Bozen – „Grüne Bohnen?“ Die Bäuerin am Bauernmarktstand zieht die Wollmütze zurecht: „Da kommen sie ein paar Wochen zu spät. Wir führen nur saisonale Produkte, das meiste aus eigenem Anbau.“ Sie zeigt auf ein kleines Schild, wo genau das draufsteht. „Den Rest kaufen wir von Nachbarhöfen zu.“ Die Kundin mit Bastkorb nickt zufrieden und will wissen, wo genau der Käse herkommt. Von dem wolle sie auch ein Stück, außerdem Rohnen, Kohl und Karotten.
Wer am Bauernmarkt einkauft, tut dies ganz bewusst. Regionale Produkte liegen im Trend, schneiden bei den Südtiroler Verbrauchern laut einer Eurac-Umfrage sogar besser ab als Bio- oder Fair-Trade-Lebensmittel. Was aus der Region kommt, kann nur gut sein, sind die meisten Verbraucher überzeugt. Die Region ist überschaubar und weit weg von den Skandalen der industriellen Lebensmittelproduktion. Die Region ist vertraut. Auch glauben Konsumenten, auf lokale Erzeuger einen gewissen Druck ausüben zu können. Wer lokal kauft, fördert zudem die lokale Wirtschaft und leistet einen Beitrag zur Erhaltung der Kulturlandschaft. Und weil die Transportwege kurz sind, schützen wir obendrein die Umwelt. Ist „regional“ also das Allheilmittel?
Zumindest ist es in Mode. Und weil dem so ist, haben längst auch große Handelsketten und Discounter ihre Heimatverbundenheit entdeckt. In vielen Supermarktfilialen lächelt den Kunden schon von Weitem aus dem „regionalen Eck“ ein lebensgroßer Papp-Bauer entgegen. Er wirbt mit Slogans wie „Von der Region für die Region“, „Von Dahoam das Beste“, „Ein gutes Stück Heimat“.
Was genau aber heißt „regional“? Bei Obst und Gemüse ist die Herkunft ja relativ leicht nachzuweisen, aber wie verhält es sich bei „regionalem“ Brot oder Joghurt? Bei Nudeln, Keksen, Marmelade? Kommen da alle Zutaten aus der Region? Wie groß darf der Anteil an Inhaltsstoffen sein, die nicht aus der Region kommen?
Christian Hoffmann, Forscher am Eurac-Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement, mahnt zur Vorsicht: „Regional ist weder ein Label noch ein Zertifikat! Es ist ein Konzept, das auf Vertrauen basiert. Hier schöpfen Produzenten schon mal den gesetzlich zugelassenen Rahmen aus, um ihre Produkte als regional bezeichnen zu können.“
Im Grunde genommen darf sich jedes Produkt, das in der Region hergestellt wird, „regional“ nennen, selbst wenn nicht alle Inhaltsstoffe aus der Region stammen. Wir kennen das vom „heimischen“ Speck: Die 3,2 Millionen Schweine für die jährliche Hammen-Produktion können unmöglich in Südtirol aufgezogen werden, trotzdem nimmt der Konsument den Südtiroler Markenspeck als regionales Produkt wahr. Er führt auch das europäische Label G.G.A. (siehe beigestellten Infokasten).
Wenn Inhaltsstoffe aus dem Ausland kommen, wie sieht es dann noch aus mit den kurzen Transportwegen? Und mit der besseren Kontrolle der Produktion?
Was die Ökobilanz angeht, so gibt Christian Hoffmann zu bedenken, dass „regional“ selbst bei hundertprozentig einheimischen Produkten nicht immer auch „nachhaltig“ bedeutet: „Wenn ich beispielsweise Südtiroler Äpfel außerhalb der Saison beziehe, die im Kühllager gelagert werden, dann schaut deren Ökobilanz nicht besser aus als jene von Äpfeln, die aus Neuseeland mit Containerschiffen importiert wurden.“
Und kann bei lokalen Produkten wirklich besser kontrolliert werden, wie sie hergestellt werden? Christian Fischer, Professor für Agrar- und Ernährungswirtschaft an der Freien Universität Bozen, sagt dazu: „Theoretisch ja – aber die Realität ist häufig eine andere.“ Wenn zum Beispiel viele Südtiroler Konsumenten überzeugt sind, heimische Bauern seien die besseren Tierhalter, wie eine Studie der unibz ergab, dann sieht Fischer darin einen gewissen „Verbraucherpatriotismus“, der nicht immer eine reale Grundlage hat. „Wie überall auf der Welt gibt es auch in Südtirol vorbildhafte Produzenten und schwarze Schafe. Gerade kleine Betriebe investieren manchmal nicht rechtzeitig und ausreichend in moderne Produktionsweisen.“ Auch in diesem Punkt bedeutet „regional“ also nicht automatisch „optimal“.
In welcher Größenordnung wird überhaupt von Region gesprochen? Auch das ist eine ungeklärte Frage. Liegt „Region“ im Umkreis von 50, 100 oder 200 Kilometern? Christian Hoffmann weigert sich, Regionalität an einer bestimmten Distanz festzumachen. Region sei ein funktional und kulturell zusammengehörender Raum. Und der könne sehr klein sein – etwa eine Talschaft –, aber durchaus auch größer als Südtirol – beispielsweise eine Euregio. So gesehen kann ein Käse aus dem Trentino oder der unmittelbar benachbarten Schweiz auch in Südtirol noch als regionales Produkt angesehen werden.
Die Südtiroler Bauernmärkte führen keinen Trentiner oder Schweizer Käse. Sie fassen den Begriff „regional“ sehr eng. „Sie zählen aber auch zur alternativen Form der Lebensmittelversorgungsnetzwerke“, erklärt Christian Fischer. Für hundertprozentig regionale Lebensmittel steht auch die Initiative „Solidarische Landwirtschaft“. Bei dieser bezahlt eine Gruppe von Leuten einem Bauern am Jahresanfang einige hundert Euro, mit denen er wirtschaftet; als Gegenleistung erhalten sie saisonale Produkte. „Bauernmärkte und die Solidarische Landwirtschaft sind Nischeninitiativen, die vor allem in Städten wachsen“, so Fischer. Sie seien aber nur Ergänzungen zu konventionellen Produktions- und Distributionsstrukturen und keinesfalls ein Ersatz dafür: „Im Sinne von breiten Verbraucherwahlmöglichkeiten sind sie absolut zu begrüßen. Prinzipiell bringt eine große Auswahl für den Kunden aber immer auch gesellschaftliche Mehrkosten mit sich, und deshalb muss ein gesundes Gleichgewicht zu finden sein. Dies bewerkstelligt der Markt, und man wird sehen, was sich letztendlich behauptet und bleibt.“
Entscheidungserleichterung für den Konsumenten gibt es also keine. Wer gute, regionale Lebensmittel kaufen will, muss jedes Angebot auf seinen konkreten Wert hin überprüfen und Produktvergleiche anstellen. Und wer auf Nachhaltigkeit Wert legt, sollte nicht nur überlegen, was er kauft, sondern auch wie er den Einkauf erledigt, mahnt Christian Hoffmann: „Die Verantwortung des Konsumenten beginnt schon mit der Entscheidung, ob er für den Weg zum Geschäft das Fahrrad oder das Auto nimmt.“















