Reschen/Burgeis – Wer von Mals in Richtung Reschen unterwegs ist und seinen Blick auf die linke Talseite wendet, wird sofort auf zwei Gebäude aufmerksam. Das eine ist das imposante Kloster Marienberg, das andere das Hotel Gerstl, das wie ein Adlerhorst hoch über dem Talboden in den steilen Hang gesetzt scheint, wobei durch die Überbauung der Straße nach Schlinig Platz für verschiedene Einrichtungen geschaffen wurde. „Das Gerstl Alpine Retreat“ heißt das Fünf-Sterne-Haus heute, und der Name verrät, was die Gastgeber bieten wollen: einen komfortablen und naturnahen Rückzugsort in einer alpinen Umgebung.
Die ersten Gäste kamen mit dem Traktor
Dabei hat alles sehr bescheiden begonnen – und irgendwie wagemutig und abenteuerlich. 1964, also vor gut 60 Jahren, haben Josef und Klara Gerstl, die Großeltern von Lukas Gerstl, im Watles-Gebiet mit dem Bau der Jausenstation Gerstlhof mit vier oder fünf Zimmern begonnen und diese geführt. Dabei hatte das Paar auch noch zwölf Kinder zu versorgen. Es gibt noch ein Foto aus dem Jahr 1970, das zeigt, wie Gäste auf einem Traktor mit Anhänger an ihr Ziel gebracht wurden, denn die Straße nach Schlinig, an der das Haus steht, wurde erst 1973 gebaut.
Es gibt noch ein Foto aus dem Jahr 1970, das zeigt, wie Gäste auf einem Traktor mit Anhänger an ihr Ziel gebracht wurden.
Eines der Kinder, der 1951 geborene Martin, war ein Kandidat für die Nachfolge. Er absolvierte eine fünfjährige Kochlehre in einem Hotel im Nordtiroler Zirl und arbeitete dann sieben Jahre lang in einem Hotel in der Schweiz. Dort lernte er seine spätere Frau Susanna Blaas aus dem benachbarten Planeil kennen, die dort eine Servicelehre absolvierte. Die beiden kehrten dann zurück und begannen, im Gerstl zu arbeiten. Der Gasthof, der vom geschlossenen Hofe abgetrennt wurde und deshalb weiterentwickelt werden konnte, verfügte zu Beginn der 1980er-Jahre immerhin bereits über knapp 40 Betten. Im Jahr 1983 verunglückte Josef Gerstl, und im Jahr darauf übernahm Martin den Betrieb und führte ihn mithilfe von Susanna, die er damals heiratete. Bereits 1980 war ihr Sohn Jürgen zur Welt gekommen, 1984 dann Marion, 1987 folgte Lukas und 1989 schließlich Sarah. Martin und Susanna verbesserten und erweiterten den Gasthof, aus dem schließlich ein 3-Sterne-Superior Hotel mit knapp 60 Betten wurde.
Hotelier im Alter von 23
Als Martin 57 war, begann er sich Gedanken über die Nachfolge im Unternehmen zu machen, denn es war seine feste Absicht, dieses noch vor seinem 60. Geburtstag im Jahr 2011 zu übergeben. Jürgen, der Erstgeborene, war beruflich andere Wege gegangen, und so fiel die Wahl auf Lukas, zumal dieser wie sein Vater eine Ausbildung als Koch gemacht und im Hotel Lindenhof in Naturns gearbeitet hatte, wo ihm sein Chef auch außerhalb der Küche viel Know-how vermittelte. Im Alter von nur 23 Jahren übernahm Lukas voller Tatendrang das Gerstl.
Wenige Jahre später lernte er bei einer Veranstaltung der HGJ Marion De Carli kennen, deren Familie das Parc Hotel am Kalterer See gehört und die dieses auch führt. Die beiden wurden ein Paar. Marion verfügt über viel Wissen und Erfahrung in den Bereichen Rezeption und Marketing, sodass sich das Duo in Kenntnissen und Fertigkeiten gut ergänzt. Sie entwickelten das Hotel weiter – baulich, aber auch konzeptionell. Dabei floss viel von der Philosophie der Angebotsgruppe Vitalpina Hotels ein. Es geht dabei darum, den Gästen einen Aktivurlaub auf hohem Niveau zu bieten, dazu beizutragen, dass sie Berge erleben, dass sie eintauchen in diese Landschaft, mit ihr leben – und sich in gewisser Hinsicht heimisch fühlen.

Der Aufstieg zum 4-Sterne-Hotel
Ab Ende 2012 hieß das Hotel „Alpina & Relax Hotel Das Gerstl“, verfügte über einen großen Innenpool und wies eine Einstufung als 4-Sterne-Haus auf. In der Folge setzen Lukas und Marion sowie seine Schwester Sarah immer stärker auf Regionalität und Nachhaltigkeit. Lukas spricht von einer „r30-Philosophie“ und meint damit, dass die benötigten Produkte – soweit dies möglich ist – von Lieferanten im Umkreis von 30 Kilometern stammen. Dies hilft auch den bäuerlichen Produzenten in den umliegenden Gemeinden.
2018 war insofern ein besonderes Jahr, als Lukas und Marion Gerstl eine Marketingkooperation mit den Belvita Leading Wellnesshotels Südtirol eingingen. Diese Gruppe steht für Luxusurlaub auf höchstem Niveau, und ihre Strategie steht auf den vier Säulen Wellfeeling, Spa, Fitness und Vitalküche. Zur Stärkung der erwähnten r30-Philosophie wurde eine eigene Wagyuzucht im Langtauferertal initiiert, und Produkte der Eigenmarke Gerstl werden im sogenannten „Gerstl’s Stoankeller“ angeboten. Das zweite große Ereignis in jenem Jahr war die Hochzeit von Marion und Lukas. Sie haben inzwischen zwei Töchter, Gioia Marie und Stella.
Planen im Lockdown
Der Lockdown im Zuge der Covid-Pandemie war auch für das Gerstl ein tiefer Einschnitt. Aber in den Zwangsferien von 2020 war auch Zeit, Pläne zu schmieden. Lukas und Marion dachten dabei einerseits an die Weiterentwicklung des bestehenden Hotels, aber auch an den schon seit Längerem ins Auge gefassten Bau eines zweiten Hotels mit zuerst noch unbekanntem Standort. Ursprünglich wurde dabei auch an den Gardasee gedacht, diese Idee aber verworfen, weil es schwierig schien, dabei Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Gleichzeitig verstärkte sich auch der Wunsch nach einem zweiten Standbein in der Nähe. Die Wahl fiel schließlich auf ein Grundstück am Nordufer des Reschensees, das von den Eigentümern erworben werden konnte. Schließlich gelang es mit Blick auf das touristisch noch eher schwach entwickelte Gebiet und in Zusammenarbeit mit der Gemeinde kurz vor Inkrafttreten des Bettenstopps, das Grundstück als Tourismusgebiet auszuweisen. Der Standort Reschensee (einen „blauen Ozean“ hat ihn Lukas Gerstl einmal genannt) wurde auch deshalb gewählt, weil diese Region in den letzten Jahren aus mehreren Gründen einen Aufschwung erfahren hat. Der aus dem Seewasser ragende Turm der einstigen Pfarrkirche von Graun ist ein touristischer Hotspot geworden, im Sommer und Winter sind der Reschen- und Haidersee das Ziel zahlreicher Surfer auf Brettern und Kufen, und das gastronomische und das Freizeitangebot sind deutlich verbessert worden. Kurz: Ein strukturschwaches Gebiet gewinnt an Attraktivität.

Der Aufstieg des Gerstl
Vorerst lag ein Hauptaugenmerk der Familie Gerstl aber auf dem Stammhaus. Nach dem Umbau des Weinkellers 2019 und der Erweiterung der Küche wurden bis 2023 unter anderem verwirklicht: die Sky Suiten, die Garden Suiten, die Marmorbar, die Fitness- und Energy-Rooms, die Straßengalerie mit Überbauung der Landesstraße und ein Outdoorpool. Auch die Mitarbeiter:innen rückten mit dem „Gerstl Unique Team“ in den Fokus, wobei entschieden wurde, das Hotel in der Vorweihnachtszeit zu schließen und erst nach dem großen Fest wieder Gäste zu empfangen. 2022 wurde das Hotel in Erwartung des Schwesterbetriebes am Reschen in „Das Gerstl Alpine Retreat“ umbenannt. „Wir können flexible Arbeitszeiten und Arbeitsmodelle sowie Ganzjahresstellen bieten, was die Suche nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erleichtert und es ermöglicht, sie enger an das Unternehmen zu binden“, sagt Lukas Gerstl.
Das Familienhotel
Im Oktober 2023 erfolgte der Spatenstich zum Bau des „Das Gerstl Family Retreat“ nach den Plänen von Architekt Thomas Pederiva, der im Laufe der Jahre zum „Hausarchitekten“ der Familie Gerstl geworden ist. „Wir liegen auf einer Wellenlänge“, sagt Lukas. In lediglich 14 Monaten reiner Bauzeit ist ein Familienhotel mit 66 Familiensuiten und allen Nebeneinrichtungen entstanden, die Kinder- und Elternherzen höherschlagen lassen. Die Baukosten beziffert Lukas Gerstl auf 38 Millionen Euro. Zur Finanzierung beigetragen haben Banken und die Investitionsgesellschaft Euregio Plus. Mitte Mai 2025 wurde das Hotel, das gut 100 Mitarbeiter:innen beschäftigt und über eine öffentliche Kita verfügt, in Betrieb genommen. Die große Eröffnungsfeier fand dann im Dezember mit 600 Gästen statt. Dabei gab es in Festreden viel Lob und Anerkennung für die Familie Gerstl, mit der sich zum allgegenwärtigen Vinschger Wind ein kräftiger touristischer Wind gesellt hat, einer, der die Szene im Obervinschgau auf- und ein wenig durcheinanderwirbelt. Leitunternehmen werden zuweilen auch beargwöhnt, aber letztendlich befruchten sie oftmals ein ganzes Gebiet.
Drei Dinge zeichnen Lukas Gerstl zweifellos aus: Visionen, Tatendrang und Risikobereitschaft.




















