Chicago – Ein Medikament gegen Rückfälle bei Lungenkrebs. Ein Bluttest für unsichtbare Tumorreste. Eine individuell angefertigte mRNA-Therapie, die das Immunsystem auf den Tumor eines einzelnen Menschen trainiert. Beim weltgrößten Krebskongress der American Society of Clinical Oncology (Asco) Anfang Juni in Chicago zeigte sich, wohin die Medizin steuert: Krebs wird immer gezielter behandelt.
Mehr als 40.000 Fachleute kamen in Chicago zusammen, mehr als 7.000 Abstracts wurden präsentiert oder veröffentlicht. Nicht jede Studie wird den Klinikalltag verändern. Manche Ansätze stehen noch am Anfang, andere könnten schon bald in der Versorgung ankommen. Besonders viel Aufmerksamkeit bekam eine neue Tablette gegen metastasierten Bauchspeicheldrüsenkrebs: Ihre Studiendaten sorgten für stehende Ovationen – eine Seltenheit bei einem Medizinerkongress.
„Das ist besonders bemerkenswert, da die Prognose bei metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs sehr schlecht ist und bislang kaum überzeugend erfolgreiche Studien zu neuen Therapien vorliegen“. Anke Ernst
1. Daraxonrasib: Eine Tablette gegen einen der tödlichsten Tumoren
Bauchspeicheldrüsenkrebs gehört zu den Tumorarten mit den schlechtesten Überlebenschancen. Versagt die erste Chemotherapie, gibt es bislang nur wenige wirksame Möglichkeiten. Daraxonrasib könnte das ändern. Das Medikament blockiert sogenannte RAS-Proteine, die wie ein Wachstumsschalter wirken. Bei mehr als neun von zehn Bauchspeicheldrüsentumoren ist dieser Schalter durch eine Mutation dauerhaft aktiviert.

In der Phase-III-Studie RASolute 302 mit 500 Patienten stieg die mediane Überlebenszeit – also der Zeitpunkt, zu dem die Hälfte der Patienten noch lebte – von 6,7 auf 13,2 Monate. Auch die Zeit ohne Fortschreiten der Krankheit verlängerte sich von 3,6 auf 7,2 Monate. Das Sterberisiko sank um 60 Prozent. „Das ist besonders bemerkenswert, da die Prognose bei metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs sehr schlecht ist und bislang kaum überzeugend erfolgreiche Studien zu neuen Therapien vorliegen“, so Anke Ernst vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums gegenüber der SWZ.
Einordnung: Die große Phase-III-Studie, die für eine mögliche Zulassung besonders wichtig ist, ist abgeschlossen. Noch ist Daraxonrasib in Deutschland und der EU jedoch weder zugelassen noch im Handel erhältlich. „Patientinnen und Patienten können das Medikament außerhalb klinischer Studien derzeit noch nicht erhalten“, sagt Anke Ernst. In den USA hat die Arzneimittelbehörde FDA ein Härtefallprogramm ermöglicht. Der Hersteller bereitet weltweite Zulassungsanträge vor. Bis Daraxonrasib auch in Europa regulär verfügbar sein könnte, dürfte es dennoch noch einige Zeit dauern.
2. Circulate: Ein Bluttest erkennt unsichtbare Tumorreste
Nach einer Darmkrebsoperation bleibt häufig eine schwierige Frage: Sind einzelne Krebszellen im Körper zurückgeblieben? Davon hängt ab, ob eine Chemotherapie sinnvoll ist. Die unter Leitung des Universitätsklinikums Dresden durchgeführte Circulate-Studie untersucht einen Bluttest auf zirkulierende Tumor-DNA, kurz ctDNA. Es geht nicht um Früherkennung bei gesunden Menschen. Der Test sucht nach einer Operation nach winzigen Erbgutspuren von Krebszellen, die in einer Computertomografie noch nicht sichtbar wären.
Die Ergebnisse zeigen, wie aussagekräftig der Test ist: War nach der Operation keine Tumor-DNA im Blut nachweisbar, blieben 87 Prozent der Teilnehmenden innerhalb von drei Jahren ohne Rückfall. Bei einem positiven Befund war das Risiko deutlich höher. Von den Betroffenen, die anschließend keine Chemotherapie erhielten, blieben nur 38 Prozent rückfallfrei. Wurden ctDNA-positive Erkrankte dagegen mit einer Chemotherapie behandelt, sank ihre Rückfallrate von 62 auf 19 Prozent.
Einordnung: Die Ergebnisse sind vielversprechend, reichen aber noch nicht für einen neuen Standard. Weil die Finanzierung auslief, wurde die Studie früher als geplant beendet. Dadurch blieb die Gruppe mit positivem Bluttest kleiner als vorgesehen. Der vorab definierte primäre Endpunkt wurde in der strengeren Gesamtauswertung formal nicht erreicht. Weitere Studien und Leitlinienentscheidungen sind daher nötig. Der Ansatz könnte jedoch schon in absehbarer Zeit helfen, Chemotherapien gezielter einzusetzen.
3. Optima: Wenn weniger Behandlung die bessere Behandlung ist
Fortschritt kann auch bedeuten, eine belastende Therapie guten Gewissens wegzulassen. In der Phase-III-Studie OPTIMA wurden mehr als 4.400 Menschen mit frühem hormonempfindlichem Brustkrebs untersucht. Ein Test analysiert die Aktivität von 50 Genen im Tumorgewebe und errechnet daraus das Rückfallrisiko. Bei einem niedrigen Wert erhielten die Betroffenen nur eine Hormontherapie und keine Chemotherapie.
Rund zwei Drittel der Betroffenen könnten sich die belastende Therapie ersparen.
Nach fünf Jahren waren 93,6 Prozent dieser Menschen noch am Leben und rückfallfrei. In vergleichbaren Fällen, in denen zusätzlich eine Chemotherapie eingesetzt wurde, waren es 94,8 Prozent. Die Behandlung ohne Chemotherapie war damit nicht schlechter. Rund zwei Drittel der Betroffenen könnten sich die belastende Therapie ersparen.
Einordnung: Anders als bei einem neuen Medikament ist hier kein langwieriges Zulassungsverfahren nötig. Der untersuchte Test Prosigna ist bereits verfügbar. Ob er breiter eingesetzt wird, hängt nun vor allem von Leitlinien und Erstattungsentscheidungen ab. Die Ergebnisse könnten deshalb vergleichsweise schnell bei Betroffenen ankommen.
4. Selpercatinib: Rückfälle verhindern, bevor sie entstehen
Auch bei Lungenkrebs rücken zielgerichtete Medikamente immer früher in die Behandlung. Selpercatinib ist ein Wirkstoff in Tablettenform. Er blockiert das RET-Protein, das bei bestimmten Tumoren durch eine Genveränderung dauerhaft aktiviert ist und das Wachstum der Krebszellen antreibt.
Die Phase-III-Studie Libretto-432 umfasste 151 Menschen mit frühem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs und einer sogenannten RET-Fusion. Bei dieser seltenen Genveränderung verschmelzen zwei Genabschnitte miteinander und treiben das Tumorwachstum an. Nach Operation oder Bestrahlung erhielten die Betroffenen entweder Selpercatinib oder ein Placebo. In der zentralen Auswertungsgruppe mit 109 Erkrankten waren nach zwei Jahren rund 92 Prozent ohne Rückfall, Fortschreiten der Erkrankung oder Tod. In der Vergleichsgruppe waren es rund 61 Prozent. Über den gesamten Studienverlauf sank das Risiko für ein solches Ereignis um etwa 83 Prozent.
Einordnung: Selpercatinib ist bereits für fortgeschrittene oder metastasierte RET-positive Lungentumoren zugelassen. Neu wäre der Einsatz nach einer Operation oder Bestrahlung, also in einem frühen Krankheitsstadium. Dafür ist eine Erweiterung der Zulassung nötig. Einen festen Zeitplan gibt es noch nicht. Die Studie zeigt zudem, wie wichtig genetische Tumortests bereits bei der Erstdiagnose werden.
5. GammaTile: Bestrahlung direkt im Operationssaal
Nach der Entfernung einer Hirnmetastase vergeht häufig Zeit, bis die Bestrahlung beginnen kann. Genau diese Lücke soll GammaTile schließen.
Bereits während der Operation werden kleine Kollagenplättchen in die Wundhöhle eingelegt. Sie enthalten geringe Mengen des radioaktiven Stoffes Cäsium-131 und bestrahlen die Stelle, an der der Tumor entfernt wurde, unmittelbar von innen. Mögliche verbliebene Krebszellen sollen so frühzeitig bekämpft werden. Die Kollagenmatrix wird später vom Körper aufgenommen; zurück bleiben kleine, dann inaktive Titankapseln.
In der Phase-III-Studie ROADS wurden 230 Menschen mit operablen Hirnmetastasen auf zwei Gruppen verteilt: Die einen erhielten nach der Operation die übliche stereotaktische Bestrahlung von außen. Bei den anderen wurden die radioaktiven Plättchen direkt während des Eingriffs eingesetzt.
Nach einem Jahr war der Tumor an der operierten Stelle bei rund einem Prozent der GammaTile-Teilnehmenden zurückgekehrt, in der Vergleichsgruppe bei rund zwölf Prozent.
Nach einem Jahr war der Tumor an der operierten Stelle bei rund einem Prozent der GammaTile-Teilnehmenden zurückgekehrt, in der Vergleichsgruppe bei rund zwölf Prozent. Auch die mediane Überlebenszeit war deutlich länger: Sie lag mit GammaTile bei 42,5 Monaten, unter der bisherigen Behandlung bei 17,6 Monaten. Die Häufigkeit schwerer Nebenwirkungen unterschied sich nicht wesentlich.
Einordnung: Die Ergebnisse stammen aus einer randomisierten Phase-III-Studie und sind ausgesprochen deutlich. In den USA ist das Medizinprodukt bereits von der FDA freigegeben und wird klinisch eingesetzt. Ob und wann das Verfahren auch in Europa verfügbar sein wird, ist offen.
6. Intismeran: Eine maßgeschneiderte mRNA-Therapie
Intismeran ist eine individuell angefertigte mRNA-Therapie gegen schwarzen Hautkrebs. Dafür wird der Tumor eines Betroffenen genetisch analysiert. Anschließend wird eine mRNA-basierte Therapie hergestellt, die dem Immunsystem charakteristische Merkmale des Tumors zeigt. Die körpereigene Abwehr soll lernen, verbliebene Krebszellen gezielter zu erkennen. Intismeran wird gemeinsam mit dem Immuntherapeutikum Pembrolizumab eingesetzt.
In einer kontrollierten Phase-IIb-Studie mit 157 Teilnehmenden waren nach fünf Jahren 68,8 Prozent ohne Rückfall. Unter Pembrolizumab allein waren es 49,1 Prozent. Das Risiko für einen Rückfall oder Tod sank um 49 Prozent.
„Die Studie zeigte, dass mit dem mRNA-Vakzin das rückfall- und metastasenfreie Überleben deutlich verlängert und das Risiko, an der Krankheit zu versterben, deutlich gesenkt werden konnte.“ Anke Ernst
Einordnung: „Für eine Zulassung sind noch die Ergebnisse einer Phase-III-Studie mit deutlich mehr Patienten erforderlich“, sagt Ernst. Diese Studie läuft bereits und ist vollständig rekrutiert. Die Ergebnisse werden in einigen Monaten erwartet. Fallen sie überzeugend aus, könne anschließend eine Zulassung in Europa beantragt werden. Eine reguläre Verfügbarkeit vor Ende 2027 halten Fachleute allerdings für eher unrealistisch.
Die sechs Studien verfolgen unterschiedliche Wege, folgen aber derselben Logik: Krebs soll früher erkannt, gezielter behandelt und möglichst individuell therapiert werden. Und manchmal besteht der größte Fortschritt darin, eine belastende Behandlung wegzulassen.



















