute. Weil ich jedoch in Übung bleiben will, bitte ich diese: Sprecht doch italienisch mit mir!















