SWZ: Viele Inhalte, die bis vor wenigen Jahren noch gelehrt wurden, können wir heute innerhalb weniger Sekunden selbst recherchieren. Müssen wir Schule neu denken?
Sigrun Falkensteiner: Eindeutig ja. Schule muss neu gedacht werden. Der Grundauftrag von Schule bleibt derselbe: den Kindern und Jugendlichen Kompetenzen mitzugeben, die sie in einer demokratischen Gesellschaft lebensfähig machen. Die inhaltliche Ausprägung ändert sich aber. Die Frage ist: Welche Kompetenzen brauchen die Schüler?
Wie lautet Ihre Antwort darauf?
Die ist zweigeteilt. Der erste Teil betrifft die Kompetenzen an sich. Die Bereiche Lesen, Schreiben und Rechnen wurden mit vielen weiteren ergänzt. Dazu brauchen wir heute Kompetenzen, wie man sich Wissen aneignet oder wie man Inhalte kritisch bewerten kann, um sie zu überprüfen. Der zweite Baustein ist die Erziehung zum Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft. Auch hier haben wir eine große Aufgabe vor uns.
Ganz konkret: Was kann weg?
Weg kann sicher das standardisierte Auswendiglernen von gewissen Daten, Zahlen, Fakten. Natürlich brauchen wir weiterhin Grundfertigkeiten. Ich muss bestimmte mathematische Grundkonzepte verstehen. Ich muss Dinge überblicksmäßig einordnen können. Im Geschichtsunterricht wird es mehr um grundsätzliche Fragen gehen, zum Beispiel, in welcher Zeit sich etwas abgespielt hat, und vermehrt auch um die Systeme, die hinter den Daten liegen. Die Frage etwa, wie Konflikte entstehen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, welche die wirklichen Grundstrukturen eines Faches sind.
Weg kann sicher das standardisierte Auswendiglernen von gewissen Daten, Zahlen, Fakten.
Werden die Lehrpläne heute schon angepasst? Man hört regelmäßig den Vorwurf, in der Schule würden Inhalte gelehrt, die veraltet sind.
Ich muss immer noch schmunzeln, wenn ich das Wort „Lehrplan“ im Südtiroler Kontext höre. Es gibt in Südtirol keine Lehrpläne, die genau inhaltlich vorschreiben, was ich vielleicht sogar noch zu welchem Zeitpunkt, in welcher Klasse erledigen muss. Es gibt in Südtirol als Überbau die sogenannten Rahmenrichtlinien, die nach Kompetenzen ausgerichtet sind. Dort steht beispielsweise, um beim Beispiel Geschichte zu bleiben: geschichtliche Ereignisse einordnen. Die Aufgabe der Lehrperson bzw. der Lehrerkollegien ist es, das herunterzubrechen. Der Umfang ist aber eigentlich nicht festgeschrieben.
Das heißt, die Lehrpersonen hätten eigentlich mehr Freiheiten, als bekannt ist.
Ja. Es gibt dann die Curricula auf schulischer Ebene, die viele als Lehrplan bezeichnen. Der ist aber oft hausgemacht. Das heißt nicht, dass Curricula nicht auch Inhalte haben sollen. Aber eine Schule sollte sich überlegen, welche die Kompetenzen sind, um die es im Grunde geht, und mit welchen Inhalten sie die Schüler erlernen.
Trauen sich die Lehrpersonen nicht, sich von den Curricula zu entfernen? Oder werden sie in der Ausbildung nicht ausreichend auf diesen Kompetenzfokus vorbereitet?
Jene in Brixen werden schon auf die Rahmenrichtlinien vorbereitet. In Österreich, wo so gut wie alle Lehrpersonen der Mittel- und Oberschule studieren, wird hingegen noch mit Lehrplan gearbeitet. Auch sind wir alle in diesem System aufgewachsen. Es bringt Unsicherheit mit sich, sich von dem, was man kennt, zu trennen. Auch weil viele Lehrpersonen Sorge haben, den Vorwurf zu bekommen, sie hätten irgendwas nicht in der Schule durchgemacht.
Aufgrund der Lehrerproteste haben die Schülerinnen und Schüler im vergangenen Schuljahr, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Ausflüge gemacht und keinen Expertenunterricht bekommen. Was ist heuer zu erwarten?
Wir sind mit vielen Schulen in Kontakt und hören, dass fast durchgehend wieder Aktivitäten durchgeführt werden. Das Ausmaß unterscheidet sich aber. Ich begrüße es, wenn Schulen sich Gedanken machen, welches das richtige Maß an Ausflügen, Expertenunterricht usw. ist. Vielleicht gehören auch bestimmte Tätigkeiten gestrichen. Wenn es aus einer pädagogischen Grundüberlegung heraus geschieht, dann unterstütze ich es. Wenn es aus dem Protest heraus geschieht, kann ich es nicht mehr nachvollziehen.
Ich begrüße es, wenn Schulen sich Gedanken machen, welches das richtige Maß an Ausflügen, Expertenunterricht usw. ist.
Zuletzt haben die Ergebnisse der PISA-Studie für Aufsehen gesorgt. Südtirol schneidet in der Erhebung zwar besser ab als der OECD-Schnitt, aber die in den Tests erreichte Punktezahl ist seit Jahren rückläufig. Besorgt Sie das?
Was mich besonders besorgt, ist der Bereich des Lesens. Lesekompetenz werden wir immer brauchen, für alle KI-generierten Texte, für alles, was mit Digitalisierung zu tun hat. Was mir wichtig ist zu betonen: Das Lesen beizubringen, ist nicht nur Aufgabe der Deutschlehrpersonen. Wir müssen, gerade in einer Situation, in der Klassen heterogener werden, einen sprachaufmerksamen Unterricht bieten. Nicht nur in Deutsch, auch in allen anderen Fächern. Das heißt unter anderem, zu schauen, welche Texte angemessen sind. Das ist nicht nur für Schülerinnen und Schüler nicht-deutscher Muttersprache wichtig. Es laufen in diesem Schuljahr auch schon erste Pilotprojekte, um die Lesekompetenz zu stärken.
Wie sehen die aus?
Die Schülerinnen und Schüler bekommen dort 20 Minuten pro Tag Zeit, um Texte zu lesen, die an ihre Lesekompetenz angepasst sind. Ihre Fähigkeiten werden mittels eines Screenings geprüft und die Lehrpersonen geschult.
Die Schülerinnen und Schüler bekommen 20 Minuten pro Tag Zeit, um Texte zu lesen, die an ihre Lesekompetenz angepasst sind.
Was können Eltern tun, die zu Hause die Lesekompetenz fördern wollen?
In erster Linie Lesevorbild sein. Selbst lesen, aber auch schon im frühen Kindesalter vorlesen. Das ist wichtig, um Kindern die Freude an Sprache zu vermitteln. Später können sie sie dann auch beim Lesen begleiten.
Welche Rolle spielen die Lehrpersonen bei den schlechter werdenden PISA-Ergebnissen? Eine der größten Bildungsstudien, die Hattie-Studie, besagt, dass die Lehrpersonen den größten Unterschied für den Bildungserfolg machen.
Die Studie besagt, dass vor allem die Beziehungsfähigkeit der Lehrperson über den Bildungserfolg entscheidet. Jede Lernstudie zeigt, dass ich nur in einem Umfeld lernen kann, in dem ich mich sicher fühle, in dem ich Fehler machen darf und gefördert und gefordert werde. Das bedeutet, die Lehrperson muss zuerst einmal sehen, wer vor ihr sitzt, was dieses Kind jetzt braucht. Es braucht aber nicht für jedes Kind ein anderes Übungsblatt.
Wenn die im PISA-Test erreichte Punktezahl zurückgeht, dann sagt uns das also, dass all das in den Schulen zu kurz kommt.
Ja. Hier müssen wir nachbessern. Es tut mir aber leid, wenn es heißt, die jungen Leute von heute können weniger. Da wehre ich mich massiv. Sie können vielleicht in einem einzelnen Bereich weniger, sind aber von ihren Kompetenzen her viel breiter aufgestellt. Ein Beispiel ist das Präsentieren: Die Schülerinnen und Schüler bekommen heute zahlreiche Möglichkeiten, das zu üben. Das gab es früher nicht.
Es tut mir leid, wenn es heißt, die jungen Leute von heute können weniger. Da wehre ich mich massiv.
Schüler werden über ihre gesamte Schulzeit bewertet. Sollte bei den Lehrpersonen nicht auch das Leistungsprinzip gelten, dass beispielsweise engagiertere Lehrpersonen mit mehr Gehalt belohnt werden?
Das sorgt immer wieder für Diskussionen. Dieses Prinzip widerspricht aber der Ausrichtung der italienischen Schule, leider. Zum einen gilt dort das Ranglisten-Prinzip, wo Leistung nicht unbedingt gewichtet wird, und zum anderen gilt das Prinzip, dass Lehrpersonen eine Einheitskategorie darstellen sollen. Es gibt zwar einzelne Instrumente, mit denen die Schulführungskräfte Zusatzleistungen entlohnen können, aber die Bestrebungen, nicht zuletzt der Gewerkschaften, gehen stark in die Richtung, dass Prämien nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden sollen.
Grundsätzlich unterstützen Sie also den Gedanken, ein Leistungsprinzip auch beim Lehrpersonal zu verankern.
Ja, unter gewissen Bedingungen. Natürlich müsste man genau definieren, was als Leistung gilt und was belohnt werden soll.
Ein Detail der Ergebnisse der PISA-Studie ist wenig beachtet worden: Immer mehr Jugendliche landen in der untersten Stufe der sechsstufigen Kompetenzskala. Ihnen fehlen laut OECD die Basiskompetenzen, um später im Alltag oder im Job zurechtzukommen. Wie erklären Sie sich das?
Das besorgt mich ziemlich. Zum einen gelingt es uns noch nicht, strukturiert genug auf diese Gruppe zu schauen und früh genug zu erkennen, wo wir sie verlieren. Das soziale und das sozioökonomische Umfeld spielen eine große Rolle. Wir schaffen es mit unserem inklusiven Bildungssystem zwar immer noch besser als andere Länder, die Unterschiede auszugleichen. Dennoch müssen wir bei jedem Wechsel in eine neue Stufe noch stärker prüfen, ob die Schülerinnen und Schüler die notwendigen Kompetenzen erreicht haben, und falls nicht, noch einmal dort ansetzen. Das ist nicht einfach, aber es wird immer wichtiger.
Die jungen Menschen werden zwar einen Job finden, aber sie könnten gezwungen sein, dauerhaft in einem Niedriglohnsegment zu arbeiten.
Wird das irgendwann zum Problem für unsere Gesellschaft, wenn sich diese Jugendlichen, die bald junge Erwachsene sind, abgehängt fühlen?
Ich finde es gesellschaftspolitisch extrem gefährlich. Die jungen Menschen werden zwar einen Job finden, aber sie könnten gezwungen sein, dauerhaft in einem Niedriglohnsegment zu arbeiten. Die Unzufriedenheit kann infolgedessen groß sein. Die deutsche Geschichte hat uns gezeigt, wozu das führen kann. Darf ich noch etwas ergänzen?
Bitte.
Aus Studien wissen wir, dass es oft Jugendliche mit Migrationshintergrund sind, die wir auf dem Bildungsweg verlieren. Wir brauchen Einwanderung, um unsere Wirtschaftsleistung aufrechtzuhalten. Wir müssen dann aber auch den Personen, die kommen, ermöglichen, irgendwann aufzusteigen. Wenn wir diese insbesondere der zweiten Generation nicht geben, dann wird’s gefährlich.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni will durchsetzen, dass künftig der Anteil ausländischer Schülerinnen und Schüler pro Klasse auf 30 Prozent begrenzt und durch Umverteilung gesteuert wird.
Die Botschaft dahinter und vor allem auch die Begeisterung, die der Vorschlag in gewissen Kreisen auslöst, stimmen mich nachdenklich, genauso wie die Praktikabilität des Ganzen.
Eine der Forderungen, die im Rahmen des Bildungsdialogs formuliert wurden, lautet: Schule braucht mehr Personalressourcen. Was denken Sie darüber?
Ich werde nicht müde, zu wiederholen: Wir haben schon einen sehr guten Personalschlüssel. Eine Lehrperson kommt auf acht Schüler. Wir haben außerdem schon stark in Sozialpädagogik investiert: Wir haben Sprachlehrpersonen, Integrationslehrpersonen und, und, und. Mit diesen vielen Spezialisten signalisieren wir gleichzeitig: Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, muss sich eine qualifizierte Person darum kümmern. Gibt es einmal keinen Spezialisten, dann rufen wir nach Hilfe und nach mehr Personal. Das ist kein Vorwurf an die Lehrerschaft, sondern eine normale Reaktion. Wir müssen die Rolle dieser Experten schärfen.
Wir haben schon einen sehr guten Personalschlüssel. Eine Lehrperson kommt auf acht Schüler.
Zurück zur Forderung nach mehr Personalressourcen.
Wie gesagt, wir haben einen guten Schlüssel. Und auch wenn es uns gelänge – wie auch immer – die Zahl der Stellen zu verdoppeln, frage ich mich: Wo sollen diese Leute herkommen? Die gesamte Wirtschaft sucht nach Fachkräften. Noch dazu lautet die Forderung: Es braucht gut ausgebildetes Personal. Wir fordern hier etwas, das nicht realistisch ist. Ich möchte noch einen Schritt zurück machen.
Bitte.
Das hört zwar niemand gern, aber die Hattie-Studie, über die wir gesprochen haben, besagt auch, dass kleinere Klassen zwar einen positiven Effekt haben, aber bei Weitem nicht den positiven Effekt, den andere Faktoren haben, wie die Lehrer-Schüler-Beziehung oder offene Lernformate. Wir hängen also stark an der Idee kleinerer Klassen, die aber wissenschaftlich bewiesen beim Lernen nicht den Effekt hat, den man sich erhofft.
Wie sieht die Schule der Zukunft für Sie aus?
Ich würde mich freuen, wenn wir es nach wie vor schaffen, Schule als einen Ort der Gemeinschaft für alle offen zu lassen, wo aber auch jeder und jede gewisse Regeln befolgen und gewisse Abläufe mittragen muss. Schule ist eine Zwangsgemeinschaft. Man sitzt viele Stunden mit Menschen in einem Raum, die man sich nicht ausgesucht hat. Das ist eigentlich die beste Spielwiese für demokratisches Zusammenleben und ich wünsche mir, dass es uns gelingt, das weiter zu bewahren oder auch noch mehr zu stärken. Beim Lernen wünsche ich mir, dass es uns gelingt, die Erkenntnisse, die wir über das Lernen haben, anzuerkennen und besser zu nutzen, unsere Komfortzone zu verlassen und auch einmal etwas Neues zu wagen.
Interview: Silvia Santandrea



















