Bozen/Rom – Der Bozner Freiberufler hat das Erlebnis noch immer nicht ganz überwunden. 13 Monate lang, so sagt er, habe er die Steuerkontrolleure im Haus gehabt, zuerst die Finanzpolizei, dann Mitarbeiter der Einnahmenagentur. „Ich musste ihnen ein eigenes Büro zur Verfügung stellen und immer wieder neue Unterlagen heraussuchen. Glauben Sie mir, ich war während der Zeit total unproduktiv“, erzählt der Freiberufler, und sein Unmut ist nicht zu überhören. Festgestellt hätten die Kontrolleure letztendlich keine wirklich bedeutenden Vergehen. „Kleinigkeiten finden sie immer, denn angesichts der Komplexität der Steuergesetzgebung ist es praktisch unmöglich, alles richtig zu machen. Aber unterm Strich waren die 13-monatigen Kontrollen bei mir für den Staat ein Verlustgeschäft. Das zahlen alles die Steuerzahler“, so der Freiberufler, bei dem der anfängliche Unmut inzwischen in Entrüstung umgeschlagen ist.
Als die Kontrolleure kamen, erschrak besagter Freiberufler über sich selbst. Er habe Angst empfunden, und er habe schlecht geschlafen. Dabei habe er eigentlich ein reines Gewissen gehabt und nichts zu verbergen. Zwar versuchte er sich selbst zu beruhigen, ein mulmiges Gefühl blieb trotzdem, wenn er die Kontrolleure in ihrem Kämmerlein sah, wie sie sich über die Betriebsunterlagen beugten. Und jedes Mal, wenn sie nach weiteren Unterlagen fragten, stellte sich der Freiberufler die immergleiche Frage: „Haben wir alles richtig gemacht?“ Abgesehen davon, habe das Heraussuchen der Unterlagen viel Arbeitszeit gekostet und auch die Unterstützung des Wirtschaftsberaters beansprucht.
Seinen Namen möchte der Freiberufler nicht in der Zeitung lesen. Aber so wie er berichten viele Unternehmer von ihren unangenehmen Erlebnissen mit Steuerprüfungen. Ihre Kritik richtet sich keineswegs gegen die Kontrollorgane und deren Mitarbeiter: Die würden nur ihre Arbeit machen, und die Form der Kontrollen sei in den vergangenen Jahren eh viel professioneller geworden – es wird nicht mehr mit Maschinengewehren aufmarschiert, sagen Betroffene. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen die Steuergesetzgebung, deren Vereinfachung die Politik zwar oft versprochen hat, die aber nicht gelingen will.
Die Komplexität und die ständigen Änderungen stellen die Unternehmen vor Probleme und fordern Fehler geradezu heraus. Die Komplexität fordert und überfordert aber genauso die Kontrolleure. So erklärt sich, dass bei Steuerprüfungen wechselnde Teams ins Unternehmen kommen. So erklärt sich wohl auch, dass die Steueransprüche, die die Kontrolleure mit der Steuerfestsetzung erheben, nicht immer zur Gänze in Inkassi für den Staat münden. Entweder es wird gerichtlich die Unangemessenheit der Forderung festgestellt, oder die Einnahmenagentur und das Unternehmen einigen sich außergerichtlich auf einen Kompromiss. Solche Übereinkünfte sind der erschreckende Ausdruck dafür, wie verschwommen die Steuergesetze sind. Warum sonst sollte Verhandlungsbedarf bei der Steuerpflicht bestehen? Und wen wundert’s, wenn Unternehmer zuweilen den Verdacht äußern, die Kontrollorgane seien vom Erfolgsdruck getrieben, weil die italienischen Regierungen alljährlich (zu) hohe Einnahmenziele aus dem Kampf gegen die Steuerhinterziehung in ihr Stabilitätsgesetz schreiben, um von Brüssel das Okay für die Haushaltspolitik zu ernten? Ein beeindruckendes Beispiel war jüngst der Fall des Energieunternehmens Sel, bei dem aus einer ursprünglichen Steuerforderung von 600 Millionen 35,7 Millionen wurden. Wie ist so etwas möglich? Das haben sich viele Südtiroler gefragt. Ein Erklärungsversuch ist auf Seite 5 dieser SWZ nachzulesen.
Kinder haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie etwas angestellt haben. Unternehmer beschleicht ein schlechtes Gewissen, selbst wenn sie sich keines Steuervergehens bewusst sind. Das ist bedenklich. Sie würden sich eine Steuergesetzgebung wünschen, die verständlich ist und keinen Interpretationsspielraum lässt. Sie würden sich wünschen, sich auf Steuerprüfungen vorbereiten zu dürfen, denn verdunkeln lässt sich nachträglich sowieso nichts. Sie würden sich wünschen, keine Angst vor Steuerprüfungen haben zu müssen.















