Bozen – Pasionaria altoatesina di Forza Italia. Valchiria azzurra. Biondissima amazzone berlusconiana. Mit diesen Bezeichnungen schmückt die italienische Presse Berichte über die Kammerabgeordnete Michaela Biancofiore aus. Parteikollegen nannten sie „fondamentalista berlusconiana“. Die Boznerin selbst sprach von sich bereits als „amazzone di Silvio“ und „cenerentola della politica“. Und Silvio Berlusconi soll sie kurz nach ihrem Kennenlernen als „Sturm und Drang“ bezeichnet haben.
Stürmisch sind die Auftritte und Aktionen Biancofiores in der Tat. Der 44-Jährigen gelingt es immer wieder, in Südtirol und italienweit für Aufruhr zu sorgen – häufig mit ihrer an Besessenheit erinnernden Verehrung für Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi oder Kandidaten-Rochaden im Südtiroler Mitte-Rechts-Lager. Zuletzt durch einen neuen Mitte-rechts-Bürgermeisterkandidaten für Bozen, der keinen Wohnsitz in der Provinz hat. Eigentlich wollte Biancofiore den Landtagsabgeordneten Alessandro Urzì als Kandidaten unterstützen, doch dann brachte sie Franco Frattini ins Spiel, offenbar ohne dass der ehemalige EU-Kommissar und Ex-Außenminister zugesagt hätte. Doch das sorgte nicht für Aufsehen, sondern der Fakt, dass durch die Diskussion rund um Frattini die Verfassungswidrigkeit des regionalen Wahlgesetzes zutage kam. Denn laut Verfassung hat jeder italienische Bürger im gesamten Staatsgebiet das passive Wahlrecht – er kann sich also wählen lassen. Im Regionalgesetz dagegen gibt es eine Ansässigkeitsklausel für Südtirol. Weil befürchtet wurde, dass es wegen des wahrscheinlich verfassungswidrigen Gesetzes Rekurse geben würde, wurde in aller Eile der Regionalrat zu einer Sondersitzung einberufen und die verdächtige Bestimmung gestrichen.
Michaela Biancofiore ist es wieder einmal gelungen, in Südtirol für Wirbel zu sorgen – die politische Brisanz des Hinweises, dass das Wahlgesetz gegen die Verfassung verstoße, stellt allerdings eine Ausnahme dar. Biancofiore hat in der Vergangenheit eher durch gekonnt inszenierten Nonsens und Provokationen auf sich aufmerksam gemacht. Zum Beispiel als Landtagsabgeordnete mit einem Gesetzesvorschlag, der vorsah, dass auf jedem Südtiroler Bauernhof die Tricolore gehisst werden müsse.
Oder mit dem „Stinkefinger-Vorfall“ bei einem Besuch Berlusconis in Bozen anlässlich der Gemeinderatswahlen 2005: Berlusconi, eine lachende Biancofiore im Arm, erzählte eine Anekdote und zeigte dabei seinen Mittelfinger – die bekannte abschätzige Geste galt in diesem Fall wohl anwesenden Gegendemonstranten. Die Kritik an dem Vorfall war groß – und die damalige Südtiroler Forza-Italia-Koordinatorin Biancofiore legte noch eins drauf, als sie für spätere Wahlen ein Plakat der Szene im Cartoon-Stil fertigen ließ.
Anlässlich Biancofiores 39. Geburtstag hatte der berlusconische Stinkefinger einen weiteren „großen“ Auftritt. Berlusconi hatte die Boznerin zur Feier ihres Geburtstages in seine Villa nach Arcore geladen, den Nachtisch brachte sie mit: eine Torte, auf der ein lachender und Mittelfinger zeigender Berlusconi eine breit grinsende Biancofiore herzt.
Auch ihre Auslegungen der Geschichte Südtirols sorgten schon für Unverständnis. So erklärte Biancofiore etwa während des Parlamentswahlkampfs 2013, dass dank der Faschisten, die die Kanalisation nach Südtirol gebracht hätten, die Plumpsklos im Lande verschwunden seien. Dadurch seien viele Kinder, die sich zuvor auf den kalten Klos Lungenentzündungen geholt hätten, vor dem Tode bewahrt worden. Im selben TV-Interview bezeichnete Biancofiore Benito Mussolini als „großen Mann der Geschichte“.
Der größte Mann der Geschichte ist für Michaela Biancofiore zweifelsohne Silvio Berlusconi. Für ihn schwärmt sie nach eigenem Bekunden, seit sie ihn als Mädchen zum ersten Mal gesehen hat: Bei einem Auftritt in seinem Privat-TV-Sender „Canale 5“ trug Berlusconi einen weißen Smoking. „Dieser Herr gefällt mir sehr, es würde mir gefallen, eines Tages mit ihm zu arbeiten …“, habe sie damals zu ihrer Mutter gesagt, erinnert sich Biancofiore in ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Autobiografie „Il cuore oltre gli ostacoli – la mia storia“.
Auf rund 400 Seiten schreibt Biancofiore Geschichten aus ihrem Leben im „Berlusconi-Zeitalter“ nieder. Unter anderem berichtet sie von einer jahrelangen On-off-Affäre mit einem italo-französischem Agenten und ihrer Liebe zu Franco Frattini. Bereits in einem Interview für das TV-Sartireformat „Le Iene“ im Jahr 2013 gab sich Biancofiore in Bezug auf ihr Liebesleben sehr redefreudig: Sie erzählte, sie sei in ihrem Leben bisher mit fünf Männern im Bett gewesen. Auf die Frage, ob sie jemals für Sex bezahlt habe, antwortete die fesche Politikerin: „Absolut nein! Vielleicht würden die anderen bezahlen, um mit mir Sex zu haben!“
Überhaupt nimmt sich Biancofiore selten ein Blatt vor den Mund – egal, ob es um Privates oder Politisches geht. Es heißt, Journalisten führen deshalb gerne Interviews mit ihr. Besonderen Einsatz zeigt sie stets, wenn es um die Verteidigung von Berlusconi geht. Nachdem er im August 2013 wegen Steuerbetrugs verurteilt worden war, sagte sie in einem Interview mit der BBC: „The Italian people are in love with Silvio Berlusconi because he is an innocent, he’s not a delinquent like the justice say.“ Ihr holpriges Englisch sorgte damals für Amüsement.
Weniger lustig waren die homophoben Aussagen, die ihr ihren ersten Regierungsposten kosteten: In der Regierung Letta war sie nur wenige Tage als Staatssekretärin für Chancengleichheit im Amt, bevor sie als Staatssekretärin ins Ministerium für „Öffentliche Verwaltung und Vereinfachungen“ wechseln musste. Bereits Biancofiores Nominierung für den Bereich Chancengleichheit hatte zu Protesten von Schwulen- und Lesbenverbänden geführt; doch „versetzt“ hat sie Ministerpräsident Enrico Letta erst nach ihrer Vereidigung und nachdem sie sich geweigert hatte, sich für ihre Aussagen zu entschuldigen – und stattdessen von einer „Selbstghettoisierung“ der Homosexuellen sprach.
Auch Staatssekretärin im Ministerium für „Öffentliche Verwaltung und Vereinfachungen“ blieb Biancofiore nicht lange. Im Herbst reichte sie ihren Rücktritt ein – so wie es Berlusconi nach seiner Verurteilung wegen Steuerbetrugs von allen Pdl-Regierungsmitgliedern gefordert hatte. Ihr Rücktritt wurde schließlich als einziger angenommen, da die anderen Pdl-Regierungsmitglieder einen Rückzieher gemacht und den Rücktritt vom Rücktritt erklärt hatten.
Berlusconi hat’s gegeben, Berlusconi hat’s genommen, könnte man in diesem Fall sagen. Denn ihr Regierungsamt hatte Michaela Biancofiore ihrem Idol zu verdanken: Als sich nach den Parlamentswahlen 2013 die Regierungsbeteiligung des Popolo della libertà (Pdl) abzeichnete, brachte sich Biancofiore als Ministerin ins Spiel. Sie halte sich für eine solche Position hervorragend geeignet. „Ich möchte nicht anmaßend sein, aber ich bin frisch, mutig, Tochter eines Mannes der Justiz“, erklärte sie in einem Interview. Ganz so sah es Berlusconi wohl nicht, aber er setzte sich dafür ein, dass sie ins Regierungsteam aufgenommen wurde.
Berlusconi sei es auch gewesen, der dafür sorgte, dass sie aus dem Landtag ins Parlament wechselte. „Es war ein SVP-Senator, der Berlusconi gebeten hat, mich aus Bozen wegzuholen, im Gegenzug hat er ihm angeboten, Prodi zu stürzen“, sagte Biancofiore bei der Vorstellung ihres Buches in Bozen im September 2014.
Die Beziehung Biancofiore–Berlusconi ist eine besondere. Biancofiore hält es für ein „Zeichen des Schicksals“, dass ihr Namenstag und der Geburtstag Berlusconis auf dasselbe Datum fallen. In ihrer Biografie schreibt sie von einem Ring, den er ihr geschenkt habe, und den sie nie ablege, „da ich im Grunde seit jeher mit ihm verlobt bin – politisch versteht sich“.
Persönlich kennengelernt haben sich die beiden 2003. Es sei „eine Explosion im Herzen, ein Feuermal auf der Haut“ gewesen, erinnert sich Biancofiore in ihrem Buch.
Als ihren besten Freund allerdings bezeichnet Biancofiore Berlusconi nicht – das ist Puggy, ihr Mops-Weibchen. Es kam zu Bekanntheit, als Frauchen es in einer Radiosendung die Berlusconi-Hymne „Meno male che Silvio c’è“ „singen“ ließ. Puggy soll dafür verantwortlich sein, dass sich Biancofiore im April 2013 bei einem Sturz die Nase gebrochen hat. Sie sei, so erzählte die Parlamentarierin, auf einer feuchten Papierserviette ihres Hundes ausgerutscht. In einem anderen Interview machte Biancofiore Romano Prodi für ihr Malheur verantwortlich: „Als ich die Nachricht von der Kandidatur Prodis zum Staatspräsidenten vernahm, bin ich vor Schreck zu Boden gefallen.“
Die Liste der Episoden aus dem Leben der Michaela Biancofiore, die es in die Presse geschafft haben, ließe sich lange fortsetzen – allein es würde den Rahmen sprengen. Und während über Verteidigungsreden für Berlusconi, persönliche Nichtigkeiten und Provokationen viel zu erfahren ist, ist über politische Initiativen und Erfolge dagegen kaum etwas bekannt. Und wenn, dann geht es meist um Personalien bzw. um Streitigkeiten rund um Personalien.
Michaela Biancofiore „rührt“ in vielen Töpfen – in manchen brennt der Inhalt an, in anderen nicht. In den meisten aber ist der Inhalt ordentlich durchmischt, sobald sie den Kochlöffel wieder zur Seite legt.
Info
Michaela Biancofiore wurde am 28. Dezember 1970 als Tochter eines Apuliers und einer Römerin in Bozen geboren. Sie hat eine Schwester namens Antonella, die einige Jahre lang für Alleanza Nazionale (AN) im Bozner Gemeinderat saß. Als Michaela 12 Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Einige Zeit später starb ihr Vater.















