Vahrn – Der SWZ-Porträttermin mit Eva Schatzer musste verschoben werden. Und das aus gutem Grund: Geplant war der Termin für Donnerstagnachmittag vergangener Woche, doch die 20-Jährige war noch im Zug – auf dem Weg zurück nach Südtirol. Denn zuvor war sie gemeinsam mit dem italienischen Frauenfußball-Nationalteam zu Gast bei Staatspräsident Sergio Mattarella im Quirinalspalast, nachdem das Team mit starken Leistungen bei der Europameisterschaft 2025 geglänzt hatte.
Italien war die Überraschung der EM: Als Underdog erreichte die Mannschaft das Halbfinale und schied nur knapp und mit einer gehörigen Portion Pech gegen die späteren Siegerinnen aus England aus. Nun ist Eva wieder daheim, zumindest für ein paar Tage. Denn ihr Kalender ist zu eng getaktet, zu konstant der Rhythmus aus Training, Auswärtsfahrten und Spielen. Trotzdem versucht sie so oft wie möglich, nach Vahrn zurückzukehren – dorthin, wo alles begann.
Anfang auf der Wiese
Evas Fußballgeschichte beginnt mit einer Wiese, zwei Brüdern und einem Ball. Aufgewachsen in Vahrn, beobachtete sie ihre älteren Geschwister beim Fußballspielen, bis sie irgendwann selbst mitspielen wollte. Ihr erster Verein war der ASV Vahrn. Drei Jahre lang spielte sie dort mit den Jungs, bevor sie zum SSV Brixen wechselte – einem der wenigen Clubs in der Umgebung mit Mädchenmannschaften. Früh zeigte sich ihr Talent. Bereits mit 13 Jahren lief sie für die erste Mannschaft von Brixen auf. „Technisch war ich relativ gut, aber körperlich war der Unterschied im Spiel gegen Erwachsene groß“, blickt sie zurück.
Parallel zur sportlichen Entwicklung rückte eine wichtige Entscheidung näher: welche Schule? Welcher Weg? Wie fast alle jungen Talente in Südtirol stand auch sie nach der Mittelschule vor der Wahl zwischen den Sportschulen in Mals und Sterzing. Sie entschied sich für Mals. Dort teilte sie sich den Alltag mit anderen Nachwuchsathletinnen und -athleten, darunter auch ihre Kusine Elisa Pfattner, ebenfalls Fußballprofi. Unter der Woche trainierten die beiden mit den Jungs, am Wochenende kehrten sie nach Brixen zurück, um dort die Spiele zu bestreiten.
Mit 15 zu Juve

Im Herbst 2019 kam es zum ersten Kontakt mit Juventus Turin. Über Spiele und Trainings der Südtirol-Auswahl, unter anderem im Leistungszentrum in Neumarkt, wurden Scouts auf Eva aufmerksam. Zusammen mit ihrer Kusine absolvierte sie einige Probetrainings in Turin. Die Zusage ließ allerdings auf sich warten – erst im März 2020 kam die erlösende Nachricht. „Relativ spät. Aber als sie kam, war es schon extrem cool“, erinnert sich Eva mit einem breiten Grinsen.
Mit gerade einmal 15 Jahren stand sie vor einem Schritt, der für viele kaum vorstellbar ist: der Umzug in eine fremde Stadt, fernab von Familie und Freunden. In Turin bezog sie ein Zimmer im sogenannten „JCollege“, einem Wohnheim für Jugendspielerinnen direkt neben den Trainingsplätzen. Dort begann ihr Leben als Fußballerin im Nachwuchs von Juve.
Der Alltag war klar strukturiert: Schulunterricht in einer vereinsnahen Privatschule am Vormittag, Mittagessen, danach Training bis in die Abendstunden. Freizeit blieb wenig. Und doch habe sie das nie als Last empfunden – vielmehr als logische Konsequenz eines Traums, den sie nie groß hinterfragt habe. „Ich habe nicht viel nachgedacht und bin einfach nach Turin gegangen“, sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.
Durchbruch bei Sampdoria
Nach drei Jahren in der U17 und U19 folgte die erste Leihe: ein Jahr bei Sampdoria Genua, ihr Debüt in der Serie A. Dort spielte sie regelmäßig und sammelte wichtige Spielpraxis. „Beim Wechsel vom Jugendfußball in die Serie A merkte ich, dass die Spielerinnen das hauptberuflich machen und die Älteren schon mehr Erfahrung haben. Dann lernte ich, dass ich schlau sein und mich körperlich weiterentwickeln muss.“ Bei Sampdoria musste sie Verantwortung übernehmen. „Ich stand bei fast allen Spielen im Einsatz. Das war entscheidend“, erzählt sie.
Ein Jahr später kehrte sie als 19-Jährige und gereifte Serie-A-Spielerin zurück zu Juventus. Mittlerweile ist sie Teil der ersten Mannschaft. „Ich darf gerade meinen Traum leben“, sagt Eva glücklich.
Zwischen Profi und Studentin
Inzwischen lebt Eva nicht mehr im College. Wer bei Juve in die erste Mannschaft aufsteigt, muss das Nachwuchswohnheim verlassen. Der Verein hilft bei der Wohnungssuche, doch das Leben drumherum muss selbst organisiert werden. Der Alltag ist eng getaktet: Vormittags steht regelmäßig Training auf dem Programm. Meistens ist Eva gegen neun Uhr am Platz. Zuerst geht es zur Aktivierung in die Halle, danach folgt das Mannschaftstraining auf dem Feld – etwa eineinhalb Stunden, gefolgt von Krafttraining oder Cooldown. Anschließend gibt es Mittagessen auf dem Vereinsgelände, eventuell noch Physiotherapie oder individuelle Einheiten. „So gegen zwei oder drei bin ich dann meistens fertig“, erklärt sie. Der Nachmittag bleibt meist frei, zumindest theoretisch, denn hin und wieder werden Zusatztrainings eingeplant. „Es ist nicht alles cool, muss ich sagen“, meint sie und lacht offen. „Aber oft zwingt man sich halt. Dadurch, dass es ein Mannschaftssport ist, hast du keine Wahl. Du musst hingehen.“
Dazu kommt das Studium: Eva studiert online Sportwissenschaften – eine flexible Lösung, die sich mit dem Alltag im Leistungssport vereinbaren lasse. Eigentlich hatte sie anfangs Physiotherapie ins Auge gefasst, doch das ließ sich online, ohne Praxisunterricht, nicht realisieren. „Wenn ich keine Lust auf Fußball habe, unternehme ich etwas mit meinen Mannschafskolleginnen oder lerne ein bisschen“, sagt sie.
Nach der Fußballkarriere möchte Eva im Sportbereich bleiben, vielleicht doch noch als Physiotherapeutin oder als Ernährungsberaterin. In ihrer Mannschaft ist es üblich, dass sich viele Spielerinnen auch akademisch weiterbilden. Denn während Karrieren im Männerfußball oft finanziell abgesichert enden, sieht die Realität im Frauenfußball noch anders aus. Sich neben dem Sport ein zweites Standbein aufzubauen, ist dort eher die Regel als die Ausnahme.
„Ich tue das, was ich immer tun wollte“
„Früher war Fußball einfach Spaß“, sagt sie. Heute sei es etwas anderes – eine Verpflichtung, ja, aber auch ein Privileg. Und eine Entscheidung, die sie täglich neu treffe. Momente des Zweifelns kenne sie trotzdem, besonders nach verletzungsbedingten Pausen, wenn andere trainieren und sie selbst am Feldrand steht. Evas körperliche Beschwerden – über die Jahre vor allem Probleme mit der Patellasehne – waren selten gravierend, aber hartnäckig. „Wenn man dann draußen sitzt, denkt man schnell, dass die Karriere vorbei ist“, beschreibt sie rückblickend.
Druck verspüre Eva nur selten. „Ich bin eine der Jüngsten in der Mannschaft“, sagt sie mit einem Schulterzucken. „Wenn, dann sollten eher die Älteren Druck verspüren“, fügt sie lachend hinzu. Und dennoch frage sie sich hin und wieder: „Wieso tue ich das eigentlich?“ Meistens kommt die Antwort schnell: „Ich tue das, was ich immer tun wollte. Dann gibt’s keinen Grund, mich aufzuregen.“ Leichter gesagt als getan – das weiß auch sie. Aber: „Am Ende spiele ich ja ‚nur‘ Fußball. Viele andere Leute würden gerne das Glück haben, das ich gerade habe.“
Titel, Pokal, Nationaltrikot

2023 unterschrieb sie ihren ersten Profivertrag. Dass sie eine der Ersten überhaupt war, die beim Frauenteam von Juventus diese Möglichkeit bekam, war nicht selbstverständlich. Der Frauenfußball in Italien war lange Zeit nicht professionell organisiert. Erst seit drei Jahren gilt die Serie A offiziell als Profiliga. Mit Juventus gewann Eva inzwischen sowohl den Scudetto, die italienische Meisterschaft, als auch die Coppa Italia, den italienischen Pokal. „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben einen Pokal gewonnen“, sagt sie und lächelt. „Es war der schönste Moment meiner bisherigen Karriere.“
In der Nationalmannschaft ist sie noch nicht ganz so angekommen wie im Club. Bei der EM stand sie im Kader, was zwar ein großer Meilenstein war, aber sie bekam keine Einsatzzeit. „Damit ist man zwar irgendwie dabei, aber irgendwie auch nicht. Dennoch war es eine coole Erfahrung“, sagt sie.
Ihr Ziel für die kommenden Jahre ist klar: sich dauerhaft bei den „Azzurre“ zu etablieren – und auf dem Platz zu stehen, nicht nur daneben.
„Zu Hause fühle ich mich in Südtirol“
Trotz des Lebens in Turin und ihrer internationalen Ambitionen bleibe Südtirol ein Fixpunkt. In den Bergen abschalten, die Familie sehen, Freunde von früher treffen – das gebe ihr Halt. „Das geht sich aber leider nicht mehr so oft aus“, sagt sie. „Trotzdem komme ich gerne zurück.“ Jedes Mal, wenn sie in Vahrn ankommt, entdecke sie Veränderungen: neue Gebäude, neue Gesichter, neue Geschichten. „Ich bin dann immer ein bisschen überrascht“, gibt sie zu und schmunzelt. Doch das Gefühl von Heimat bleibe: „Zu Hause fühle ich mich hier in Südtirol.“
Die Weltspitze zum Greifen nah
Als sie als Kind Fußball schaute, waren es Männer, die sie beeindruckten: Luka Modrić, Toni Kroos – Spieler mit Übersicht und Ruhe im Mittelfeld. „Ich bin auch Real-Fan“, gesteht sie. Inzwischen hat sie auch weibliche Vorbilder. Vor allem Spielerinnen, gegen die sie selbst auf dem Platz stand. In internationalen Wettbewerben traf sie auf Mittelfeldgrößen wie Georgia Stanway, Lia Wälti und ihr Idol: Aitana Bonmatí, Weltfußballerin und Spielmacherin des FC Barcelona. „Ja, das war schon krass, sie live zu sehen“, sagt Eva. „Es ist einfach etwas ganz anderes, als wenn du sie nur im Fernsehen siehst.“
Sie sieht sich auf einem guten Weg und glaubt nicht, dass diese Spielerinnen unerreichbar sind. „Sie haben andere Eigenschaften und mehr Erfahrung“, sagt sie nüchtern. „Ich versuche, mir das Beste von ihnen abzuschauen. Ich glaube, mit der Zeit kann ich da auch hinkommen“, sagt sie und grinst selbstbewusst. Langfristig will Eva auch international Fuß fassen. Die englische Liga, Spanien oder Deutschland reizen sie. Ihr großer Traum: der Gewinn der Champions League.
Doch im Moment genießt Eva noch ihre freien Tage nach der EM in Vahrn. Vielleicht auch beim Fußballspielen auf der Wiese, wo alles begann.
Emil Pernter
DER AUTOR studiert europäisches und internationales Recht in Trient und absolviert gerade ein Sommerpraktikum bei der SWZ.
DIE SERIE In der Serie „Jung & hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle bisher erschienenen Artikel aus der Reihe finden Sie auf SWZonline und in der SWZapp.
















