Seis am Schlern – Freiheit. Das ist das erste Wort, das Sebastian Trocker einfällt, wenn er nach dem Gefühl gefragt wird, das ihm sein Sport verleiht. Wann immer es geht, ist er draußen unterwegs: mit seinem Kiteschirm, einem Brett – oder zweien – unter den Füßen und Hündin Bonnie. Im Sommer auf Wasser. Im Winter auf Schnee. Was mit acht Jahren und Youtubevideos begonnen hat, ist jetzt sein Business: Ende 2024 hat Trocker sein geregeltes Leben aufgegeben und eine Snowkite-Schule eröffnet. Die Nachfrage ist groß, sagt er. Sorge, dass das Snowkiten zum Massenphänomen ausarten könnte, hat er dennoch nicht.
Die Anfänge vor 20 Jahren
Kurz vor Weihnachten sitzt Sebastian Trocker auf der Terrasse eines Cafés im Dorfzentrum von Seis. Gut gelaunt, und doch nervös. Der wenige Schnee gibt ihm zu denken. Und der fehlende Wind. Er braucht beides, um seinem Sport nachzugehen. Der ist zugleich sein Job. Der 27-Jährige lässt sich von einem Drachen über verschneite Wiesen und Hügel ziehen – und Berge hinauf. Seine bisher größte Leistung: „In zwei Stunden war ich sieben Mal auf dem Plattkofel.“ Der knapp 3.000 Meter hohe Berg mit der markanten schrägen Felsfläche steht am Rande der Seiser Alm. An deren Fuße, in Seis am Schlern, ist Trocker aufgewachsen und daheim.
2006 ist er acht Jahre alt. „Damals war ich aus dem Alter raus, Kinderdrachen steigen zu lassen“, meint er schmunzelnd. Doch anstatt den Drachen wegzulegen, tauscht er ihn gegen einen größeren ein: einen Lenkdrachen zum Kiten. Zwei Freunde haben am Reschensee einen Kitekurs absolviert und ihn mit dem Sport in Kontakt gebracht. Für Trocker Liebe auf den ersten Blick. Eine Wiese am Dorfrand wird zum Übungshang. Anleitungen, wie man den Drachen in den Wind hält und so lenkt, dass er sie durchs Gelände zieht, finden die Jungs auf Youtube. „Meine Eltern haben mehr als einmal schlecht geschlafen“, erinnert sich Trocker, „aber mich immer unterstützt.“ Er bleibt dran, übt weiter, nach der Schule, jede freie Minute. Vom Gras geht es auf den Schnee, mit elf Jahren zum ersten Mal an den Gardasee, aufs Wasser.
Von der Backstube an den Schirm
„Kiten kann auf verschiedenen Untergründen ausgeübt werden“, erklärt Trocker. Je fester, desto leichter die Anfänge, sagt er. „Das Kiten auf dem Schnee ist viel einfacher, weil der Körper da am Boden steht. Beim Kitesurfen im Wasser hingegen muss man Schirm, Körper und Brett gleichzeitig beherrschen.“ Vor Kurzem hat er sich zum ersten Mal mit Schlittschuhen an den Drachen gehängt und sich über einen zugefrorenen See ziehen lassen: „Das war genial! Dabei kann ich gar nicht Eislaufen.“
Mit 15 beginnt er eine Bäckerlehre. Die Nachtarbeit erlaubt ihm, sich nachmittags Schirm und Skier oder Board zu schnappen. Er ist viel unterwegs, kommt herum, knüpft Kontakte: „In Europa ist die Szene recht klein, aber gut vernetzt.“ 2018 tritt er erstmals bei einem internationalen Snowkite-Wettbewerb an. Am Reschensee misst sich der erst 20-Jährige mit erfahrenen Sportlern, bekannten Namen – und landet auf dem neunten Platz. Ein Aha-Moment, der ihm zeigt: Er fährt nicht nur gerne, sondern auch gut.
„Snowkiten ist ein sehr umweltfreundlicher Sport, der ohne Aufstiegsanlagen, Motoren oder Beschneiung auskommt.“
Trocker macht sich in der überschaubaren, international verflochtenen Szene einen Namen. In Frankreich erhält er den Spitznamen „The Italian Eagle“, italienischer Adler. Heute zählt er zu den besten Snowkitern Norditaliens. Anfang 2024 organisiert er sein erstes Snowkite-Camp, „nach dem Vorbild einer meiner Kindheitsidole aus Frankreich“. Er holt die Community nach Südtirol: eine Woche Kiten, neue Techniken und Tricks ausprobieren, Fehler analysieren mit dem Profi, Unterkunft inklusive. Das Angebot sei gut angekommen, sagt Trocker, und habe die Entscheidung heranreifen lassen, sich als Snowkite-Lehrer selbstständig zu machen. Neben seiner ungebrochenen Leidenschaft für den Sport kann er auf Erfahrung als Kitesurf-Lehrer am Gardasee zählen. Und auf seine Sprachkenntnisse: Er spricht fließend Deutsch, Italienisch, Englisch und Portugiesisch – seine Mutter kommt aus Portugal.
Vom Talent in die Selbstständigkeit
Im Herbst 2024 wagt Sebastian Trocker den Schritt: Er hat sich vom Coni als Ausbilder zertifizieren lassen, gibt seinen Brotjob auf, gründet die Snowkite-Schule KiteAlps, bietet Kurse auf der Seiser Alm und am Rittner Horn an. Am Ritten, sagt er, herrschten ideale Bedingungen für das Snowkiten: „Das Plateau zwischen Rittner Horn und Villanderer Alm mit der leichten Brise und 800 Hektar freier Fläche macht es zu einem einzigartigen Spot.“ Die Rittner Gemeindeverwaltung habe ihn gleich unterstützt, auch Bergsportvereine hätten ihn wohlwollend empfangen, sagt Trocker. Auf der Seiser Alm ist er bei Grundbesitzern vorstellig geworden, auf deren Wiesen er die Kurse abhält, hat sich ihr Okay gesichert.
Der Kiter weiß, dass er mit seinem Drachen und der ungewöhnlichen Fortbewegungsart auf Schnee nicht allen geheuer ist. Daher setzt er auf Dialog, versucht, Konflikte auszuräumen, bevor sie überhaupt erst entstehen. „Snowkiten ist, wie das Skitourengehen, eine freie Sportart“, erklärt er. „Wir queren offene Schneeflächen.“ Sobald eine Fläche als Sportzone gekennzeichnet ist, ist sie fürs Kiten tabu: „Auf Skipisten zum Beispiel dürfen wir unseren Sport nicht ausüben.“ Das ist eine der Regeln, die er seinen Schülerinnen und Schülern mitgibt. Andere sind: Abstand zu Skiliften und Hindernissen halten sowie respektvolles und sicheres Verhalten im Gelände.
Raus aus den Kinderschuhen
In Südtirol gab es Snowkite-Kurse bislang nur im Obervinschgau. Aber die Nachfrage sei „enorm“, meint Trocker. Nach der ersten Saison ist er zufrieden. Der Winter 2024/2025 sei gut gelaufen. Rund 80 Leute habe er in seinen Kursen betreut, manche für mehrere, andere an weniger Tagen: „Internationale Gäste, darunter viele aus den USA, genauso wie Einheimische.“ Pro Gruppe nimmt er, „abhängig vom Können“, zwei bis sechs Personen. Gut gebucht seien auch die beiden Snowkite-Camps ab Ende Jänner, die er heuer zum dritten Mal organisiert. Zwei weitere sind geplant. Die meiste Kundschaft findet über Social Media zu ihm. Viele spricht er an Talstationen oder am Pistenrand direkt an, verteilt Visitenkarten.
In KiteAlps sieht der 27-Jährige nicht nur eine Möglichkeit, seine Passion zu teilen, sondern auch eine Plattform für die Snowkite-Szene in Südtirol. Er will, sagt er, „den Sport weiterbringen und mehr Menschen, allen voran Einheimische, dafür begeistern“. Interessierte sollen bei ihm eine umfassende Ausbildung finden: „Meine Philosophie ist es, Leute über mehrere Jahre zu begleiten, mit dem Ziel, dass sie am Ende völlig eigenständig in allen Gelände- und Windsituationen – steil, flach, stark, schwach – kiten können.“
Spontaneität statt Massen
Ob Südtirols Almen früher oder später von einem Drachenmeer übersät sein könnten? Energisches Kopfschütteln. Sebastian Trocker weiß um die Skepsis, die dem, was er tut, entgegenschlägt – will sie aber entkräften. Er schickt voraus: „Snowkiten ist ein sehr umweltfreundlicher Sport, der ohne Aufstiegsanlagen, Motoren oder Beschneiung auskommt.“ Trotzdem oder gerade deshalb ist er überzeugt: „Anders als das Kitesurfen wird Snowkiten eine Nische bleiben.“ Zum einen seien da nicht unerhebliche Materialkosten von 500 bis 4.000 Euro für Kiteschirm und Gurt. Zum anderen und vor allem aber die unsicheren Witterungsverhältnisse. Es braucht Wind und, im Gegensatz zum Surfen auf dem Wasser, Schneefall. Bleibt das natürliche Weiß aus, bleibt auch der Kiteschirm am Boden. „Snowkiten ist eine spontane Aktivität“, sagt Trocker. Deswegen steht für ihn fest: „Der Sport wird niemals massentauglich sein.“
„Snowkiten ist eine spontane Aktivität. Deshalb wird der Sport wird niemals massentauglich sein.“
Was Spontaneität beim Kiten im Winter bedeutet, hat er erst am Vortag wieder erfahren. Da war er im Vinschgau. Auf Whatsapp hatte die Nachricht vom zugefrorenen Haidersee in der Kite-Community die Runde gemacht: „Dann brechen – kein Witz! – Leute in ganz Europa auf, um für ein paar Tage Eis in den Vinschgau zu kommen.“ Sportler:innen aus den Niederlanden habe er getroffen, aus Dänemark, aus Russland.
Leicht, aber nicht leichtsinnig
Wenige Tage vor Weihnachten sehnt Trocker selbst Schnee und Wind herbei. Das Warten und ausbleibende Einkommen überbrückt er in einer Backstube. Der Inhaber gestehe ihm die Flexibilität zu, die er mit seinem Einmann-Unternehmen brauche, sagt Trocker. Bis der Schnee kommt, ist er wieder Bäcker. In Zukunft will er sich zum Bikeguide, Wanderführer und fürs Tandem-Paragleiten ausbilden lassen.
150 Tage im Jahr verbringt er auf Schnee, hat der 27-Jährige ausgerechnet. Oft dabei: Bonnie. Die vierjährige Mischlingshündin läuft neben ihm her, während er über den Schnee fliegt. Wird es zu anstrengend, steckt er sie in seinen Rucksack. „Bonnie hat dieselbe Abenteuerlust wie ihr Herrchen“, sagt Trocker und lächelt. Doch es ist mehr als das Adrenalin, das ihn nach bald 20 Jahren immer noch hinaus und hinauf zieht: „Kiten ist ein vielseitiger Sport, bei dem ich nie ausgelernt habe, und zugleich Ausdruck von Freiheit und Verbundenheit mit der Natur – diese Leichtigkeit, wenn du den Wind und seine Kraft spürst.“ So leicht Trockers Worte klingen, so wenig hat sein Sport mit Leichtsinn zu tun. Die Einstiegshürde mag beim Kiten niedrig sein. Doch was der Seiser abseits seiner Kurse tut, ist nichts für Anfänger:innen. Den Plattkofel hat er zum ersten Mal mit 23 erklommen. Da hatte er bereits 15 Jahre Snowkiten hinter sich.
DIE SERIE In der Serie „Jung und hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle bisher erschienenen Artikel aus der Reihe können hier oder über die SWZapp nachgelesen werden.
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: Mit Schirm, Schnee und Rückenwind




















