Understatement und Selbstbescheidung sind keine Markenzeichen der Südtiroler Gesellschaft. Der Wunsch nach Anerkennung und öffentlicher Aufmerksamkeit liegt in unserem Land wohl noch um eine Spanne höher als in vergleichbaren Regionen. Dies scheint unvermeidbar in einer überschaubaren Gesellschaft, in der jeder und jede die anderen zu kennen glaubt, in der Anonymität kaum je als Ausdruck von Lebensqualität gilt, sondern als drohendes Symptom eigener Bedeutungslosigkeit. Ehre und öffentliches Ansehen genießen hohen Stellenwert, angeheizt durch eine Medienlandschaft, die heute mehr denn je auf Personalisierung setzt und der öffentlichen Aufmerksamkeit hohen Stellenwert beimisst. Die in Tageszeitungen allgegenwärtigen „Leute“-Rubriken sind Tummelplätze von Eitelkeiten, ein Journal wie „Die Südtirolerin“ ist die Hauspostille des landestypischen Narzissmus.
Der Grundzug zur Selbstüberhöhung äußert sich besonders klar in der Führung akademischer Titel. Südtirol hat im regionalen Vergleich nach wie vor eine relativ geringe Quote an Akademikern, die erst allmählich an europäische Standards anschließt. Das muss kein Schaden sein: Die wirtschaftliche Leistungsstärke eines Landes bemisst sich nicht nach Doktorhüten, sondern am Anteil gut Qualifizierter in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen. Die Stärke der deutschen Wirtschaft verdankt sich nicht der hohen Zahl an Akademikern, sondern der Qualität seiner dualen Ausbildung und Facharbeiterschaft, die Leistung, Lernfähigkeit, Sachwissen und Selbstständigkeit beeindruckend verbinden. In Italien hingegen nützt der Überhang an „Laureati“ wenig gegen den Mangel an Fachkräften in den mittleren Qualifikationsrängen.
In Südtirol galt „der Doktor“ bis vor wenigen Jahren als höchste Statusstufe, als Ausdruck von Sicherheit und Ansehen. Wer sich mit dem Titel zieren durfte, hatte es in dem damals noch mäßig wohlhabenden Land zumeist geschafft. Noch um 1990 war ein „Dr.“ meist auch ein echter „Doktor“, Frucht eines meist fünfjährigen Studiums, oft mit ausgiebiger Dissertation und abschließender „strenger Prüfung“, dem Rigorosum. Seit rund zwei Jahrzehnten aber hat sich die Zahl der akademischen Grade sprunghaft vermehrt und aufgefächert:
Neben dem klassischen Forschungsdoktorat mit dem Titel eines Dr. oder Dr. ric. setzte sich das Magisterstudium auf breiter Front durch, das in Österreich oder Deutschland nach meist vier Jahren Studium mit einer Magisterarbeit und dem „Mag.“ beendet wurde. Etwa ab 2000 folgte europaweit der Bologna-Prozess, der eine Unzahl an Abschlüssen nach sich zog, vom Bachelor über den Master bis hin zum klassischen Doktorat.
Aber wie auch immer ein Studium endete, in Südtirol wurde jeder Titel umgeschmolzen zum „Doktor“, der oft völlig unbefangen geführt wurde. Wer an der Freien Universität Bozen nach dreijährigem Quickstudium mit einer 40-Seiten-Laureatsarbeit abgeschlossen hatte, hatte lange ebenso wenig Bedenken, sich mit dem „Dr.“-Titel zu schmücken, wie ein Magister mit 120-Seiten-Abschlussarbeit, während die wenigen Volldoktoren mit dicker Dissertation und fünf bis sieben Jahren Studium grämlich feststellten, dass ihr Titel zur kleinen akademischen Münze abgewertet war.
Eine solche Praxis der Selbsterhöhung, wie in Südtirol an der Tagesordnung, wäre undenkbar in Deutschland, Österreich oder gar in der Schweiz, wo derlei akademische Falschmünzerei sogar strafrechtlich verfolgt würde. Ganz zu schweigen vom Plagiat bei Doktorarbeiten, die einen Shooting-star der bundesdeutschen Politik wie Karl-Theodor von Guttenberg oder die würdige Ministerin Annette Schavan sogar das Amt kosteten. In Italien, aber auch in Südtirol hätte man für solche Sittenstrenge nur ein müdes Achselzucken übrig.
Dennoch, Unbehagen und Kritik an der vielfach aufgeblähten Titelführung sind auch in Südtirol in den letzten Jahren deutlich lauter geworden. Die SWZ hat dem „Dr., der keiner ist“ Anfang 2015 einen gut recherchierten Beitrag gewidmet; auch Leserbriefe nahmen den sog. „Brennerdoktor“, wie der in Südtirol zum „Dr.“ veredelte österreichische Magistertitel gerne spöttisch genannt wird, ins Visier scharfzüngiger Kritik, als „eine Vortäuschung falscher Tatsachen, was sogar einen Straftatbestand darstellt“. (Mag. Walter Fischnaller, Vintl).
Dass sich nun auch der Landtag dieser Frage annahm und auf Antrag der Grünen beschloss, die Rechtslage nochmals zu klären und in Schulen und Landesverwaltung mittels Rundschreiben auf korrekte Titelführung hinzuweisen, war daher ein erfreulicher Schritt nach vorn. Obwohl sich immerhin 13 Landtagsabgeordnete und Landesräte mit falschem Dr. schmücken, war der Wille zur Korrektur der akademischen Falschmünzerei ein Schritt nach vorn. Ob der kleine Durchbruch erfolgreich ist, wird sich weisen.
Am besten wäre es freilich, in der Öffentlichkeit nach gut bundesdeutscher Sitte auf jede Titelführung zu verzichten, erst recht auf den „Brennerdoktor“. Vor allem als Mann sollte man zur Einsicht kommen, dass schon viel gewonnen wäre, wenn es unsereinem stets gelänge, ein „Herr“ zu sein.















