Andrian – Am vergangenen Freitag trafen sich Südtirols Bürgermeister:innen im Festsaal der Gemeinde Bozen, um einen neuen Präsidenten des Gemeindenverbands zu wählen. Nach zwölf Jahren im Amt schaffte Andreas Schatzer die Wiederwahl nicht. Der neue Gemeindenverbandspräsident heißt Dominik Oberstaller. Vor drei Jahren wurde er mit damals 29 Jahren zum jüngsten Bürgermeister des Landes gewählt.
Im Festsaal der Gemeinde Bozen saß am Freitag auch der derzeit jüngste Erste Bürger Südtirols: Georg Profanter, 28. 242 Andrianer:innen, 54 Prozent, entschieden sich bei der Wahl im Mai für ihn.
Überraschend war seine Wahl nicht nur für Außenstehende. Auch im Dorf gab es zunächst Skepsis: Ein junger Bürgermeister, noch dazu ohne den üblichen politischen Habitus – wie sollte das funktionieren? „Man muss sich nicht verstellen“, sagt er. „Wichtig ist, dass man ehrlich auftritt und zuhört.“ Genau das hat er sich für seine Amtszeit vorgenommen: Politik für jene zu machen, die anderswo gerne zu kurz kommen – die Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Der erste Anlauf mit 22, Wahlsieg mit 28
Die politische Laufbahn Profanters begann früh – und gleich mit einem Wagnis. Mit gerade einmal 22 Jahren ließ er sich erstmals zur Kandidatur für den Bürgermeisterposten überreden. „Damals habe ich gewusst, dass es eigentlich fast unmöglich ist – schließlich bin ich gegen den amtierenden Bürgermeister angetreten“, erzählt er rückblickend. Er kandidierte, wie auch in diesem Jahr, für die Dorfliste Andrian. Am Ende verlor er die Wahl erwartungsgemäß, doch die Niederlage bedeutete nicht das Aus. Er wurde trotzdem in den Gemeinderat gewählt, arbeitete dort fünf Jahre lang mit und gewann erste politische Erfahrung. „Im Nachhinein war das sehr wertvoll“, betont er. „Ich habe gelernt, wie die Verwaltung funktioniert, welche Themen die Leute bewegen und wie man auch als Minderheitsliste im Gemeinderat etwas erreichen kann.“
„Es gibt Leute, die nicht an mich glauben und die auch nicht zufrieden sein werden. Aber jetzt bin ich am Zug. Jetzt muss ich liefern.“
Fünf Jahre nach seiner ersten Kandidatur bot sich eine neue Chance: Der amtierende Bürgermeister trat nicht mehr an, ebenso wenig sein Stellvertreter. Für Profanter und seine Liste war damit klar, dass es dieses Mal mit der Wahl eher klappen könnte. „Vor fünf Jahren habe ich verloren, aber ich habe damals verhältnismäßig nicht schlecht abgeschnitten – für einen 22-Jährigen, der gegen einen amtierenden Bürgermeister antritt“, findet er.
Am Ende entschied er die Wahl für sich: 54 Prozent der Wähler:innen stimmten für ihn. „Das war kein Erdrutschsieg, aber ein großer Erfolg“, sagt er. „Man muss bedenken, dass wir vor fünf Jahren nur 35 Prozent der Stimmen erreicht hatten.“ Zugleich weiß er, dass die knappe Mehrheit auch eine große Verpflichtung mit sich bringt. „Es gibt Leute, die nicht an mich glauben und die auch nicht zufrieden sein werden. Aber jetzt bin ich am Zug. Jetzt muss ich liefern.“
Politik für die Jüngeren
Wenn Profanter über Politik spricht, landet er schnell bei seinem Herzensthema: der Jugend. Das ist kein Zufall, denn beruflich ist er nach wie vor Streetworker beim Jugenddienst Meran, zusätzlich Mitglied im Landesjugendbeirat und in Andrian Jugendreferent. „Wenn ich schon die Kompetenzen habe, übernehme ich auch die Verantwortung“, sagt er. „In den nächsten fünf Jahren möchte ich im Dorf für die Jugend etwas tun – ihnen den Platz geben, den sie brauchen.“
Konkret heißt das für ihn: mehr Räume, mehr Mitsprache, mehr Begegnung. „Wir haben zwar einen Jugendraum im Dorf, der super funktioniert, aber es braucht mehr“, betont er. Ein neuer Jugendbeirat wurde im Gemeinderat bereits eingesetzt, und Profanter plant regelmäßige Treffen. Dabei will er nicht fertige Konzepte präsentieren, sondern zuerst zuhören. „Mir ist wichtig zu fragen: Was braucht ihr? Was wünscht ihr euch im Dorf? Was machen wir gemeinsam?“
Dass sich die beiden Rollen – Bürgermeister und Streetworker – überschneiden, ist für Georg Profanter offensichtlich. „Es gibt sehr viele Parallelen“, sagt er. „Man arbeitet in beiden Funktionen mit Menschen, man muss diplomatisch sein und man muss sich mit der Öffentlichkeit verstehen.“ Als Bürgermeister seien es die Bürger:innen, als Streetworker die Jugendlichen, Geldgeber und politischen Stellen. „Es ist für mich eigentlich ein guter Ausgleich – einmal Führungsperson, einmal Angestellter“, erklärt er.
Auf die Frage, was der Streetworker Georg zum Bürgermeister Georg sagen würde, antwortet er schmunzelnd: „Mach’s besser.“ Schließlich weiß er, wie stark Jugendarbeit von politischem Willen abhängt.
Ein Dorf mit Leben
Große Konfliktprojekte, die das Dorf spalten, sieht Profanter derzeit nicht. „Wir sind geografisch ein bisschen abgeschottet – kein Durchzugsgebiet, kein Massentourismus“, erklärt er. Das bringe Vorteile mit sich; Probleme wie in größeren Gemeinden – etwa Verkehr oder touristischen Druck – gebe es kaum.
Georg Profanter will kein Erster Bürger sein, der in eine Rolle schlüpft, die nicht zu ihm passt. „Authentisch sein – das habe ich in der Jugendarbeit gelernt“, betont er.
Doch auch in Andrian gibt es Zukunftsfragen, die ihn beschäftigen. „Ein großes Thema ist leistbares und gefördertes Wohnen“, sagt er. Besonders junge Menschen seien davon betroffen. Gleichzeitig will er das Dorfleben nach der Pandemie wiederbeleben: „Man merkt einen ,Cut‘ zwischen vor 2020 und nach 2020. Da ist Andrian nicht verschont geblieben. Ich möchte, dass wir wieder mehr Leben ins Dorf bringen – durch Veranstaltungen, Vereine, durch eine Mischung aus Traditionellem und Modernem.“ Ihm sei es wichtig, so nah wie möglich an den Mitbürger:innen dran zu sein. An das „Herr Bürgermeister“ werde er sich nur schwer gewöhnen, erzählt er mit einem Lächeln.
Georg Profanter will kein Erster Bürger sein, der in eine Rolle schlüpft, die nicht zu ihm passt. „Authentisch sein – das habe ich in der Jugendarbeit gelernt“, betont er. Das bedeutet für ihn, auch in der jeweiligen Funktion so aufzutreten, wie er ist. „Ich verwende als Streetworker nicht künstlich die Wörter, die die 16-Jährigen benutzen. Das wirkt nicht echt.“ In der Politik wolle er sich auch nicht verstellen.
„Ich habe gesagt, ich komme nicht mit Allstars in die Gemeinde – aber manchmal werde ich es trotzdem vielleicht tun, weil das einfach ich bin“, erzählt er lachend. Den Leuten will er so begegnen, wie er selbst ist – nicht versteckt hinter einer Maske.
Berufliche Umschulung
Profanters Berufsweg war ursprünglich ein anderer. „Ich bin eigentlich gelernter Tischler“, sagt er. Er besuchte die Berufsschule und arbeitete einige Zeit in einer Tischlerei, merkte aber schnell, dass es nicht das Richtige war. „Den ganzen Tag in der Werkstatt zu stehen, das hat mich nicht erfüllt.“ Die Coronapandemie brachte schließlich den Bruch – und die Gelegenheit, sich neu zu orientieren.
Über Umwege kam er zum Jugenddienst Meran. „Ich habe mich damals beworben, dann lange nichts gehört – und nach eineinhalb Monaten wurde ich plötzlich zum Vorstellungsgespräch eingeladen“, erinnert er sich. Die Probezeit sei besonders gewesen: „Man wird die ersten drei Monate durch alle Abteilungen geschickt. Offene Jugendarbeit, Streetwork, Sommerprojekte – alles.“ Zunächst blieb er für vier Jahre in der Abteilung für offene Jugendarbeit, bis er im letzten Jahr den Schritt zum Streetworker machte.
Die zwei Feuerwehren
Ehrenamtlich engagiert sich Profanter seit Jahren in Vereinen und Projekten. „Ich glaube, der einzige Verein, der mir im Dorf noch fehlt, ist der Kirchenchor. Es ist wohl für beide das Beste, wenn das auch so bleibt“, sagt er lachend. Tatsächlich ist er seit Jahren in vielen Bereichen aktiv: bei der Feuerwehr, der Jungschar, bei der Bauernjugend als Obmann, früher auch als Fußballspieler und später als Trainer. Doch damit nicht genug: Mittlerweile wohnt Andrians Bürgermeister in Perdonig in Eppan und ist – wie könnte es auch anders sein – auch dort bei der Feuerwehr.
Zwischen seinem Job, den Vereinen und seiner Arbeit als Bürgermeister ist Profanter viel unterwegs. „Das Auto ist ein bisschen mein zweites Büro“, erzählt er. „Ich habe immer ein Hemd und einen Pullover dabei, damit ich für jeden Fall gerüstet bin.“
Als Mensch sei Profanter jemand, sagt er, der „einfach sein Ding macht“. „Ich habe selten weit vorausgeplant, sondern die Dinge genommen, wie sie kamen.“
Auch die Musik spielte lange eine Rolle in seinem Leben. Mit Freunden gründete er die Band „Low Five“ – zunächst eher aus einer Laune heraus, später wurde es ernster. „Wir sind alle aus dem gleichen Dorf, haben ,gejammt‘, und irgendwann kam ein Sänger dazu. Das ist jetzt fast zehn Jahre her.“ Doch seit seiner Wahl zum Ersten Bürger musste er nach und nach die Band aufgeben. „Es wäre den anderen gegenüber nicht fair gewesen, wenn sie ständig auf mich Rücksicht nehmen müssten. Ich habe gesagt: Ich bin Bürgermeister, das muss ich ernst nehmen. Und sie haben das zum Glück verstanden und mich in meiner Entscheidung unterstützt.“
„Ich habe immer mein Ding gemacht“
Als Mensch sei Profanter jemand, sagt er, der „einfach sein Ding macht“. „Ich habe selten weit vorausgeplant, sondern die Dinge genommen, wie sie kamen.“ Entscheidungen habe er manchmal aus dem Bauch heraus getroffen – ob auf dem Schulweg, im Beruf oder in der Politik. Rückblickend würde er manches vielleicht anders machen, doch er bereue nichts, sagt er. „Sicher, eine andere Schule wäre vielleicht besser gewesen. Aber am Ende bin ich zufrieden, wo ich jetzt stehe.“
Er weiß auch, dass er nicht alle überzeugen kann: „Es wird immer Leute geben, die gegen mich sind. Es ist utopisch zu glauben, man könne zu 100 Prozent überzeugen.“ Sein Ziel ist aber klar: „Von 54 Prozent will ich es schaffen, dass in ein paar Jahren mehr Menschen von meiner Arbeit überzeugt sind. Wenn mir das gelingt, ist es der beste Beweis, dass wir gut gearbeitet haben.“
Wie geht’s weiter?
Profanter ist seit Mai Bürgermeister – und schon jetzt macht er sich Gedanken darüber, wie lange er dieses Amt ausüben möchte. „In zehn Jahren sehe ich mich sicher nicht mehr hier“, sagt er überraschend bestimmt. Ob es auch zur zweiten Amtszeit kommt, wird Profanter jedoch erst in vier Jahren entscheiden. „Man muss auch aufs Private schauen. In zehn Jahren bin ich 38, und spätestens dann ist es Zeit, Platz zu machen.“ Er wolle bewusst rechtzeitig gehen, damit wieder andere, jüngere nachrücken können.
Was danach kommt, lässt er offen. „Vielleicht widme ich mich wieder zu 100 Prozent der Jugendarbeit, vielleicht arbeite ich woanders im Sozialbereich“, meint er. Möglich sei vieles – von Projektarbeit bis zu einem Zurück in die offene Jugendarbeit. „Komme, was wolle.“ Dass er sich der Wahl gestellt hat, bereut er keinesfalls, sagt er. Seine Arbeit als Bürgermeister mache ihm Spaß: „Es waren drei schöne Monate bisher. Viele Begegnungen, viele Herausforderungen. Ich tue es wirklich gern – und bin gespannt, was wir gemeinsam auf die Beine stellen.“
Emil Pernter
DER AUTOR studiert europäisches und internationales Recht in Trient und hat im Juli und August ein Sommerpraktikum bei der SWZ absolviert.
DIE SERIE In der Serie „Jung & hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle bisher erschienenen Artikel aus der Reihe finden Sie hier und in der SWZapp.
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: „Mach’s besser“
















