Bozen – So schön, wie die Sonne seit Wochen auf Bozen scheint, strahlte sie vor 30 Jahren selten. Damals hing regelmäßig eine schmutzig-graue Wolke über der Landeshauptstadt, verursacht durch die rauchenden Schlote der Industriezone und die Abgase der Autos, vor allem bei herbstlichen Inversionswetterlagen. Hätten die Bozner 1985 die Luft des Jahres 2015 geatmet, hätten sie jubiliert. Es wäre wohl kaum über Tempo 90 auf der Autobahn diskutiert worden. Und der Umweltaspekt hätte wohl auch kaum als Argument gegen einen Neustart des Bozner Flugplatzes getaugt, wo ein revitalisierter Flugplatz im gesamten Jahr doch gleich viele Emissionen verursacht wie die Brennerautobahn in wenigen Stunden. 2015 hingegen ist alles anders: Obwohl die Luft in Bozen – und nicht nur in Bozen – heute unvergleichlich besser ist als vor 30 Jahren, signalisieren die aktuellen Diskussionen um Tempo 90 und Flugplatz, dass die Luftqualität eine einzige Katastrophe ist. Sicher, der Verkehr belastet die Luft, teilweise einfach anders als vor 30 Jahren. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Luft in Bozen nicht vielleicht schlechter geredet und geschrieben wird, als sie in Wirklichkeit ist, womöglich sogar mit der qualmenden Zigarette im Mundwinkel.
Der Verkehr steht stellvertretend für eine Vielzahl von Beispielen, wie sich unsere entwickelte Gesellschaft selbst verrückt macht. Es steht außer Zweifel, dass die Luft besser wäre, wenn wir statt Straßen nur blühende Bergwiesen hätten und diese obendrein emissionsfrei per Hand mähen würden. Genauso steht außer Zweifel, dass wir dann ein Entwicklungsland wären, das auf jegliche Errungenschaften des Wohlstandes verzichten müsste. Wer zahlende Urlaubsgäste ins Land holen will und auch selbst in Urlaub fährt, braucht zwangsläufig Autos, Straßen und auch Autobahnen. Wer seine Äpfel exportieren und Orangen essen will, braucht das ebenfalls.
Wobei das mit dem Essen so eine Sache ist. Unlängst hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace viele Verbraucher beunruhigt, weil im Rahmen einer Untersuchung bei 83 Prozent der konventionell angebauten Äpfel Pestizidrückstände nachgewiesen wurden. Das Südtiroler Apfelkonsortium sah sich bemüßigt klarzustellen, dass jegliche Rückstände deutlich unter den gesetzlichen Grenzwerten liegen und dass Greenpeace da in unverantwortlicher Weise Panikmache betreibt. Wenige Tage später war das Fleisch an der Reihe, vor allem das rote Fleisch: Wer größere Mengen davon esse, erhöhe das Krebsrisiko, warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO. Die Metzger und das Speckkonsortium mussten beschwichtigen und Energie für ein Problem aufwenden, das bei näherem Hinsehen gar kein wirkliches ist: Das Darmkrebsrisiko wächst laut WHO bei erhöhtem Fleischkonsum minimal von sechs auf sieben Prozent.
Überall lauern Gefahren für Mensch und Natur. Schuld sind meistens die Produzenten und Unternehmer, die ihr Geld damit verdienen. Einmal sind es die Apfelbauern, die Pestizide ausbringen, einmal sind es die Speckhersteller, die uns dem Krebs aussetzen, einmal sind es die Touristiker, die Gäste ins Land karren, einmal sind es die Weinbauern, die uns zu Alkoholikern machen – Südtirols Frauen haben ein Alkoholproblem, lautete kürzlich die neueste Erkenntnis. IT-Unternehmer bringen nicht nur schnelles Internet, sondern auch ungesunde und möglicherweise ebenfalls krebserregende Strahlung. Ein IT-Unternehmer erzählte der SWZ unlängst, dass er selbst und seine Mitarbeiter immer wieder Anfeindungen ausgesetzt sind, weil sie die Umwelt verstrahlen.
Die Unternehmer sind auch schuld, wenn ein Arbeitsunfall passiert. Dann haben sie zu wenig für die Arbeitssicherheit getan. Reflexartig wird bei jedem Unfall der Ruf nach noch strengeren Gesetzen laut, und die Politik folgt dem Ruf, ohne zu merken, dass die strengeren Gesetze – egal, ob hohe Strafen oder zusätzliche Zettel – gar nichts nützen. Italien gehört zu den Ländern mit den aufwendigsten Arbeitssicherheitsbestimmungen, aber vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die Zahl der Arbeitsunfälle weiter steigt. Können Zettel womöglich doch keine Arbeitsunfälle vermeiden? Der Ruf nach strengeren Gesetzen wurde auch laut, als unlängst ein Geisterfahrer in Trient für einen verheerenden Autounfall sorgte. Es sei notwendig, dass die Autofahrer alle zehn Jahre die Führerscheinprüfung neu ablegen, hieß ein Vorschlag, der glücklicherweise gleich wieder vergessen wurde. Hätte das den Unfall tatsächlich vermieden?
Kommen wir noch einmal zurück zu den Lebensmitteln. Der italienische Gesetzgeber verdonnerte die Restaurantbetreiber – in Umsetzung einer EU-Richtlinie – vor ziemlich genau einem Jahr dazu, auf ihren Speisekarten auf Zutaten hinzuweisen, welche potenziell Unverträglichkeiten oder Allergien auslösen können. Dabei fragt jeder Allergiker ganz automatisch und im ureigensten Interesse das Servicepersonal nach bedenklichen Zutaten. Muss also wirklich jedes Restaurant zu einer detaillierten Auflistung der Zutaten verpflichtet werden – und jeder Restaurantbesucher zum Lesen der zwangsläufig endlosen Speisekarte? Weil in der Praxis unmöglich ist, was der Gesetzgeber in der Theorie forderte, wurde die Sache elegant mit dem Speisekarten-Hinweis gelöst, dass alle Gerichte Zutaten enthalten könnten, welche Unverträglichkeiten und Allergien auslösen können.
Überall lauern Risiken, und dagegen will etwas getan werden. Und hinter jedem Risiko lauert schon das nächste Risiko, gegen das etwas getan werden will. „Die spinnen, die Römer“, lautet ein bekannter Ausspruch der Comicfigur Obelix. Heute spinnen nicht mehr nur die Römer.


















