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Reboarding: Der zweite erste Arbeitstag

REBOARDING – Zurückkommen ist kein Zurückspulen. Besonders deutlich wird das nach Mutterschutz und Elternzeit. Wie drei Frauen den Wiedereinstieg in ihren Beruf erlebt haben, was Unternehmen konkret tun können – und warum eine gute Rückkehr oft schon vor dem Weggehen beginnt.

Antonia Sell von Antonia Sell
26. Juni 2026
in Südtirol
Lesezeit: 8 mins read

Elisa Abetini, Berta Pircher und Rafaela Pittschieler (Fotos: Oskar Verant Fotografie / HappyBee, ManuelaTessaro / René Federspieler)

Bozen – Reboarding klingt nach Personalabteilung, nach Prozess, nach Checkliste. Tatsächlich geht es um Menschen, die nach einer längeren Abwesenheit an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Das gilt nach Krankheit, Arbeitsunfall, Pflege von Angehörigen, Sabbatical, Auslandsentsendung oder internem Wechsel. Besonders sichtbar wird es aber dort, wo Beruf und Privatleben mit voller Wucht ineinandergreifen: nach Mutterschutz und Elternzeit.

Denn Mutterschaft ist keine Pause vom Leben, kein langer Urlaub. Wer nach Monaten mit Baby, Schlafmangel, Stillrhythmus und neuer Verantwortung zurückkommt, ist nicht dieselbe Person wie vorher. Auch Väter, die Elternzeit nehmen, kehren nicht unverändert an ihren Schreibtisch zurück.

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Genau hier setzt Reboarding an: Es soll die Rückkehr nicht dem Zufall überlassen, sondern Orientierung geben, Rollen klären und dafür sorgen, dass Menschen fachlich wie sozial wieder gut ankommen.

Mehr als eine nette Geste

Für Ursula Obermair, Partnerin und Arbeits- und Organisationspsychologin bei Human&Human, ist Reboarding mehr als nur eine nette Geste. „Vor allem aus Unternehmenssicht ist es extrem hilfreich, weil Menschen schneller wieder produktiv sind“, so Obermair. Wer zurückkommt, müsse sich neu orientieren: Welche Prozesse, Tools, Ziele oder Anforderungen sind neu? Wer ist dazugekommen oder gegangen? Was gilt noch?

Ursula Obermair (Foto: Franziska Unterholzner)

Gerade bei Müttern werde zwar häufig gesehen, dass die Rückkehr organisiert werden muss. Gleichzeitig werde der Wiedereinstieg aber oft auf Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle oder Betreuungspflichten reduziert. Dabei gehe es um mehr: um Rolle, Zugehörigkeit, Sicherheit und darum, ob eine Mitarbeiterin nach einer prägenden Lebensphase wieder ihren Platz findet. Obermaier: „Wenn ich unsicher bin, kann ich nicht gut Leistung erbringen.“

Reboarding sei Teil des Mitarbeiterlebenszyklus – neben Onboarding und Offboarding. Doch während Einstieg und Abschied oft bewusst gestaltet werden, bleibe die Rückkehr häufig der blinde Fleck, so Obermair.

Der Wiedereinstieg beginnt vorher

Der Wiedereinstieg beginnt nicht erst am ersten Arbeitstag nach der Rückkehr. Bei geplanten Abwesenheiten sollte schon vorher geklärt werden, was übergeben wird, welche Prioritäten gelten und wie viel Kontakt während der Abwesenheit gewünscht ist.

Denn wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter geht, verändert sich nicht nur die eigene Rolle. Auch Aufgaben, Zuständigkeiten und Routinen im Team geraten in Bewegung. Damit die Rückkehr nicht für Irritation sorgt, brauche es Klarheit. „Schlimm ist, wenn es im Team nicht besprochen wird“, sagt Obermair. Also nicht: Jemand ist plötzlich wieder da und arbeitet nur bis elf Uhr. Sondern: Das Team weiß vorher, wann die Person da ist, welche Aufgaben sie übernimmt und warum.

„Nicht jede individuelle Lösung ist automatisch ungerecht. Schlimm ist, wenn es im Team nicht besprochen wird.“ Ursula Obermair

Nicht jede individuelle Lösung sei automatisch ungerecht. Entscheidend sei, dass Führungskräfte sie gut erklären: Was heute für eine Mutter möglich ist, kann morgen auch für andere gelten – bei Pflege, Krankheit, Burnout oder einer anderen Belastung. So wird Reboarding nicht zur Sonderbehandlung, sondern zu einem fairen Instrument für unterschiedliche Lebensphasen.

Ankommen im Alltag

Hilfreich könne auch ein Buddy sein: eine Kollegin oder ein Kollege auf gleicher Ebene. Jemand, dem man Alltagsfragen stellen kann – zu Team, Routinen und unausgesprochenen Regeln. „Das soziale Reboarding ist wichtig“, sagt Obermair. Oft entscheiden gerade diese kleinen Dinge über Zugehörigkeit. Fehlt diese Begleitung, kann aus Unsicherheit schnell Abstand werden. „Oft verliert man die Leute, wenn sie wieder zurückkommen, weil sie sagen: Ich finde mich nicht mehr zurecht.“

Was Reboarding im Alltag bedeutet, zeigen drei Mütter und ihre ganz unterschiedlichen Rückkehrgeschichten.

 

Elisa Abetini (Foto: Oskar Verant Fotografie)

Elisa Abetini: „Ich wollte keinen Part-Time-Stempel“

Auch Elisa Abetini hat erlebt, wie viel sich durch Mutterschaft verändert. Die 36-Jährige hat zwei Kinder und arbeitet bei IDM Südtirol im Business Development. Vor ihrer ersten Mutterschaft war sie viel unterwegs und beruflich stark eingebunden. Dass Kolleginnen mit Kindern um halb zwei den Stift fallen lassen mussten, habe sie damals nicht wirklich verstanden. Heute sagt sie: „Im Nachhinein habe ich echt ein schlechtes Gewissen für meine Gedanken, die ich damals hatte.“

Nach dem ersten Kind kehrte Abetini bereits nach ein paar Monaten in Teilzeit zurück. Möglich war das, weil ihr Mann von Anfang an stark eingebunden war und auch der Arbeitgeber ihr entgegenkam. „Wir haben flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten.“

Trotzdem kam Abetini nicht einfach in ihre ursprüngliche Rolle zurück. „Während meiner Abwesenheit wurden Aufgaben und Verantwortlichkeiten neu organisiert, meine Stelle wurde anderweitig besetzt“, sagt sie. Für sie bedeutete das, sich fachlich neu einzuarbeiten und die eigene Rolle wiederzufinden. „Mir war wichtig, nicht den Teilzeit-Stempel zu bekommen. Leistung, Erfahrung und Verantwortung lassen sich nicht allein an der Anzahl der Arbeitsstunden messen.“ Dabei gehe es nicht um Sonderbehandlung. „Du bist jetzt Mutter und wir packen dich in Watte – das nicht.“ Vielmehr brauche es Rahmenbedingungen, die Familie und Beruf möglich machen. „Ich bin stolz darauf, Mutter zu sein, und ich bin stolz darauf, zu arbeiten. Beides gehört zu mir.“

„Während meiner Abwesenheit wurden Aufgaben und Verantwortlichkeiten neu organisiert, meine Stelle wurde anderweitig besetzt.“ Elisa Abetini

Auch auf Arbeit blicke sie seit der Mutterschaft anders. „In so kurzer Zeit so viele Prioritäten zu setzen, Entscheidungen zu treffen und mit permanenten Veränderungen umzugehen, habe ich vorher noch nie erlebt.“ Die Rückkehr sei deshalb auch eine Veränderung. „Da kommt irgendwie die Alte zurück – aber gleichzeitig auch eine neue Person mit zusätzlichen Kompetenzen und viel persönlichem Wachstum.“

Nach dem zweiten Kind blieb Abetini zwei Jahre zu Hause. „Die erste Zeit ist einfach krass. Man kommt schon auch ans Limit.“ Seit rund zwei Jahren arbeitet sie wieder in Teilzeit – heute mit Schwerpunkt auf der Positionierung Südtiroler Produkte im internationalen HoReCa-Markt, also in Hotellerie, Restaurants und Catering. Bis sie sich vollständig angekommen fühlte, habe es ein paar Monate gedauert.

Heute sieht Abetini ihre Rückkehr differenziert. Einerseits arbeite sie in einem sehr familienfreundlichen Betrieb. Andererseits hätte sie sich gewünscht, dass ihre früheren Kompetenzen im alten Aufgabenbereich stärker gesehen und genutzt werden. „Es braucht Rahmenbedingungen für alle – für Mütter, Väter und Eltern generell“, sagt Abetini.

 

Berta Pircher (Foto: HappyBee / ManuelaTessaro)

Berta Pircher: „Ich war viel zu früh zurück“

Berta Pircher weiß, wie sich ein Wiedereinstieg anfühlen kann, wenn er nicht gut begleitet wird. Die 40-Jährige ist heute selbstständig. Zuvor kehrte sie zweimal nach einer Mutterschaft in ein Unternehmen zurück.

Schon der Moment, in dem sie ihre erste Schwangerschaft mitteilte, sei schwierig gewesen. „Es wäre für mich so schön gewesen, wenn das trotz der Emotionen auf beiden Seiten sachlich besprochen worden wäre und ich nicht mit einem schlechten Gefühl aus einem Meetingraum gehe, wo ich gerade gesagt habe, dass ich Mutter werde“, sagt Pircher. Damals musste sie zudem ihre Stellvertretung selbst suchen. „Das war mit sehr viel Druck verbunden.“

Auch vor der Rückkehr fehlte Klarheit. „Ich wurde sehr lange im Dunkeln gelassen“, sagt Pircher. „Diese Ungewissheit war ermüdend.“ Was sie gebraucht hätte? „Klare, sachliche Kommunikation und Absprachen, an die man sich hält.“ Ein einzelner Moment half ihr dennoch: Kurz vor ihrer Rückkehr wurde sie zu einem internen Termin eingeladen. „Das war für mich wertvoll, weil ich gemerkt habe: Die haben mich auf dem Schirm, ich gehöre noch oder wieder dazu.“ Trotzdem merkte Pircher nach der Rückkehr schnell: „Es war nicht mehr mein Platz.“ Nach rund einem Monat kündigte sie.

 „Ein Team ist wie ein Mobile. Sobald ein Teil in Bewegung kommt, kommt das ganze Mobile in Bewegung.“ Berta Pircher

Noch schwieriger erlebte Pircher die Rückkehr nach der zweiten Mutterschaft. Ihre Tochter war damals erst fünfeinhalb Monate alt. „Ich glaube, das habe ich immer noch nicht verdaut“, sagt sie. „Das war zu viel für uns beide.“ Schon während der Mutterschaft sei sie weiter Ansprechpartnerin geblieben. Einmal habe sie ihre Tochter gestillt und gleichzeitig eine Krisensitzung mit Mitarbeitenden geführt. „Ich war damals außerstande, Nein zu sagen.“

Pircher ist überzeugt: Unternehmen unterschätzen oft, was ein Weggang und eine Rückkehr im Team auslösen. „Wir sind wie ein Mobile. Sobald ein Teil in Bewegung kommt, kommt das ganze Mobile in Bewegung.“ Wichtig sei deshalb Rollenklarheit – auch für jene Person, die zwischenzeitlich übernimmt. „Wenn ich zurückkomme, ist nicht einfach alles wieder wie vorher. Auch für die Stellvertretung verändert sich wieder etwas.“

Entscheidend seien offene Gespräche. „Es wird ganz oft hinten herum über Frauen geredet, die in Mutterschaft gehen oder zurückkommen. Und das spürt man. Das ist richtig unangenehm.“ Für Pircher zählt deshalb auch der menschliche Blick auf die Rückkehr: Wer aus der Elternzeit zurückkommt, stehe nicht einfach wieder dort, wo er vorher aufgehört hat. „Ich bin aus der Elternzeit als ein neuer Mensch wiedergekommen.“

 

Rafaela Pittschieler (Foto: René Federspieler)

Rafaela Pittschieler: „Reboarding fängt in der Schwangerschaft an“

Dass ein Wiedereinstieg auch gut gelingen kann, zeigt Rafaela Pittschieler. Die 39-Jährige arbeitete bei X Timber in einer strategisch wichtigen Position. Heute ist sie selbstständig, arbeitet aber weiterhin projektbezogen mit dem Unternehmen zusammen.

Als Pittschieler schwanger wurde, habe sie Sorge gehabt, es ihrem Chef zu sagen. „Ich habe gedacht: Das wird ihn jetzt nicht freuen.“ Doch die Reaktion fiel anders aus. „Er hat sich voll gefreut.“ Früh war klar, dass sie zurückkommen wollte. „Ich habe gesagt, ich würde gern nach sechs Monaten zurückkommen und schon ab drei Monaten sporadisch zur Verfügung stehen, wenn es Fragen gibt.“

Nach rund sechs Monaten begann sie wieder zu arbeiten, zunächst von zu Hause aus, wenig später regelmäßig im Unternehmen. Möglich war das auch, weil ihr Mann drei Monate zu Hause blieb. „Für uns war von Anfang an klar, dass wir uns die Verantwortung 50/50 teilen“, sagt Pittschieler.

Im Unternehmen habe sie wenig Bruch erlebt. „Ich habe gemerkt, dass alle froh waren, dass ich zurück bin – und dass alle verwundert waren, dass ich schon wieder da bin.“ Das Thema Rabenmutter habe sie dennoch gespürt – nicht vom Chef, eher von Männern im weiteren beruflichen Umfeld, die ein klassisches Rollenverständnis gehabt hätten. Auf ihre Arbeit habe das aber keinen Einfluss gehabt. Kurz nach ihrer Rückkehr wurde Pittschieler sogar zum COO befördert und kam in den Verwaltungsrat – obwohl ihre Familienplanung noch nicht abgeschlossen war. „Ich habe das ganz transparent gesagt“, erzählt sie. Entscheidend sei für ihren Chef aber nur gewesen, dass sie den Job gut mache. „Das war schon richtig toll.“

„Für mich sind vor allem drei Dinge entscheidend: Flexibilität, wissen, welchen Job ich danach habe, und wissen, dass meine Betreuungssituation passt.“ Rafaela Pittschieler

Was Unternehmen beim Reboarding richtig machen können? Für Pittschieler sind es vor allem drei Dinge: „Flexibilität, wissen, welchen Job ich danach habe, und wissen, dass meine Betreuungssituation passt.“ Zugleich ist sie überzeugt: „Reboarding fängt in der Schwangerschaft an.“ Sobald ein Unternehmen von der Schwangerschaft erfährt, sollten erste Gespräche beginnen: Welche Optionen gibt es? Welche Modelle sind realistisch? Was braucht die Mitarbeiterin – und was braucht das Unternehmen? „Nicht als Bedrohung“, sagt Pittschieler, „sondern als Aufklärung.“

Aus ihrer Arbeit im Frauennetzwerk Wnet weiß die 39-Jährige, dass ihre Erfahrung nicht selbstverständlich ist. Immer wieder höre sie von Frauen, die nach der Rückkehr an Verantwortung verlieren. „Die hatten vorher tolle Jobs und danach hatten sie nichts mehr.“ Und dann stelle sich die Frage: „Wenn du weißt, du kommst danach aufs Abstellgleis, welchen Ansporn hast du dann, zurückzukommen?“

Am Ende gehe es um Planbarkeit auf beiden Seiten. Unternehmen wollten wissen, worauf sie sich einlassen – Eltern wollten wissen, ob Betreuung, Rolle und Rückkehr zusammenpassen. „Wer Kinder hat, hat andere Einschränkungen zeitlicher und koordinativer Natur als jemand ohne Kinder.“ Und: „Allein mit den Frauen lösen wir es nicht“, so Pittschieler. Unternehmen müssten Familiensituationen individueller mitdenken – bei Müttern wie bei Vätern.

Reboarding bei Dr. Schär

Nicole Stampfer (Foto: Dr. Schär)

Wie Reboarding konkret werden kann, zeigt Dr. Schär. Das Unternehmen ist, wie mehr als 100 weitere Betriebe und Organisationen in Südtirol, mit dem Audit familieundberuf zertifiziert. „Wir legen besonderen Wert auf die Rückkehr von Müttern und begleiten sie aktiv beim Wiedereinstieg“, sagt Nicole Stampfer, P&O Manager & Recruiting Italy bei Dr. Schär.

Neben einer Broschüre zur Elternzeit wird vor allem die Rückkehr früh geplant. „Wir führen während der Abwesenheit Gespräche mit der betreffenden Person, auch einige Wochen vor der Rückkehr, um den Wiedereinstieg strukturiert vorzubereiten“, sagt Stampfer. „In diesen Gesprächen definieren wir die Rolle nach der Rückkehr im Detail und bieten auch flexible Arbeitszeitlösungen an, wie beispielsweise Teilzeit oder zu Beginn reduzierte Stunden.“

Die Rückkehr laufe dabei nicht nach Schema F. „Wir begleiten Mütter beim Wiedereinstieg – sei es in die ursprüngliche Position oder gegebenenfalls auch in eine neue Rolle bzw. ein neues Team“, sagt Stampfer. Unterstützung bieten zudem die Betriebskita und „Dr. Schär Kids Care“, eine Betreuung während der Ferienzeiten.

Schlagwörter: 25-26free

Ausgabe 25-26, Seite 4

Antonia Sell

Antonia Sell

Aufgewachsen im Norden, studiert in Göttingen und Wien, gearbeitet in Zürich, Berlin und Hamburg. Nach elf Jahren bei der BILD ihrem Herzen und ihrem Mann in seine Südtiroler Heimat gefolgt. Liebt weite Horizonte, herzhaftes Essen, mineralischen Wein und authentische Geschichten.

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