Bozen – Zur Erklärung vorweg: Die konventionierte Privatmedizin umfasst private Kliniken und Einrichtungen, die bestimmte medizinische Leistungen im Auftrag des öffentlichen Gesundheitssystems erbringen. Sie werden dafür nach Tarifen bezahlt, die die Landesregierung festlegt.

Bevor konventionierte Leistungen an privatmedizinische Einrichtungen vergeben werden, wird der Bedarf erhoben – auf Basis der in den vergangenen fünf Jahren erbrachten Leistungen, der Wartezeiten sowie der Zahl der außerhalb Südtirols behandelten Patientinnen und Patienten. „Die Nachfrage nach medizinischen Leistungen hat von 2022 bis 2024 um zwölf Prozent zugenommen“, erklärt Luca Armanaschi, Verwaltungsdirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes und zuständig für die Vergabe der Konventionen: 15 Prozent mehr Magnetresonanzen, zwölf Prozent mehr Augenuntersuchungen, 21 Prozent mehr orthopädische Visiten. Als Gründe nennt Armanaschi die alternde Gesellschaft und das gestiegene Gesundheitsbewusstsein nach Corona. Will heißen: Genug sei letztlich nie.
Nach der Bedarfserhebung können private Anbieter ihr Interesse bekunden. Bei der ersten Ausschreibung 2025 geschah dies jedoch vor allem für lukrative Bereiche wie Orthopädie und Augenheilkunde, während andere Bereiche unbeachtet blieben. In einem zweiten Schritt gelang es Armanaschi mit einem geschickten Kniff, auch die ungeliebten Bereiche abzudecken: Wer gewinnbringende Leistungen erhalten wollte, musste zugleich eine vergleichbare Anzahl weniger profitabler Leistungen übernehmen. Konkret bedeutete dies Kombi-Pakete wie etwa 1.150 orthopädische Erstvisiten zusammen mit 1.150 kardiologischen Leistungen.
Die Rechnung ging zumindest teilweise auf: „Wir hätten in Sachen dermatologische Visiten 10.000 Leistungen benötigt, mit dieser Methode wurden 2.800 abgedeckt“, sagt Armanaschi. Insgesamt konnten für den Zeitraum 2026–2028 rund 300.000 Leistungen an die Privatmedizin vergeben werden – so viele wie noch nie. An diesem System soll festgehalten werden.
Tarife oft nicht kostendeckend

Einschub: Wie eingangs erwähnt, werden die Tarife für die Leistungen, die der Sanitätsbetrieb bei privaten Strukturen einkauft, vom Land festgelegt – unter Berücksichtigung der diesbezüglichen staatlichen Bestimmungen. Gesundheitslandesrat Hubert Messner findet das völlig in Ordnung: „Das macht insofern Sinn, als dass so verhindert wird, dass Konkurrenzsituationen und damit Schieflagen zwischen den Gesundheitssystemen der verschiedenen Regionen entstehen.“ Tatsache ist, dass Facharztvisiten, die auf dem privaten Markt zwischen 80 und 120 Euro kosten, der konventionierten Privatmedizin nur magere 40 Euro einbringen. „Indem größere und kombinierte Leistungspakete angekauft werden, ist die Attraktivität des Angebots für die Privatkliniken dennoch gegeben“, heißt es vonseiten des Sanitätsbetriebes.

Anders sehen es die Vertreter der Privatmedizin. „40 Euro sind nicht einmal kostendeckend“, sagt Rupert Waldner, Verwaltungsdirektor der Melittaklinik in Bozen. „Wir haben 45 Prozent höhere Personalkosten als im italienischen Durchschnitt – und Gesundheitsleistungen bestehen nun einmal zu über 60 Prozent aus Lohnkosten.“ Mit 50 Euro pro Visite ginge man auf null aus, sagt Waldner, der dafür plädiert, dass Südtirol sich dafür stark macht, in der Basismedizin primäre Kompetenz zu erhalten. Dass wichtige Bereiche wie Pandemie und Tumorbehandlung beim Staat verbleiben, sei in Ordnung. Primäre Gesundheitsleistungen sollte man jedoch autonom vor Ort regeln können, meint er.
Nur Aosta vergibt weniger konventionierte Leistungen
Tatsache ist, dass italienweit nur Aosta weniger konventionierte Leistungen an Private vergibt als Südtirol. Nur 1,1 Prozent der Sanitätsausgaben entfallen hierzulande darauf; in Aosta sind es 0,6 Prozent. In Südtirol werden dafür jährlich rund 17 Millionen Euro aufgewendet. Weitere 36 Millionen Euro fließen in akute Krankenhausaufenthalte und postakute Betreuung – auch hier liegt man hinter Aosta an zweiter Stelle. Darauf ist man stolz. Warum eigentlich? „Ziel ist es, das öffentliche Angebot zu verstärken und so viel wie möglich im öffentlichen Bereich abzudecken“, sagt Armanaschi. Gesundheitslandesrat Messner ergänzt: „Der vergleichsweise geringe Anteil von Konventionierungen zeigt im Grunde, dass der öffentliche Gesundheitsdienst in Südtirol gut funktioniert und imstande ist, die Gesundheitsversorgung unserer Bevölkerung zum allergrößten Teil abzudecken – und das auf qualitativ hochwertigem Niveau.“ Die privaten Anbieter seien „wertvolle Partner, die das Angebot des öffentlichen Gesundheitsdienstes ergänzen, wo es sinnvoll und notwendig ist.“
Die Sache mit den Wartezeiten
Könnte man nicht mit mehr konventionierten Leistungen Wartelisten abbauen? „Nein“, heißt es aus dem Gesundheitsressort. „Konventionierungen müssen sich rechtlich und planerisch am prognostizierten zukünftigen Versorgungsbedarf orientieren, nicht an historisch gewachsenen Wartelisten.“ Diese enthielten auch Rückstände aus der Vergangenheit, die sich nicht einfach durch zusätzliches Leistungsvolumen abbauen ließen, zumal Studien zufolge ein erweitertes Angebot neue Nachfrage erzeugt. „Eine Konventionierung über den objektiv ermittelten Bedarf hinaus würde zudem eine Überversorgung darstellen und wäre rechtlich wie finanziell problematisch.“
Im Jahr 2010 wurden Konventionen mit zehn privaten Strukturen geschlossen, 2025 waren es über 30, darunter sind renommierte Namen wie Melittaklinik, CityClinic, St.-Anna-Klinik in Meran, Martinsbrunn, Bonvicini-Klinik, Dolomites Medical Center, Omega, Brixsana, Salus Center u. a.. Dabei spielt der konventionierte Anteil nicht bei allen die gleich große Rolle, wie eine Umfrage ergeben hat.

Was die Privaten sagen

Wie sehen die privaten Anbieter die Zusammenarbeit mit dem Sanitätsbetrieb, und wie wichtig sind die Konventionen für sie? Elfi Kirmaier, Vorstandsmitglied der Bozner CityClinic und zuständig für die Konventionen, sagt, sie „würde die Frage gerne anders formulieren: Wie wichtig ist es für die zeitnahe Behandlung der Südtiroler Bevölkerung, dass der Sanitätsbetrieb mit den privaten Anbietern eng zusammenarbeitet und Leistungen auslagert, um beispielsweise Wartezeiten zu verkürzen?“ Und weiter: „Wir würden uns wünschen, dass die öffentliche Diskussion eine Wende nimmt und der Wert dieser Kooperation stärker anerkannt wird. Gemeinsam – öffentlich und privat – und durch noch mehr Zusammenarbeit können wir die Gesundheitsversorgung effizienter und patientenorientierter gestalten.“
In der CityClinic machen die medizinischen Leistungen, die im Auftrag des Sanitätsbetriebes erbracht werden, rund 20 Prozent der Gesamttätigkeit aus. Organisatorische Maßnahmen wie Personal-, Material- und Kapazitätsplanung erfordern ausreichenden Vorlauf und sind daher auf eine frühzeitige Einleitung der Vergabemodalitäten angewiesen, was laut Kirmaier für die Periode 2026–2028 sehr gut funktioniert hat.
„Ohne konventionierte Leistungen könnten alle Privatkliniken im Lande schließen. Sie sind total davon abhängig.“
Rupert Waldner führt zusammen mit seinen Brüdern Franz Xaver und Andreas die 1960 von ihrem Vater gegründete Melittaklinik in Bozen; diese gehört damit zu den Urgesteinen der konventionierten Privatmedizin im Lande. Waldner war lange Zeit Sprecher des Verbandes der Privatkliniken (SAPS), den es nicht mehr gibt, weil das Land zunehmend einzeln mit den Kliniken verhandelt hat. Waldner bringt die Lage auf den Punkt: „Ohne konventionierte Leistungen könnten alle Privatkliniken im Lande schließen. Sie sind total davon abhängig.“ Der Markt an reinen Privatpatientinnen und -patienten sei in Südtirol zu klein, um die Kliniken zu tragen. In der Melittaklinik machen die konventionierten Leistungen etwa 80 Prozent aus.
Auch Waldner wünscht sich – wie Kirmaier – mehr Wertschätzung: „Wenn man arbeitet, ist es gerechtfertigt, dass man Geld verdient. Aber wenn es jemandem ein Dorn im Auge ist, dass man mit Gesundheit Geld verdient, dann ist es schwierig für einen Privaten.“ Man fühle sich nicht als „Partner, sondern als notwendiges Übel“ – bei der Vergabe der Konventionen laute das Motto „Vogel, friss oder stirb“, es gebe keine Verhandlungsmöglichkeit. Sein Wunsch: Mehr Dialog und Zusammenarbeit zwischen den privaten konventionierten Anbietern und der Politik.

Viele konventionierte Leistungen erbringt auch die St.-Anna-Klinik in Meran; 70 Prozent machen sie aus. Wie wichtig sind diese konventionierten Leistungen? Generaldirektor Stefano Crespi gibt sich zurückhaltend: „Jede Branche ist unterschiedlich: Wirtschaftlich rentabel sind nur die Orthopädie und die Augenheilkunde sowie Radiologie und Betten.“ Zur Frage, ob man mit der Vergabe der Konventionen zufrieden sei, antwortet Crespi kryptisch: „Ich glaube, die Patienten sind zufriedener als die Kliniken. Aber doch.“

Auch die Brixsana erhält einen Teil vom Konventionierungskuchen. „Diese Leistungen sind für unsere Klinik von großer Bedeutung und machen etwa ein Drittel unserer medizinischen Tätigkeit aus“, lässt Direktor Marco Comploi wissen. „Im Allgemeinen sind wir mit der Vergabe der Konventionen zufrieden, auch wenn wir in gewissen Bereichen mehr Kapazitäten frei hätten.“
Keine Auskunft wollte man in der Dolomiti Sportclinic geben. Es handle sich um „ein sensibles Thema“, hieß es auf Anfrage. „Die Konvention mit dem Sanitätsbetrieb besteht, mit welchem es auch außerhalb der Konvention Zusammenarbeiten und Überschneidungen gibt…“, deshalb wolle man von einer Beantwortung der Fragen absehen.
Ein komplexes System eben.
Ulrike Stubenruß
DIE AUTORIN ist freiberufliche Journalistin.
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: Medizinische Zweckehe


















