Meran – Sophie Huber hatte schon einen Plan B, als sie sich selbstständig machte. Hätte das Unternehmen nicht genug Aufträge bekommen, hätte sie gekellnert – Gespräche mit Restaurants hatte sie bereits geführt. Doch der Plan blieb in der Schublade. Denn Studio frizzante, das Kreativstudio, das die 30-Jährige mit ihrer Bekannten Anja Plank gründete, hat mehr als genug Aufträge. „Oft kann ich es selbst kaum glauben“, sagt sie und lacht – ein Lachen, das ansteckt.
Ein bunter Mensch – innen und außen
Wer ihre Wohnung in Obermais betritt, spürt sofort: Hier lebt jemand, der Kunst liebt. Ruhige Beige- und Brauntöne schaffen Geborgenheit, vieles ist aus Holz. Dazwischen setzen bunte Details Akzente: eine handbemalte Vase in Gelb, Rosa und Türkis, ein blau-weißes Bild einer Frau auf einem Sessel, eine orangefarbene Teekanne. Und mittendrin Sophie, mit frechen Sommersprossen, gewelltem Haar und einem auffälligen Blazer mit Blumenmuster in Rot, Blau, Bordeaux und Rosa. Ihre Augen, stechend blau, lachen das ganze Gespräch über. „Ich bin ein bunter Mensch“, sagt sie.
Bunt – weil sie Farben liebt und eine kreative Ader hat. Und bunt im übertragenen Sinn, weil sie viele Leidenschaften in sich vereint: Schauspiel, Bücher, Sprache, Menschen. „Mich fasziniert, wenn jemand für etwas brennt – egal wofür.“ Dann könne sie es kaum erwarten, dieses Gefühl in einen Text oder in ein Markenkonzept zu gießen. Genau das ist ihr Part bei Studio frizzante.
Sophie lacht viel während des Gesprächs. Ihre Ausstrahlung ist positiv, genauso wie ihre Art zu sprechen, und wohl auch zu denken.
Das Studio versteht sich als ein Ort, an dem Marken und -konzepte entstehen, erklärt Sophie. Mit „Studio“ wolle man sich von großen Agenturen abheben. „Frizzante“ hingegen beschreibe die zwei Gründerinnen, die oft vor Ideen sprudeln wie ein Glas Sekt. Der Name sei treffend, aber nicht von ihr, sondern von einer Bekannten. „Das schmerzt mich als Texterin natürlich ein bisschen“, sagt sie und lacht. Sophie lacht viel während des Gesprächs. Ihre Ausstrahlung ist positiv, genauso wie ihre Art zu sprechen, und wohl auch zu denken: Das Positive, das, was Freude bereitet, überwiegt.
Marken mit Gefühl
Bei Studio frizzante ist Sophie für alles zuständig, was mit Worten zu tun hat: Websites, Plakattexte, Broschüren. Ihre Mitgründerin Anja Plank, Grafikdesignerin, kümmert sich um alles Visuelle. „Wobei wir eng zusammenarbeiten.“ Der Claim des Unternehmens, der direkt unter dem orangefarbenen Logo steht, lautet „Marken mit Gefühl“. Sophie scherzt: „Sonst könnte Studio frizzante ja auch für einen Saftladen stehen.“

Erst vor zwei Tagen haben die beiden ein Projekt abgeschlossen: ein 140-seitiges Jubiläumsbuch für ein Unternehmen. Zuvor arbeiteten die „frizzis“ – so nennen sie sich selbst – mit einer Schokolademanufaktur, einem Logistikunternehmen, Hotels und der Bierbrauerei Freedl zusammen. Für diese entwickelten sie den Markenauftritt für ein neues Produkt, einen „sparkling tea“. Sein Name: Amantè, ein Wortspiel aus den italienischen Worten „amante“ und „tè“. „Ich liebe Sprache“, sagt Sophie.
Diese Leidenschaft, gepaart mit Kreativität, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr bisheriges Leben. Schon im Vorschulalter stand sie zum ersten Mal auf einer Theaterbühne. Nach und nach wurden die Aufführungen professioneller. Sophie lernte, wie Sprache wirkt, wie Betonung Texte verändert.
Liebe für die Bühne
Während andere Kinder sich lieber auf dem Spielplatz austobten, fand Sophie nichts schöner, als Regiebücher zu lesen und sich Texte einzuprägen. „Oft habe ich in der Pause heimlich Texte gelernt“, erinnert sie sich. Nachmittags übte sie vor dem Spiegel, tauchte in neue Welten und Rollen ein: Mal war sie der Fuchs in „Der kleine Prinz“, mal ein Räuber. Erst vor wenigen Jahren gab sie das Theaterspielen auf, zuletzt stand sie bei den Meraner Festspielen auf der Bühne. „Am liebsten würde ich noch heute schauspielern. Aber ich würde dann wieder 100 Prozent geben wollen – und dafür habe ich momentan keine Zeit“, sagt sie.
Parallel zum Theaterspielen begann Sophie im Grundschulalter, Geschichten zu schreiben. „Ich war die, die anstatt Fußball zu spielen, am Feldrand saß und das Geschehen beschrieb.“ Dinge zu beschreiben, nicht nur sachlich, sondern mit Gefühl, fasziniert sie bis heute. „Dann muss man genau hinschauen, Dinge nicht nur eindimensional betrachten, sondern in ihrer Gesamtheit wahrnehmen. Das entschleunigt.“ Sich selbst hat sie vor einigen Jahren in einem Autorentext für das Magazin barfuss so charakterisiert: „Wird zwar rot beim Lügen, aber übertreibt grundsätzlich, wenn sie Geschichten erzählt. […] Kann nicht zwinkern, dafür aber mit den Ohren wackeln.“
Ihre Freizeit füllt Sophie mit allem, was die Zeit langsamer macht: zeichnen, basteln, lesen. Im Urlaub ist sie am liebstem mit dem Rad unterwegs. Vom Fahrradsattel aus betrachte sie Dinge in einem anderen Tempo als vom Autositz.
„Das ist die mit MS“
In der Oberschule – sie besuchte das Humanistische Gymnasium mit Schwerpunkt Französisch – nahm sie an Kursen und Workshops zu Sprachförderung und Schreibwerkstätten teil, auch Rhetorikkurse besuchte sie. Dann folgte das Studium: Bachelor in Kunstgeschichte und Deutsche Philologie, Master in Medienwissenschaft. Anschließend arbeitete sie mehrere Jahre lang bei der Werbeagentur succus in Bozen, unter anderem im Bereich Content Creation. „Das Schreiben war schon immer mein Ding“, sagt Sophie. Viele kennen sie als die, die schon als Kind gerne Geschichten verfasste. Damit sei das Texten Teil ihrer Personenmarke.
Zu dieser Marke gehört auch ihre Krankheit, Multiple Sklerose. Dass sie erwähnt wird, ist ihr wichtig. „Gerade im Business sind Krankheiten oft wenig sichtbar“, findet die 30-Jährige.
Jeder Mensch, jede Marke, werde mit Themen verbunden. „Die Frage ist: Habe ich diese Themen selbst gewählt oder bringen mich andere damit in Verbindung? Bei mir sagen viele ,Kennst du Sophie? Das ist die mit MS.‘“ Als ihr das klar wurde, entschied sie, selbst über ihre Krankheit zu sprechen: in Instagram-Posts, in Fernsehbeiträgen, in Zeitungsinterviews. „Wenn man solche Informationen über sich preisgibt, verliert man an Macht. Aber indem man den Diskurs selbst gestaltet, bekommt man einen Teil davon wieder zurück“, findet die 30-Jährige.
Krankheit der 1.000 Gesichter
Multiple Sklerose ist eine autoimmune, chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie verläuft meist in Schüben und kann unterschiedliche Verlaufsformen haben, daher der Name „Krankheit der 1.000 Gesichter“. Bei Sophie kam der erste Schub 2014. „Damals war meine rechte Hand taub. Ich hatte kaum noch Kraft. Geblieben ist ein Tremor“, sagt Sophie und hält die leicht zitternde Hand. „Blöd, weil es genau die rechte Hand ist, die Hand, mit der ich schreibe.“
Sie ging zu einem Handchirurgen, er diagnostizierte ihr eine Karpaltunnelentzündung. Ein Jahr später folgte der nächste Schub der Krankheit.
„Es ist kein schwermütiges Gefühl, das in Wellen kommt. Es ist eher etwas, das ich mitdenken und organisieren muss.“
Sie hatte gerade mit ihrem Studium in Wien angefangen, verbrachte Weihnachten zu Hause in Meran. Plötzlich spürte sie ihre Füße nicht mehr. „Es fühlte sich an, wie wenn ich auf Watte gehen würde“, erinnert sie sich. Sie wandte sich an die Erste Hilfe, war mehrere Wochen im Krankenhaus, sprach mit Ärzten, machte Tests. Nach einer Weile folgte die Diagnose: Multiple Sklerose.
Heute gehe es ihr gut, sagt sie, abgesehen von einigen Begleiterscheinungen. Einmal im Monat bekommt sie im Krankenhaus Spritzen, die den Verlauf der Krankheit bremsen. In einem Gespräch mit der Wochenzeitung ff im vergangenen Jahr sagte sie: „MS spielt in meinem Leben nicht die Haupt-, sondern nur eine Nebenrolle.“ Dennoch vergehe kein Tag, sagt Sophie, an dem sie nicht an die Krankheit denke. „Es ist kein schwermütiges Gefühl, das in Wellen kommt. Es ist eher etwas, das ich mitdenken und organisieren muss.“
Das Leben gestalten
MS gibt ihrem Leben Tiefe. Dinge, die andere vielleicht aus der Bahn werfen, begegnet sie oft mit einem Schulterzucken. Und umso mehr achtet sie darauf, das zu tun, was ihr Freude macht. „Mein Leben zu gestalten ist wohl auch deshalb so etwas Schönes für mich, weil ich manche Dinge in meinem Leben einfach nicht mitgestalten kann.“
Ihr neuestes Werk ist Studio frizzante. Die Angst vor zu wenig Aufträgen erwies sich als unbegründet: Sophie und Anja sind für heuer und den Großteil des kommenden Jahres ausgebucht. Kellnern musste sie also nicht. „Ich darf heute genau das tun, was mir Spaß macht“, sagt sie.
Während der Uni habe sie stets gesagt, sie wolle ein Leben lang studieren, weil sie es so gerne tat. „Meine Arbeit fühlt sich für mich an, als würde ich jeden Tag studieren. Plötzlich muss ich mich in Themen einarbeiten, die vorher gar keine Rolle spielten.“ Auch privat ist sie an vielem interessiert, taucht gerne tief in Themen ein. Oft nimmt sie sich ein Thema vor und verbringt einen ganzen Monat damit – liest, schaut und hört alles dazu, um es wirklich zu durchdringen.
Diese Neugier begleitet Sophie seit der Kindheit. Mit vier packte sie Koffer und Teddy und erklärte ihrer Mutter: „Ich habe hier alles gesehen. Jetzt suche ich mir eine neue Familie.“ Nicht, weil sie unglücklich war, sondern weil sie wissen wollte, wie andere Familien leben.
Irgendwann möchte die 30-Jährige ein Buch schreiben. „Nicht für einen Kunden, sondern für mich selbst, so wie ich es möchte“, sagt sie. Und wie könnte der Titel lauten? „Tu’s doch“, sagt Sophie. Es klingt wie eine Aufforderung, nicht nur an sie selbst, sondern an alle, die ihr zuhören. Und wer sie kennt, spürt: Sie wird es tun. Und sie wird es mit einem Lächeln tun.
DIE SERIE In der Serie „Jung & hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle bisher erschienenen Artikel aus der Reihe finden Sie hier und in der SWZapp.




















