Manchmal frage ich mich, ob es irgendwo auf der Welt eine geheime Zentrale gibt, von der aus gewisse Trends vorgegeben werden, an die sich dann alle zu halten haben. Damit meine ich nicht die offensichtlich gesteuerten Trends wie Röhrenjeans oder Undercut-Frisuren. Sondern jene „Moden“, die wellenartig über uns hereinrollen, ohne dass man sie kommen sah und ohne dass man genau benennen könnte, was sie ausgelöst hat. Ganz konkret: Kindernamen. Wer hat die Mode ausgerufen, dass alle Mädchen Emma, Emily, Amelie, Emilia oder Mia oder zumindest so heißen sollen, dass man ihren Namen auch zahnlos und im Vollrausch lallen kann? Wann ist das entschieden worden, dass Jonas, Benjamin und Tobias gute Jungennamen für 2017 sind, Hermann, Sigbert und Rochus hingegen nicht? Und vor allem: Wer hat das entschieden?
Ich finde, das wäre mal eine Weltverschwörung, deren Aufdeckung sich tatsächlich lohnen würde. Als Lehrerin leide ich seit Jahren darunter, dass die Kinder und Jugendlichen jahrgangsweise gleich heißen. Als ich mit dem Unterrichten anfing, gab es bei den Mädchen noch all die Ks. Mit diesem Buchstaben subsumierte ich die verschiedenen Schreibweisen eines Namens, der letztendlich für mich immer auf das Gleiche hinauslief: Katharina (eventuell auch ohne H). Caterina (eventuell auch mit K). Seltener Katrin. Manchmal Karin. Dazwischen gab es noch ein paar Magdalenas, Birgits, Stefanies und Elisabeths. Und die Jungs hießen gerne Stefan, Clemens, Dominik. Im Zweifelsfall konnte ich einen dieser Namen durch die Klasse rufen, irgendjemand würde darauf reagieren.
Heute unterrichte ich im Engadin in der Schweiz. Mädchen mit K gibt es hier so gut wie keine. Dafür jede Menge mit L: Luana, Laura, Leonie, Lorena, Livia, Lea. Zumindest als ich hier angefangen habe. Diese Generation rutscht aber so langsam in die oberen Klassen und schult aus. Die neuen Kohorten heißen schon wieder ganz anders. Die Ls sind jetzt dünner gesät. Dafür endet gefühlt jeder zweite Mädchenname auf -ina. Elina, Annina, Ursina, Ladina, Selina, Andreina, Romina, Sina, Tina, Gina. Natürlich gibt es, um mich zu verwirren, auch noch Ramona statt Romina, Elena statt Elina, Alisa statt Alina, Sira statt Sina. Und wenn die Schülerin ganz anders heißt, dann wahrscheinlich Noemi oder Naomi (und ich erwische die falsche Variante davon). Meine männlichen Schüler heißen mit Vorliebe Gian-Irgendwas. Gian-Andri, Gian-Marco, Gian-Luca. Nicht zu verwechseln natürlich mit denen, die Gion-Irgendwas heißen. Und natürlich gibt es jeden Gian-oder-Gion-Irgendwas-Namen auch ganz ohne das Gian oder Gion davor.
Nie werde ich den Blick vergessen, als ich meinen Schüler Flurin mit dem Namen seines Banknachbarn Gian-Flurin angesprochen habe. Welch ein Fauxpas! Das ist doch bitteschön etwas völlig anderes! Und natürlich hat er damit auch irgendwie Recht. Trotzdem frage ich mich, warum so viele Eltern innerhalb weniger Monate auf dieselben originellen Ideen kommen. Und dann plötzlich lauter Emils in die Welt setzen. Oder Leons. Oder Lenas. So ein Ägidius zwischendurch ist da richtiggehend herzerfrischend.
Wobei ich durchaus glaube, dass alle Elternpaare sich in der schwierigen Phase der Namensfindung schwören: Bloß kein Allerweltsname! Bloß nichts Modisches! Und dann ist das Kind da, und dann wird es halt doch wieder eine Sofia. Vielleicht mit ph. Oder mit -ie statt mit -ia. Der Originalität wegen. Natürlich sind diese Eltern auch überzeugt, dass IHRE Sofia (Sophia, Sophie) die einzig wahre Sofia ist und niemand so authentisch Sofia ist wie ihre Sofia und sie ganz alleine auf diesen seltenen und schönen Namen gestoßen sind. Und wahrscheinlich ist die Verwunderung dieser Eltern tatsächlich echt, wenn sie dann spätestens im Kindergarten merken, dass jedes zweite Kind auf denselben Namen hört wie ihr eigenes. Wow, so viele Eltern mit so gutem Geschmack!
Leider kommen und gehen diese Trends ohne Vorwarnung (obwohl sich gewisse Namen doch erstaunlich hartnäckig halten, man denke an die vielen Felixe der letzten Jahre). Das ist dann auch wieder ärgerlich. Sonst könnte ich mich ja darauf einstellen, einfach immer ein undeutlich genuscheltes „…ina“ durch die Klasse zu husten, wenn ich ein Mädchen aufrufen möchte. Oder ein in der zweiten Hälfte verschliffenes „Gian-…“, wenn ein Junge gemeint ist. Aber den Gefallen tut mir dann ja auch keiner. In ein paar Jahren kommt die Generationskohorte der Saras, Sarahs und Zaras, Hannas, Hannahs und Johannas. Die Jungs heißen dann vermehrt Elias, Elia und Liam. Vielleicht auch noch Louis oder Luis, Luca und Lukas. Oder Noah (mit und ohne h). Und meine Namenverwechslerei geht wieder von vorne los.
Natürlich ist mein Seufzen umsonst. Wenn ein Trend da ist, dann ganz oder gar nicht. Eine gerechte Verteilung aller existierenden Vornamen auf alle Neugeborenen wäre zu schön, um wahr zu sein. Dann gäbe es nur EINE Mathilda, nur EINEN Finn. Und die anderen Kinder hießen Helga, Robert, Babette und Horst. Freilich könnte man nun einwenden, dass es doch genauso mühsam wäre, sich all diese verschiedenen Namen zu merken. Meine Beobachtung ist jedoch, dass ich genau die Schüler mit den einzigartigen Namen auch am wenigsten verwechsle. Vielleicht kommt das auch aus meiner eigenen Lebenserfahrung. Mein Vorname hat mir als Kind nicht viel Freude gemacht. Aber ich bin den meisten Leuten damit zumindest in Erinnerung geblieben („das Mädchen mit dem komischen Namen“). Heute sind eigenwillige Vornamen nicht mehr gesellschaftlich stigmatisiert. Dennoch haben Eltern interessanterweise immer nur den Mut zum kollektiven Neuen. In den Neunzigern war ein Sohn namens Kevin durchaus eine Neuerung. Aber die kam dann gleich massenhaft. Womit ich wieder bei meiner Ausgangsfrage angelangt bin: Wo liegt die geheime Zentrale, in der das entschieden wird? Mit den Verantwortlichen hätte ich mal ein Wörtchen zu reden.
















