Schreiben Sie doch eine Mail!

KOMMUNIKATION – Die E-Mail-Flut gehört zu den großen Plagen des 21. Jahrhunderts. Womöglich ist sie selbst verschuldet, denn überall heißt es: „Schreiben Sie bitte eine Mail.“

Wer nicht klagt, ist nicht wichtig genug. Diesen Eindruck habe ich oft, wenn über die verflixten E-Mails geredet wird. Vor lauter Mails kommt man kaum noch zum Arbeiten. 20 Mails sind es pro Tag, sagt der Erste. 50, sagt die Zweite. Wer bietet mehr? Wenn in der Runde jemand von sich behauptet, dass jeden Tag über hundert Mails ins Postfach quellen, ist ihm – oder ihr – die Bewunderung gewiss. Boah, über hundert – da laufen viele Fäden zusammen! Dass viele Mails nicht gleichbedeutend sind mit vielen wichtigen Mails und dass viele Mails zuweilen (nicht immer!) schlicht die Folge von Delegierungsunfähigkeit sind, wird übersehen.

Aber das ist eine andere Geschichte. Darum soll es hier nicht gehen. Vielmehr soll es um die Unart gehen, alles und jeden zum Schreiben einer Mail aufzufordern – und dann über die E-Mail-Flut zu klagen.

Anrufen, erklären, noch mal erklären – dann schreiben

Es passiert ja immer öfter, zumindest mir: Ich rufe irgendwo an, erkläre mein Anliegen, werde – wenn ich Pech habe – weiterverbunden, um mein Anliegen ein zweites Mal erklären zu dürfen, und nach all der mündlichen Mühe lautet die Antwort: „Wären Sie so nett, uns eine Mail zu schreiben?“ Ich tue, wie mir geheißen, und klicke auf „Senden“ mit dem guten Gefühl, einen Schritt weitergekommen zu sein.

Denkste! Die erhoffte Antwort kommt und kommt nicht, bis mich die Geduld verlässt und ich zum Telefonhörer greife: „Entschuldigen Sie, ich habe eine Mail geschrieben, aber keine Antwort erhalten.“ „Worum geht’s?“, fragt die freundliche Stimme aus dem Hörer. Ich erkläre mein Anliegen abermals, ich werde abermals weiterverbunden, um mein Anliegen noch mal erklären zu dürfen, und danach heißt es … ja, genau, … es heißt: „Wären Sie so nett, uns eine Mail zu schreiben?“ Tut mir leid, das habe ich schon, jetzt wären Sie an der Reihe!

Letzthin aber ist mir die Krönung dieses „Mensch-ärgere-dich-nicht-sondern-schreib-eine-Mail“-Spiels widerfahren. Ich wurde aufgefordert, meine bereits gesendete Mail an eine andere Adresse weiterzuleiten, damit die Mail von dort aus an den Zuständigen weitergeleitet werden kann. „Wissen Sie, der Arme kriegt jeden Tag so viele Mails …“ Herrschaftszeiten, wen wundert das, wenn wir alle aufgefordert werden, eine Mail zu schreiben?!

Teil einer perfiden Taktik

Mittlerweile bin ich mir ganz sicher: Die Aufforderung, eine Mail zu schreiben, ist in manchen – nicht in allen – Fällen Teil einer perfiden Taktik. Unliebsame Mails werden dann einfach übersehen, und die Schuld kann bequem auf die ach so furchtbare Mail­flut geschoben werden. Wer kann einem da schon böse sein? Und überhaupt, wer immer alle Mails beantwortet und nie eine Mail übersieht, kriegt einfach nicht genug Post, ergo: ist nicht wichtig genug!

Im Grunde ist es mit den Mails wie mit den Handys. Seit die Anrufnummer auf dem Display aufscheint, können unliebsame Anrufe bequem ignoriert werden. Das blöde Ding schellt halt den ganzen Tag, da geht der eine oder andere Anruf zwangläufig verloren!

So bequem Mails und Smartphones sind – manchmal sehne ich mich zurück nach der guten alten Zeit, als man mit den Menschen noch reden konnte und Dinge am Telefon geregelt bekam. Die Anrufnummer war anonym, und die Mails existierten noch nicht!

Ach ja, Sie möchten sicher noch wissen, wie meine Geschichte ausging: Ich leitete meine Mail also an die andere Adresse weiter, und siehe da: Der Zuständige antwortete noch am selben Tag. Na bitte, geht doch!

Edition: 39-19